Heute erhöht die Europäische Zentralbank die Zinsen, wahrscheinlich sogar kräftig – das müsst ihr jetzt darüber wissen

Die Europäische Zentralbank erhöht die Zinsen zum zweiten Mal in diesem Jahr. EZB-Chefin Christine Lagarde gibt ihr Zögern auf. - Copyright: AP Photo/Michael Probst via Picture Alliance
Die Europäische Zentralbank erhöht die Zinsen zum zweiten Mal in diesem Jahr. EZB-Chefin Christine Lagarde gibt ihr Zögern auf. - Copyright: AP Photo/Michael Probst via Picture Alliance

Christine Lagarde ist spät dran. Lange hatte die Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB) an einer lockeren Geldpolitik mit Null-Zinsen festgehalten. Selbst als die Inflation längst Fahrt aufgenommen hatte, wollte Lagarde von Zinserhöhungen nichts wissen. Im Gegenteil erhöhte die EZB die Geldmenge sogar noch, indem sie lange Staaten ihre Anleihen abkaufte. Erst im Juli leitete die EZB die Zinswende ein.

Unterdessen stieg die Inflation im Euro-Raum auf 9,1 Prozent, in Deutschland nach EZB-Messung auf 8,8 Prozent im August. Für den Herbst drohen zweistellige Inflationsraten und neue historische Höchststände.

Die EZB und Christine Lagarde stehen unter Druck.

An diesem Donnerstag wird die EZB daher die Zinsen zum zweiten Mal in diesem Jahr anheben. Das gilt als ausgemacht. Die Frage ist nur, wie stark. Die Sitzung des EZB-Rates wird daher mit besonderer Spannung erwartet, bei Sparern und an der Börse, an den Immobilienmärkten, bei Devisenhändlern und bei den Finanzministern hoch verschuldeter Staaten. Wir beantworten die wichtigsten Fragen rund um die Sitzung der EZB.

Wie hoch sind die Leitzinsen im Euro-Raum aktuell?

Die EZB hat Mitte Juli die lange Phase der Negativzinsen beendet und die Leitzinsen im Euroraum um einen halben Prozentpunkt erhöht.

Der Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte liegt seither bei 0,50 Prozent. Zu diesem Zinssatz erhalten die Geschäftsbanken Geld von der EZB.

Der Einlagensatz stieg von minus 0,5 auf 0,0 Prozent. Zu diesem Zinssatz können Banken Geld bei der EZB anlegen.

Die EZB leitete die Zinswende damit deutlich später ein als andere wichtige Zentralbanken weltweit. In den USA erhöhte die Federal Reserve die Leitzinsen bereits mehrfach jeweils kräftig. Es wird erwartet, dass die Fed noch im September den Leitzins erneut um 0,75 Prozentpunkte erhöht. Die Bank of England erhöhte den Leitzins zuletzt im August um 0,5 Prozentpunkte auf 1,75 Prozent.

Wie stark wird die EZB die Zinsen erhöhen?

Vor jeder Zins-Entscheidung der EZB fragt die Nachrichtenagentur Reuters Volkswirte nach ihrer Erwartung. Für die aktuelle Sitzung gehen 30 von 61 Befragten davon aus, dass die EZB die Zinsen um 0,75 Prozentpunkte anhebt. 27 Volkswirte rechnen mit 0,5 Prozentpunkten, lediglich vier mit nur 0,25 Punkte.

Vereinzelt gab es sogar Stimmen, die EZB könne den Zins um einen vollen Prozentpunkt erhöhen. Dies gilt aber als wenig wahrscheinlich, weil die Zentralbank die Märkte meist auf Zinsschritte vorbereitet, um heftige Reaktionen zu vermeiden. Äußerungen wichtiger Notenbanker wurden eher in Richtung einer Erhöhung zwischen 0,5 und 0,75 Prozentpunkten interpretiert.

Die Deutsche Bundesbank gehört in der EZB zu den "Falken". Bundesbank-Präsident Joachim Nagel forderte. "Wir brauchen im September eine kräftige Zinsanhebung. Und in den folgenden Monaten ist mit weiteren Zinsschritten zu rechnen". Nagel gehört dem EZB-Rat an, entscheidet also mit.

Das österreichische Ratsmitglied Robert Holzmann, nannte einen Zinsschritt um 0,5 Prozentpunkte das "Minimum". Eine Anhebung um 0,75 Prozentpunkte solle im Rat diskutiert werden.

