"Im Herzen ein Kleingangster": "heute-show" veralbert Erdogan im Frankreich-Streit

Jürgen Winzer
·Lesedauer: 5 Min.

Deutscher Satriker versus türkischer Staatschef: Da war doch was! Nach Jan Böhmermmans "Schmähgedicht"-Affaire (2016) nahm sich nun Oliver Welke in der "heute-show" Recep Erdogan zur Brust und sprang Frankreich zur Seite. Mitleid gab's dagegen für Friedrich Merz, die "ärmste Sau" der Coronakrise.

Schock für die Satire-Fans: Kurz nach der Begrüßung ("Schön, dass sie heute vor der Glotze sitzen - am letzten Freitag mit offenen Kneipen für eine lange Zeit!") verabschiedete sich Oliver Welke schon wieder. Auf Geheiß der Kanzlerin. Die hatte verfügt "Veranstaltungen, die der Unterhaltung dienen, werden untersagt" und Welke fügte sich. Aber - zum Glück - nur Kurz. "Wir sind nicht Unterhaltung, wir sind Kabarett." Und außerdem ist ja auch erst Montag richtig Schicht im Schacht.

Dann beginnt ... ja, was eigentlich? Der sanfte Lockdown, der Wellenbrecher-Shutdown, der weiche oder der Teil- oder der Fast-Lockdown? Welkes Steigerungs-Vorschläge: "Erst Lockdown light, danach Lockdown Zero, da darf man sich mit null anderen Leuten treffen. Und am Ende Lockdown Grünkohl Mango, wenn wirklich alles nur noch zum Kotzen ist."

Die Mehrheit leidet unter der Ignoranz einer Handvoll Vollhonks

Der Lockdown, der "ganze Branchen in den Winterschlaf" versetze, treffe nicht die Richtigen: "Die, die viel Geld in funktionierende Hygienekonzepte investiert haben, büßen jetzt dafür, dass der Staat den Sommer nicht genutzt hat, um Gesundheits- und Ordnungsämter rechtzeitig aufzurüsten." Und für die "Ignoranz von einer Handvoll Vollhonks", die Corona leugne und/oder verharmlose. Der Einspieler zeigte Deppen in der U-Bahn, die "Wer nicht tanzt, der hat Corona, hey, hey!" skandierten. Welke: "Und als nächstes singen sie 'Mein Corona killt die Oma!' Idioten, ehrlich."

Der Staat, so Welke, "hat's verbummelt." Man brauche neue Strategien, sonst hangele man sich von einem Lockdown zum nächsten. "Wir brauchen viel mehr Schnelltests und eine bessere Corona-App." Derzeit sei man einfach zu langsam für das Virus. "Das ist wie ein Wettrennen Usain Bolt gegen Peter Altmeier. Das kann man nicht gewinnen." Es dränge die Zeit, meinte Welke. Eine Einstellung wie die vom CDU/CSU-Bundesfraktionsvorsitzenden Ralph Brinkhaus ist da eher kontraproduktiv. Der schwafelte im Morgenmagazin vom "Überlegen, wie wir es bei der nächsten Pandemie machen" können. Nächste Pandemie? Das klingt so zynisch, dass man Brinkhaus glatt als "heute-show"-Autor vorschlagen könnte.

Er kann seine Überlegungen ja mal in den deutschen Schulen vortragen. Muss allerdings alle 20 Minuten Stoßlüften. Wenn man die Fenster überhaupt öffnen kann. Oder er könnte in allen Klassenzimmern mobile Luftreiniger vorbeibringen. Die Ausstattung mit Geräten, die nachweislich fast alle Viren aus der Luft filtern, würde maximal eine Milliarde Euro kosten. Naja, das ist schwer zu bezahlen - weil alleine 200 Milliarden Euro als Corona-Unterstützung an Unternehmen gezahlt werden.

Enthüllt: Die CDU hat das Virus gezüchtet, um Merz zu verhindern!

Andererseits: Was regen sich Kulturschaffende und Gastronomen und Schüler eigentlich auf, wo doch nur einer das größte Corona-Opfer, die "ärmste Sau", ist, nämlich Friedrich Merz! "Der Mann", so Welke, "stand so kurz vor der Kanzlerschaft und dann sagen die Schweine seinen CDU-Krönungsparteitag ab!" Das war kein Welke-Scherz, Merz sieht das genau so, nämlich als letzten Teil der "Kampagne: Merz verhindern". Welke meinte, es sei schon bezeichnend, dass jemand eine weltweite Bedrohung nur auf sich münze - und offenbarte dann die Sensation.

