Hessen hofft aufs Euro-Clearing


Die Zahlen sind schwindelerregend: Täglich werden in London Zinsderivate für hunderte Milliarden Euro abgewickelt. Die Finanzinstrumente lauten zwar auf die europäische Gemeinschaftswährung, die Deals laufen aber vor allem über das Londoner Clearinghaus LCH, das größte Clearinghaus der Welt. Doch die Briten könnten das lukrative Euro-Geschäft verlieren, wenn Großbritannien die EU verlässt.

Clearinghäuser stehen im Handel zwischen Käufer und Verkäufer. Sie springen ein, wenn ein Geschäftspartner ausfällt. Das Euro-Clearing gilt als ein Streitpunkt in den Brexit-Verhandlungen: Großbritannien will auch weiter auf Euro lautende Geschäfte abwickeln können. Pläne der EU-Kommission sehen dagegen vor, dass systemrelevante Clearinghäuser wie LCH schlimmstenfalls ihre Lizenz verlieren können, wenn sie Auflagen der Aufsicht nicht nachkommen.

Jetzt schaltet sich Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) in die Debatte ein. Er vermutet, dass sich Großbritannien nach dem Brexit nicht mehr dem Europäischen Gerichtshof unterwerfen wird. Das sei aber eine wesentliche Bedingung dafür, dass das Euro-Clearing in London stattfinden dürfe. „Ich glaube nicht, dass sich die britische Regierung auf eine solche Fremdbestimmung einlassen würde“, sagte der Finanzminister am Montag bei einem Besuch der Deutschen Börse. Die Konsequenz: Statt in London müssten die Euro-Derivate in der Europäischen Union abgewickelt werden. Davon könnte die Deutsche Börse mit ihrem Clearinghaus Eurex Clearing profitieren. Aber auch Paris hofft auf den großen Preis von London.


Finanzminister Schäfer vermutet, dass sich viele Banken auf einen harten Brexits und eine Verlagerung des Clearings einstellen. Tatsächlich verzeichnet die Derivatebörse Eurex schon jetzt wachsende Umsätze an ihrem Clearinghaus, auch wenn die Spezialität der Londoner, die so genannten OTC-Derivate, dort bislang nur eine Nebenrolle spielen. „Wir stehen bereit, wenn Institute aus London ihre Geschäfte bei uns abwickeln wollen“, sagt Eurex-Chef Thomas Book dem Handelsblatt.

„Aber auch unabhängig von der Diskussion ums Euro-Clearing gibt es strukturelle Wachstumschancen für die Eurex", sagt Book. So haben sich die EU-Mitglieder darauf verständig, dass das außerbörsliche Derivategeschäft auf regulierte Märkte verlagert werden soll. Auch davon will die Eurex profitieren. Gefragt seien aber auch neue Produkte, mit denen sich Anleger, die in globale Aktienbarometer wie den MSCI World investieren, gegen Marktschwankungen absichern können. „Für solche globalen Indizes wollen wir die führende Derivatebörse werden“, sagt Book.