Herkunft von tausend Schädeln aus früherer deutscher Kolonie soll geklärt werden

Experten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) wollen in weltweiter Kleinarbeit die Herkunft von etwa tausend namenlosen menschlichen Schädeln aus dem früheren deutschen Kolonialgebiet Deutsch-Ostafrika klären. Dazu sollen in einem zweijährigen Projekt unter anderem historische Aufzeichnungen von Sammlern und kolonialen Institutionen zusammengetragen und ausgewertet werden, wie die SPK am Donnerstag in Berlin mitteilte.

Auch der Aufbau eines internationalen Wissenschaftlernetzwerks aus Tansania, Burundi und Ruanda gehört dazu. Auf ihrem Gebiet lag die damalige Kolonie. Die Schädel übernahm die SPK vor sechs Jahren von der Berliner Universitätsklinik Charité, in deren historischen anthropologischen Sammlungen sie sich befanden. Sie waren vor dem Ersten Weltkrieg gesammelt worden.

Die Herkunft der Gebeine ist ungeklärt, weil die ursprüngliche Dokumentation der Sammlungen größtenteils nicht mehr existiert. Das an dem zur SPK gehörenden Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin angesiedelte Forschungsprojekt soll versuchen, die menschlichen Überreste doch noch zuzuordnen und eventuell an Vertreter der betroffenen Länder zurückzugeben.

"Erst wenn wichtige historische Fakten gemeinsam aufgearbeitet sind, können wir entscheiden, was mit den Schädeln geschehen muss", erklärte der ruandische Botschafter in Deutschland, Igor Cesar, bei der offiziellen Projektvorstellung am Donnerstag in Berlin. Ähnlich äußerte sich dort auch SPK-Präsident Hermann Parzinger. Zunächst müsse die Herkunft geklärt werden, um dann "gemeinsam nach angemessenen Lösungen des Umgangs zu suchen".

In den vergangenen Jahren waren bereits mehrfach sterbliche Überreste aus den zur Kolonialzeit entstandenen Sammlungen der Charité an die Nachfahren ihrer Volksgruppen übergeben worden, die identifiziert werden konnten. Dabei ging es um menschliche Schädel aus Namibia, der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika.

Die Schädel waren während der Zeit des Deutschen Kaiserreichs (1871 bis 1918) von Forschern zusammengetragen und nach Deutschland gebracht worden. Untersuchungen an ihnen dienten damals dazu, rassistisches Gedankengut zu untermauern. Die Identifizierung und Rückgabe der Gebeine ist für die Nachfahren der Bewohner der damaligen Kolonialgebiete von erheblicher symbolischer Bedeutung.

Die rund tausend Schädel waren der SPK 2011 nach deren Angaben in "äußerst schlechtem Zustand" übergeben worden und mussten in langwieriger Arbeit zunächst gereinigt und konserviert werden. An der nun folgenden Identifizierung sollen sich Forscher der verschiedensten Fachrichtungen beteiligen. Sie wollen unter anderem die Aktenbestände der damaligen Gebeinesammler sowie militärischer und auch kirchlichen Institutionen auswerten.

Darüber hinaus könnten auch anthropologische Untersuchungen an den Schädeln genutzt werden. Dabei sollen laut SPK aber nur Methoden zum Einsatz kommen, welche die Knochen nicht beschädigen.

Das Deutsche Reich unterhielt bis zu seinem Untergang am Ende des Ersten Weltkrieg ein kleines Kolonialreich. Die größten Kolonien waren Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika sowie Kamerun in Westafrika. Dazu kamen weitere Gebiete etwa im Pazifik. Nach seiner Niederlage im Ersten Weltkrieg musste es alle Kolonien laut Bestimmungen des Versailler Vertrags abtreten.