Laut Deutsche Bank Research haben die Finanzmärkte eine Zinserhöhung um 0,75 Prozentpunkte bereits eingepreist. Darüber hinaus erwarteten sie bis zum Jahresende zwei weitere Erhöhungen um jeweils 0,5 Punkte im Oktober und Dezember. Ende des Jahres würde der Leitzins für die Refinanzierung damit bei 2,25 Prozent liegen.

Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, hält sogar ein Zinsniveau von vier Prozent zum Ende des Jahres für angemessen.

Wie schnell senkt eine Zinserhöhung der EZB die Inflation?

„Wenn man heute die Zinsen anhebt, dann geht nicht morgen oder übermorgen automatisch die Inflation nach unten“, erläutert Tobias Basse, Analyst bei der Norddeutschen Landesbank. Wenn der Zins steigt, den Banken an die Zentralbank zahlen, geben sie dies an ihre Kunden weiter und erhöhen die Zinsen für Kredite: Investieren wird teurer. Das dämpft die Nachfrage und damit auch die Preise.

„Die Preise dürften allenfalls mit einer Zeitverzögerung von drei bis sechs Monaten auf die Zinsänderungen reagieren“, schätzt Basse.

Wichtig für die Preisentwicklung sind zudem die Inflationserwartungen von Haushalten und Unternehmen. Erwarten sie steigende Preise, schrauben Arbeitskräfte ihre Lohnforderungen nach oben, was wiederum die Preise treibt. Eine Lohn-Preis-Spirale droht. In Deutschland fordern Gewerkschaften bereits Gehaltserhöhungen. Die meisten Abschlüsse liegen aber noch unter der Inflationsrate.

Auch Unternehmen nutzen die Erwartung, dass Preise steigen, und erhöhen ihre Preise teils stärker als ihre Kosten gestiegen sind. Der Ökonom Joachim Ragnitz hat diesen Effekt nachgewiesen. Er sagt: "Wir haben neben einer Kosten- auch eine Gewinninflation".

Umso wichtiger ist das psychologische Signal der EZB. Analyst Basse: „Wenn es den Notenbanken gelingt, dass sich hohe Inflationserwartungen nicht verfestigen, wird das mittelfristig zu einem spürbaren Rückgang der Inflation führen.“

So argumentiert auch Bundesbank-Präsident Nagel: "Es besteht das Risiko, dass die Phase hoher Inflation noch länger anhält und die aktuelle Teuerungswelle nur langsam abebbt." Wenn die EZB nicht entschlossen gegensteure, "könnten sich die Inflationserwartungen dauerhaft über unserer Zielmarke von zwei Prozent festsetzen".

Welche Auswirkungen hat die Zinsentscheidung der

EZB für Sparer?

Die Zinswende hat Sparern bisher vor allem eines gebracht: das Ende der Negativzinsen. Mittlerweile zahlen viele Banken wieder Zinsen bis zu 0,5 Prozent auf Tagesgeld. Für Festgeld gibt es bereits deutlich über ein Prozent. Während die Zinsen beim Tagesgeld noch recht gering sind, haben sie sich beim Festgeld sogar teilweise vervierfacht. 

Aber: Weil die Inflationsrate noch stärker gestiegen sind, sind die Realzinsen zuletzt eher noch tiefer ins Minus gerutscht. Wer bei einer Inflationsrate von acht Prozent für sein Geld ein Prozent Zinsen erhält, verliert in einem Jahr immer noch sieben Prozent Geldwert.

Diese Schere dürfte sich nur langsam schließen. Viele Experten erwarten, dass die Sparzinsen sich zunächst parallel zu den Leitzinsen entwickeln. Um wieder zu positiven Realzinsen zu kommen, müsste also gleichzeitig die Inflationsrate noch deutlich sinken.

Welche Folgen hat die Zinsentscheidung der EZB auf die Bauzinsen?

Hausbauer haben lange von der Niedrigzinspolitik profitiert. Doch bei den Hypothekenkrediten hat die Zinswende bereits Ende 2021 eingesetzt. Seither haben sich die Bauzinsen verdreifacht.

Selbst jetzt sind Hypothekenkredite noch günstiger als im langjährigen Durchschnitt. Doch der Anstieg ist rasant und steil. Erhöht die EZB die Zinsen und deutet vor allem weitere Schritte an, werden die Hypothekenzinsen weiter steigen.

