Der Herr der Milliarden


Für viele Menschen wäre es ein Ritterschlag, einmal in ihrem Leben auf einer Rangliste des US-Magazins „Forbes“ zu stehen. Für Yngve Slyngstad gilt das nicht, obwohl er die Ehre schon mehrfach hatte: Platz 35 der einflussreichsten Finanzexperten der Welt belegte der 54-Jährige im vergangenen Jahr. Lieber im Hintergrund werkeln als im Rampenlicht stehen, scheint eher das Motto des Herrn über knapp 900 Milliarden Euro zu sein.

Während viele seiner Kollegen an seiner Stelle wohl mit stolzgeschwellter Brust herumlaufen würden, scheint es Slyngstad geradezu peinlich zu sein, zu den wirklich Mächtigen der Finanzwelt zu zählen. Der hoch aufgeschossene, schlaksige Skandinavier mit dem glatt rasierten Kopf und dem kleinen Bärtchen ist auch in seinem Heimatland ein relativ unbeschriebenes Blatt - niemand, der gern über rote Teppiche schreitet oder Homestorys zulässt. Dabei gäbe es sicherlich viel Interessantes über ihn zu berichten. Denn der oft fast schüchtern wirkende Slyngstad ist bereits seit fast zehn Jahren der Chef von „Statens Pensjonsfond Utland“, besser bekannt als norwegischer Ölfonds, immerhin der größte Staatsfonds der Welt.

Wie groß der Fonds tatsächlich ist, verrät ein Blick auf die Homepage (https: www.nbim.no). Da wird einem schon schwindelig, wenn die Ziffern auf einem großen Display flimmern. Die Anzeige informiert über den aktuellen Marktwert des Fonds. Und der ändert sich sekündlich. Mal verschwinden binnen Bruchteilen einer Sekunde ein paar Hundert Millionen oder kommen hinzu. 8.003 Milliarden norwegische Kronen verwaltet der Fonds unter Chefmanager Slyngstad derzeit.



8.003 Milliarden Kronen, das sind mehr als 858 Milliarden Euro, die jeden der fünf Millionen Norweger theoretisch zum Kronen-Millionär machen. Denn in den 1996 gegründeten Fonds fließen die Einnahmen aus dem staatlich kontrollierten Öl- und Gasgeschäft des skandinavischen Landes. Der Fonds wurde eingerichtet, um den Wohlfahrtsstaat auch noch nach dem Versiegen der Öl- und Gasquellen finanzieren zu können. Der Ölfonds dient allerdings nicht nur der sozialen Vorsorge, sondern soll auch den Staatshaushalt in Balance halten.

„Unser Ziel ist es, die bestmögliche Rendite bei einem akzeptablen Risiko zu erzielen“, sagt Slyngstad nüchtern. Bislang scheint dies ihm und seinen Vorgängern gelungen. Seit dem Start vor gut 20 Jahren beträgt die Rendite im Schnitt 5,9 Prozent pro Jahr - trotz Börsenkrisen und Niedrigzinsen.


Rüstungs- und Tabakkonzerne sind tabu

Mehr Aktien für den Staatsfonds In seiner Anlagestrategie setzt der Fonds Vorgaben der norwegischen Regierung um. Doch der Chef des Ölfonds, seit dem 1. Januar 2008 eben Slyngstad, hat seinen Einfluss: Erst kürzlich hat der Fonds die Erlaubnis erhalten, seine Investments in Aktien um zehn Prozentpunkte auf bis zu 70 Prozent zu erhöhen. Slyngstad hatte das vorgeschlagen, um die infolge der Niedrigzinsen geringen Renditen bei Staatsanleihen ausgleichen zu können. Mindestens 25 Prozent müssen in Staatsbonds angelegt werden, bis fünf Prozent in Immobilien.

Ende Juni hatte der Fonds 65,1 Prozent seiner Mittel in Aktien investiert, 32,4 Prozent in Staatsanleihen und 2,5 Prozent in Immobilien. Dass der Aktienanteil weiter aufgestockt wurde, ist nicht verwunderlich. Denn Aktienanlagen gaben im zweiten Quartal 2017 eine Rendite von 3,4 Prozent her, während Staatsanleihen nur 1,1 Prozent einbrachten. Immobilien warfen 2,1 Prozent ab.

Die Top Ten der gewichtigsten Aktieninvestments liest sich wie das „Who's who“ der Wirtschaft: Als größte Beteiligung steht der US-Konzern Apple oben in der Anlageliste, gefolgt von Nestlé und der Google-Mutter Alphabet. Die Fondsmanager bilden den Index FTSE Global All Cap nach und versuchen, ihn durch gezielte Investments zu schlagen. Staatsbonds aus den USA, Japan und Deutschland sind am stärksten vertreten, vor solchen aus Mexiko, Großbritannien, Frankreich, Südkorea, Italien und Spanien.


Unter Slyngstads Führung hat sich der Fonds zu einem aktiveren Aktionär entwickelt. Das hat nicht zuletzt der VW-Konzern zu spüren bekommen. Der Ölfonds ist mit 1,02 Prozent einer der größten Einzelaktionäre. Nach dem Dieselskandal forderten die Fondsmanager den Konzern auf, „eine bessere Führungsstruktur“ aufzubauen. Die bisherige sei „komplex und problematisch“. Von anderen Beteiligungen hat sich der Fonds getrennt, wenn Ausrichtung oder Management nicht stimmten. Rüstungs- und Tabakkonzerne sind als Anlage ebenso tabu wie Firmen, die in Korruptionsfälle verwickelt sind. „Bei unserer Größe haben wir eine besondere Verantwortung für eine gute Unternehmensführung“, begründet der Chef.

Dem Fonds gehören 1,3 Prozent sämtlicher weltweit ausgegebener Aktien und 2,5 Prozent der europäischen. In Deutschland hält er 4,1 Prozent an den Dax-Firmen. Der Anteil an einem einzigen Unternehmen darf jedoch nie über zehn Prozent steigen. Insgesamt sind die Norweger damit an 9.000 Unternehmen in 77 Ländern beteiligt.

Slyngstad imponiert das offenbar wenig. Kein Wunder, denn der dreifache Vater und Herrscher über die norwegischen Petro-Milliarden kennt sich mit Zahlen aus. Bevor er Fondschef wurde, arbeitete er bereits zehn Jahre bei der Zentralbank in Oslo. Slyngstad weist neben einem Jura- und einem Ökonomie-Studium in Oslo noch einen Master in Volkswirtschaft in Santa Barbara, Kalifornien, und ein Politologie-Studium in Paris vor. Das gibt Selbstbewusstsein, das sich manch anderer auf dem roten Teppich holen muss.