Herbstliche Börsenimpulse gesucht

Anlageprofis rechnen auch in der neuen Börsenwoche mit weiteren Gewinnmitnahmen – das dürfte den Dax aber nur kurz unter Druck setzen. Was passiert auf geldpolitischer Ebene? Anleger warten hier gespannt auf Hinweise.


Die Aktienmärkte haben eine weitere schwache Handelswoche hinter sich. Der deutsche Leitindex Dax, der noch zum Monatsanfang ein Allzeithoch bei knapp 13.526 Punkten erreicht hatte, kämpft nun wieder mit der Marke von 13.000 Punkten. Am Freitag schloss er sogar unter dieser psychologisch wichtigen Hürde. Manche Experten beschwören bereits das Ende der Hausse – andere bleiben vorsichtiger.

„Für weihnachtliche Vorfreude an den Aktienmärkten ist es noch etwas zu früh“, betont Claudia Windt, Analystin von der Helaba. Ähnlich sieht es DZ Bank-Analyst Michael Bissinger. Für ihn stehen vorübergehend weitere Gewinnmitnahmen auf der Tagesordnung. Diese seien eine direkte Antwort auf das sichtbare „Heißlaufen“ von Kursen und volkswirtschaftlichen Frühindikatoren. „Sollten die Aktien daher in den kommenden Tagen weiterhin verkauft werden, ergeben sich möglicherweise schon bald gute Möglichkeiten zum Kauf“, ist er überzeugt. Mittelfristig bleibt er positiv für die Aktienmärkte gestimmt. Er und seine Kollegen sehen den Dax Ende 2018 bei 14.000 Punkten stehen.


Zuletzt hatten die Fortschritte bei der US-Steuerreform wieder neue Hoffnungen bei den Anlegern geweckt. Enttäuschungspotenzial gibt es dabei aber nach wie vor. Zwar hat der von Präsident Donald Trump vorgelegte Gesetzentwurf mit der Verabschiedung durch das Repräsentantenhaus eine erste Hürde genommen. Kurz danach gab der Finanzausschuss des Senats grünes Licht, um eine andere Version für das Steuersenkungspaket in der zweiten Kongresskammer zur Abstimmung vorzulegen.

Doch die eigentliche Herausforderung stehe mit der Abstimmung im Senat erst bevor, wendet Helaba-Expertin Windt ein: „Bislang hat es Trump nicht geschafft, seinen großartigen Ankündigungen auch Taten folgen zu lassen.“ Es sei unwahrscheinlich, dass sich die Reihen aller Republikaner schließen lassen, wenn die Steuerreform mit einem erheblichen Anstieg der Staatsverschuldung erkauft wird.

Für Impulse auf dem Aktienmarkt hatte zuletzt auch die starke Konjunktur gesorgt. In der neuen Börsenwoche allerdings stehen in den Vereinigten Staaten nur wenige Konjunkturdaten zur Veröffentlichung an. Wegen des Thanksgiving-Feiertags bleibt die Wall Street am Donnerstag ohnehin geschlossen, am Freitag ist der Handel verkürzt.


Neben der Steuerreform dürften Anleger ihr Augenmerk daher vor allem auf die Geldpolitik richten. Denn am Mittwoch macht die US-Notenbank Fed das Protokoll ihrer letzten Sitzung publik. „Das Protokoll dürfte die Zinserwartungen bezüglich der Fed bestätigen. Derzeit wird einer Zinsanhebung im Dezember eine Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent beigemessen“, meint Markus Koch aus dem Zins und Credit Research der Commerzbank. Am Donnerstag steht dann auch im Euroraum das Protokoll der letzten Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) auf der Agenda.

Hiervon erhoffen sich Anleger weitere Einzelheiten zu der geplanten Reduzierung der Anleihekäufe ab dem Jahr 2018. Gleichwohl herrscht der Helaba zufolge Stillstand an den Rentenmärkten. Hier fehle es angesichts niedriger Inflationserwartungen an Vorstellungskraft, warum die Zinsen überhabt jemals wieder steigen sollten.

In der ablaufenden Woche goss EZB-Chef Mario Draghi selbst Öl ins Feuer. Seiner Einschätzung nach ist der Euroraum trotz Wirtschaftserholung weiterhin auf das billige Geld der Notenbank angewiesen. „Wir sind noch nicht an dem Punkt angelangt, an dem die Erholung der Inflation sich selbst trägt ohne unsere unterstützende Geldpolitik“, sagte er bei einem Bankenkongress in Frankfurt.