Denn, so fand das Magazin "heute-show Mystery" (Slogan: "Das und mehr völlig erfundene Fakten!") heraus: Die CDU hat das Virus im Labor gezüchtet, um Friedrich Merz als Kanzlerkandidat zu verhindern! Initiator sei der "irre Wissenschaftler Armin L." gewesen, der im Januar eine Fledermaus infiziert und dann mit UPS nach Wuhan geschickt habe.

Heißt der BER bald "Willy völlig abgebrannt"-Airport?

Wollte er es jetzt tun, es würden sich nur wenige Frachtflugzeuge finden. Kaum einer fliegt. Und ausgerechnet jetzt - es klingt nach 14 Jahren Bauzeit wie ein Treppenwitz - eröffnet tatsächlich und unglaublicherweise der BER in Berlin. Und ist schon am Tag seiner Eröffnung quasi pleite. Wenn nicht ein Loch von 300 Millionen Euro schnellstmöglich gestopft werde, müsse der "Willy Brandt"-Flughafen wohl in "Willy völlig abgebrannt"-Airport umbenannt werden.

Der Flughafen ist mit 6 Milliarden Euro doppelt so teuer geworden wie einst geplant. Um solche Fehler künftig zu vermeiden, empfahl eine Untersuchung, künftig nach der Maxime "erst fertig planen, dann bauen" zu verfahren. Das sei aber gewagt, meinte Welke. Und das ist auch noch - wenn überhaupt - fernste Zukunftsmusik. Denn, so Birte Schneider, mit dem Humboldt Forum in Berlin, dem Umbau des Deutschen Museums in München und Stuttgart 21 stünden die nächsten Großprojekte, die "Deutschland spektakulär gegen die Wand fährt", längst parat.

Tierischer Trump-Diss: "Kämpf nicht mit dem Schwein im Schlamm!"

Fünf Tage vor der "Opakalypse", der Wahl in den USA, verleumdet Donald Trump noch immer seinen Kontrahenten Joe Biden. Welke: "Klar, mit Dreck werfen ist seine Kernkompetenz." Und darin ist er, sagt Ex-Kommunikationsdirektor des Weißen Hauses Anthony Scaramucci, auch richtig gut: Sein Rat an Biden: "Der Bauer sagt: 'Kämpf nicht mit dem Schwein im Schlamm - es fühlt sich da wohler als du'. Und Trump ist das Schwein." Dieser Vergleich, so Welke, sei eine üble Beleidigung: "Schweine sind sehr intelligente Tiere."

Trump könne, so berichtete Welke, auf die Stimmen seiner treuesten Anhänger zählen, die der insgesamt 60 Millionen Evangelikalen. 81 Prozent von ihnen gaben ihm 2016 ihre Stimme und sie verehren ihn noch immer, obwohl er "den schwarzen Gürtel in allen sieben Todsünden" (Welke) habe. Eine Verehrerin hält ihn für "den Gesalbten", einen anderer bezeichnet ihn als "Kind von König Jesus". Das rückte Welke gerade: "Das Einzige, womit der gesalbt wird, ist seine Bräunungscreme." Und zur Abstammung: "Sein Vater war Immobilienmakler und sein Opa hatte nen Puff in Kanada." Welke grantelte: "Wie kann man denn auf diesen Fake-Christen nur eine Sekunde hereinfallen?"

"Kauft Frankreich leer und ärgert Erdogan!""

Fake. Beschimpfungen. Glaubensdinge. Das sind auch die Baustellen von Recep Erdogan. Der oberste Türke schmähte nach den Attentaten in Frankreich dessen Präsident Macron ("Der Herr ist ein Fall für den Arzt!"), weil dieser gegen den Kampf gegen den Islamismus (NICHT Islam!) und für die Meinungsfreiheit aufrief. Weshalb Erdogan seine Landsleute anwies, französische Produkte zu boykottieren. "Im Herzen bleibt Erdo halt ein Kleingangster", schlussfolgerte Welke und ermunterte seine Zuschauer "ausdrücklich": "Kauft Frankreich leer wie blöde! Es schmeckt alles sehr gut - und Sie ärgern Erdogan!"