In Deutschland wird der Effekt für bestehende Kredite immerhin gedämpft. Im Gegensatz zu den USA haben die meisten Immobilienkredite hier eine mehrjährige Zinsbindung. Wer bereits eine Immobilie abbezahlt, wird nicht unmittelbar dramatische Folgen spüren. Doch die Zeit historisch niedriger Bau-Kredite ist vorbei. Mit Auslaufen ihrer Zinsbindung werden das auch Immobilienbesitzer spüren.

Die Zinswende verstärkt den Trend, dass der Immobilienboom endet. Schon jetzt gehen Bauanträge und Aufträge zurück. Über zehn Prozent der Baufirmen berichten über Stornierungen. Könnten fallende Preise für Kaufimmobilien auch eine Chance sein? Für Immobilienkäufer stellt sich die Frage: Sinken die Hauspreise schneller als die Kreditzinsen steigen oder umgekehrt?“ Hier ist bisher kein klarer Trend erkennbar, und bei den Immobilienpreisen gibt es große regionale Unterschiede.

Was bedeutet die Zinsentscheidung der EZB für die Börsen?

An den Finanzmärkten ist laut Deutsche Bank Research eine Zinserhöhung um 0,75 Prozentpunkte weitgehend eingepreist. Einen Tag vor der EZB-Sitzung verlor der Aktienindex Dax zunächst knapp ein Prozent. Mit rund 12.700 Punkte steht der Index rund 19 Prozent unter dem Stand zu Jahresbeginn.

Die Richtung ist klar: Steigende Zinsen drücken aus zwei Gründen auf die Aktienkurse. Zum einen werden andere Zins-Anlagen mit geringeren Risiken attraktiver. Damit fließt weniger Geld in den Aktienmarkt – vor allem in riskantere Titel wie Tech-Aktien. Zum zweiten dämpfen höhere Zinsen die Konjunktur und damit die Geschäftschancen der börsennotierten Unternehmen.

Was bedeutet die Zinserhöhung der EZB für den Euro

Die niedrigen Zinsen und die laue Konjunktur in Europa haben den Euro geschwächt. Im August fiel der Euro erstmals sei vielen Jahren wieder unter die Parität zum US-Dollar. Ein Euro war also weniger wert als ein Dollar. Der Euro fiel sogar bis auf den tiefsten Stand seit 20 Jahren. Am Mittwoch kostete Europas Gemeinschaftswährung 0,9895 Dollar.

Erhöht die EZB die Zinsen, stärkt das den Euro. Weil es höhere Zinsen gibt, fließt mehr Geld in den Euro-Raum. Der Euro wird also stärker nachgefragt. Sein Preis steigt. Allerdings dürfte auch am Devisenmarkt eine Zinserhöhung an diesem Donnerstag weitgehend eingepreist sein. Entscheidend ist daher auch, welche Erwartungen EZB-Chefin Lagarde für die die weitere Zinsentwicklung im Euro-Raum schürt.

Welche Folgen hat die Zinserhöhung der EZB für die Konjunktur in Europa?

Eine Zinserhöhung dämpft die Konjunktur. Höhere Zinsen machen Kredite für Investitionen teurer und sie machen Sparen im Vergleich zum Konsum attraktiver. "Die Geldpolitik will weniger Wachstum, um die Inflation auf zwei Prozent zurückzubringen", sagt Analyst Jochen Stanzl vom Broker CMC Markets.

Die aktuelle Situation ist aber ungewöhnlich: Normalerweise dämpfen Zentralbanken mit Zinserhöhungen eine heiß laufende Konjunktur. Derzeit stehen aber viele Länder im Euro-Raum bereits am Rande einer Rezession. Eine Zinserhöhung in einen Abschwung hinein birgt hohe Risiken.

"Damit wird aus einer weichen Landung der Wirtschaft Europas mit hoher Wahrscheinlichkeit eine echte Vollbremsung", sagt Analyst Stanzl.

Das eine sei nicht ganz ohne das andere zu haben, erklärt Basse: „Die Notenbanken stehen vor einem Dilemma: Sie müssen die hohen Inflationserwartungen der privaten Haushalte bekämpfen. Gleichzeitig würden die aktuell diskutierten Zinserhöhungen der Fed in den USA auf bis zu vier Prozent die wirtschaftliche Entwicklung stark dämpfen, wodurch wiederum eine Rezession droht. Diese Gefahr ist zumindest in den USA real.“