Wenig Neues auf der Firmenebene


Neue Daten zur Konjunkturentwicklung im Euro-Raum sind für Anleger daher besonders interessant. So werden am Donnerstag in der Eurozone die Einkaufsmanagerindizes (PMIs) für das verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor veröffentlicht. Während der Index für den Dienstleistungssektor seit Mai in der Tendenz fällt, ist der Index für die Industrie zuletzt auf einen langjährigen Hochpunkt gestiegen. „Die Erfahrungen in der Vergangenheit sprechen dafür, den Rückgang des Dienstleistungs-PMIs ernster zu nehmen als den Anstieg des Index für die Industrie“, meint Commerzbank-Ökonom Christoph Weil. „Wir gehen davon aus, dass der Index für den Dienstleistungssektor im November auf dem aktuellen Niveau verharrt, was für eine Zunahme des realen Bruttoinlandsprodukts im Schlussquartal von gut einem halben Prozent sprechen würde.“

Aus Deutschland kommt am Freitag dann auch das ifo-Geschäftsklima für November. Im Oktober war der Index, der aus einer Umfrage unter etwa 7000 Firmen generiert wird, auf einen neuen Rekordwert von 116,7 Punkten gestiegen. Darüber hinaus gibt es von den Unternehmen nächste Woche wenig Neues: Die meisten Berichte für das dritte Quartal liegen bereits vor. Nur am Donnerstag steht mit der Jahresbilanz von Thyssen-Krupp noch ein Dax-Konzern im Terminkalender. Neben den Zahlen interessieren sich Anleger aber vor allem für Neuigkeiten rund um die geplante Stahlfusion mit Tata Steel. Bereits am Dienstag öffnen zudem die Börsenneulinge Hello Fresh und Vapiano ihre Bücher.


Insgesamt ist die Quartalssaison solide verlaufen – 64 Prozent der europäischen Unternehmen haben Ergebnisse auf oder über den Erwartungen vorgelegt, wie die Analysten von Société Générale betonen. Allerdings ist der Ausblick nicht mehr ganz so rosig wie noch vor ein paar Monaten. Vor allem in der Eurozone bremst der stärkere Euro. Am Freitag kletterte die Gemeinschaftswährung zeitweise über 1,18 Dollar. Anfang Januar war der Euro noch etwa 1,05 Dollar wert gewesen.

Die US-Währung notierte zum Wochenende hin wohl auch deshalb niedriger, weil es neue Enthüllungen in der Affäre um eine angebliche russische Einflussnahe bei den US-Präsidentschaftswahlen im vergangenen November gab. Das „Wall Street Journal“ hatte berichtet, dass US-Sonderermittler Robert Mueller im vergangenen Monat mehrere Mitglieder aus dem Wahlkampfteam von Präsident Donald Trump vorgeladen habe. Trumps Schwiegersohn Jared Kushner soll demnach besonders im Visier der Ermittler stehen.

Auch hierzulande geriet die Politik zuletzt stark in den Blick. Die stockenden Sondierungsgespräche der geplanten Jamaika-Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grünen vermiesen vielen Wählern etwas die Stimmung. An der Börse perlt dies aber bislang weitgehend ab.


Am Ölmarkt wirft unterdessen die Sitzung des Ölkartells Opec am 30. November ihre Schatten voraus. War lange Zeit das Überangebot am Ölmarkt der wesentliche Bestimmungsfaktor für die Preise, könne davon momentan keine Rede mehr sein, meint LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert. Seit dem zweiten Quartal dieses Jahres gebe es ein Angebotsdefizit: „Verantwortlich dafür ist zum einen die Opec, die mit mehreren Nicht-Opec-Staaten ein Abkommen getroffen hat, das die Ölförderung seit Anfang 2017 beschränkt.“



Dieses Abkommen ist bis März 2018 gültig und dürfte auf dem nächsten Opec-Treffen verlängert werden. Verantwortlich dafür sei aber auch das starke Weltwirtschaftswachstum, das für eine deutlich steigende Ölnachfrage sorgt. „Sofern die Weltwirtschaft auch im Jahr 2018 auf Kurs bleibt, dürfte sich das Angebotsdefizit am Ölmarkt sogar noch ausweiten“, erwartet Burkert, der daher den Brent-Ölpreis Ende 2018 bei 65 Dollar pro Fass sieht. Momentan liegen die Notierungen bei etwa 62 Dollar je Barrel.

KONTEXT

Wie sich die Dax-Börsenmonate seit 1959 entwickelt haben

Januar-Performance

Viele Anleger glauben, der Januar sei der Börsenmonat mit der höchsten durchschnittlichen Performance. Weit gefehlt. Mit plus 0,78 Prozent ist das ein durchschnittlicher Monat, der im Vergleich zu den anderen elf nur auf Rang fünf liegt. Für die Berechnungen seit dem Jahr 1959 hat die Baader Bank den Dax seit Juni und die Vorläuferindizes der Börsenzeitung (1981 bis 1988) und den Hardy-Index (1959 bis 1981) genommen.

Februar-Performance

Bereits im zweiten Monat des Jahres halbiert sich im Vergleich zum Januar die durchschnittliche Performance und beträgt nur noch 0,33 Prozent. Das bedeutet Rang acht.

März-Performance

Wer hätte das gedacht? Der März ist der beste Börsenmonat. Durchschnittlich sind die Kurse um 1,54 Prozent gestiegen - deutlich höher als in den Monaten November und Dezember, in denen die meist lukrative Jahresendrally stattfindet.

April-Performance

Doch nur einen Monat später halbiert sich das Plus auf 0,76 Prozent - Platz sechs in der Statistik für den Monat April.

Mai-Performance

"Sell in May and go away" lautet das bekannte Börsensprichwort und bei der durchschnittlichen. Vom Jahresanfang betrachtet ist der Mai der erste Monat mit einem negativen Entwicklung- Die beträgt minus 0,12 Prozent und damit Rang neun.

Juni

Und in den folgenden Monaten geht es weiter runter: Im Juni sinkt die durchschnittliche Performance auf minus 0,27 Prozent und damit auf den neunten Platz der Börsenmonate.

Juli-Performance

Ein kurzes Comeback zeigt der Juli, die durchschnittliche Performance seit 1959 ist mit plus 0,79 Prozent wieder positiv und hieven den Zeitraum auf den vierten Platz.

August-Performance

Doch bereits im August geht es wieder abwärts mit minus 0,33 Prozent und damit der vorletzte Rang in der Börsenstatistik.

September-Performance

"Für Börsenspekulanten ist der Februar einer der gefährlichsten Monate. Die anderen sind Januar, März, April, Mai, Juni und Juli, bis Dezember", sagte einst der Schriftsteller Mark Twain. Doch, zumindest im Durchschnitt gesehen, ist nur der Monat September gefährlich. Mit 1,86 Prozent übertrifft das Minus alle anderen Monate mit deutlichem Abstand, der September ist Schlusslicht.

Oktober-Performance

"Ein Crash-Monat Oktober mag zwar dramaturgisch reizvoll sein. Und sicher hat es üble Exemplare dieses Monats an den Aktienmärkten gegeben, z.B. 1987 oder 2008. Außerdem hat sich seit Jahresbeginn u.a. im DAX ein ordentlicher Kurspuffer angehäuft, der zu Gewinnmitnahmen einlädt", meint Kapitalmarktexperte Robert Halver von der Baader Bank. Doch gegenüber dem September muss der Oktober nicht gefürchtet werden. Historisch betrachtet verzeichnete der Dax in diesem Monat sogar ein Plus von 0,75 Prozent.

November-Performance

Und nun zur Jahresendrally: Der beste Monat ist dafür der November mit einer durchschnittlichen Performance plus 1,35 Prozent. Damit ist dieser Monat der zweitbeste hinter dem März.

Dezember-Performance

Gegenüber dem Monat November fällt der Dezember etwas zurück. Das durchschnittliche Plus beträgt 1,13 Prozent und damit Rang drei der Börsenstatistik.

KONTEXT

Meilensteine des Dax

1. Juli 1988

Der Dax wird aus der Taufe gehoben. Basis der Berechnung ist der 30. Dezember 1987 mit einem Wert von 1.000 Punkten.

18. November 1996

Bei der Privatisierung der Deutschen Telekom wird die T-Aktie als Volksaktie vermarktet. Das Interesse der Öffentlichkeit am Dax nimmt dramatisch zu.

7. März 2000

Der Dax erreicht ein Rekordhoch von 8136,16 Punkten. Händler begründen die Euphorie mit Fusionsfieber. Ein geplanter Zusammenschluss der Deutschen mit der Dresdner Bank scheitert aber. Die Dresdner Bank geht an die Allianz, die sie im Mai 2009 an die Commerzbank weiterreicht. Auf dem Höhepunkt der Börseneuphorie wird die Chip-Tochter von Siemens, Infineon, zu einem Emissionspreis von 35 Euro an den Anleger gebracht. Die Platzierung ist 33-fach überzeichnet. Danach beginnt beim Dax eine langjährige Abwärtsbewegung, die von den Anschlägen in New York und Washington am 11. September 2001 verschärft wird.

12. März 2003

Der Dax rutscht unter 2200 Punkte und notiert damit so tief wie zuletzt im November 1995. Im Laufe des Jahres dreht er. Mit der Erholung der Weltwirtschaft in den Folgejahren wächst auch das Vertrauen in die Gewinnentwicklung der Unternehmen wieder.

13. Juli 2007

Mit 8.152 Zählern setzt der Dax einen neuen Meilenstein. Trotz erster Bankenpleiten und Notoperationen der EZB am Geldmarkt hält sich der Dax zu Beginn des Krisenjahres 2008 über 8000 Zählern. Doch ab dann geht es bergab. 2009 beschleunigt der Absturz des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate die Talfahrt des Dax.

9. März 2009

Die Krise der Banken hat Tribut gefordert: Mit 3588 Punkten erreicht der Dax zeitweise den niedrigsten Stand seit Oktober 2003. Doch es gibt Hoffnung. Denn nur wenige Tage später wirft die Fed die Notenpresse an. Von nun an geht es bergauf. Am 25. Oktober schafft der Dax zum ersten Mal in seiner Geschichte den Sprung über die Marke von 9000 Punkten.

5. Juni 2014

Erstmals in seiner Historie ist der Dax fünfstellig. Um 14:33 Uhr knackt der deutsche Leitindex die magische Marke und steigt bis auf 10.014 Punkte.

22. Januar 2015

EZB-Präsident Mario Draghi beschließt ein Anleihekaufprogramm im Stile der Federal Reserve. Die Zentralbank wird bis September 2016 Staats- und Unternehmensanleihen im Wert von 60 Millionen Euro aufkaufen. Insgesamt sollen so 1,14 Billionen in die Märkte gespült werden. Der Dax springt nach nervösen Pendelbewegungen auf ein Rekordhoch von 10.454 Punkten. In den folgenden Tagen hält die Hausse an, am 13. Februar springt der Dax das erste Mal über in seiner Geschichte über die 11.000-Punkte-Marke. Damit sollte die Rekordjagd aber gerade erst beginnen.

16.März 2015

Bereits wenige Wochen nach der Eroberung der 11.000-Punkte steht ein weiterer Meilenstein der Dax-Geschichte auf der Börsen-Agenda. Der Leitindex klettert zum ersten Mal über 12.000 Punkte. Weder der Konflikt in der Ostukraine noch der sich immer weiter zuspitzende Schuldenstreit scheinen die Börsenteilnehmer groß zu stören. Sie kaufen Aktien und befeuern die Hausse.

14. Juni 2017

In Erwartung einer positiven Zinsentscheidung der US-Notenbank knackt der Dax das erste Mal im Laufe seiner Geschichte die 12.900 Punkte und erreicht schließlich sein Allzeithoch von 12.921 Punkten. Schon in den Monaten zuvor hatte der Dax im Anschluss an den Erfolg des europafreundlichen Politikers Emmanuel Macron bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich seinen Höchststand mehrfach verbessert.

20. Juni 2017

Einen Tag vor der Sommersonnenwende des Jahres 2017 treiben Dax-Anleger das deutsche Börsenbarometer erneut auf einen Rekord. Im Verlauf des Handelstages steigt der Dax auf 12.952 Punkte. Es sollte ein schwieriger Sommer folgen.

12. Oktober 2017

Nach mehreren Anläufen durchbricht der Dax erstmals die Schallmauer von 13.000 Punkten. Zwar reicht es an diesem Donnerstag nur für wenige Minuten auf dem Gipfel, aber die Aussicht ist herrlich - und die Anleger kehren zurück. Einige Tage später schloss der Leitindex mit dem Rückenwind von der Bilanzsaison auch erstmals über der Tausendermarke. Aktuelles Allzeithoch: 13.525 Zähler.