Herbert Diess verordnet Volkswagen mehr Demut

Herbert Diess hat sich zum ersten Mal als VW-Chef den Aktionären präsentiert. Unter ihm soll der Kulturwandel endlich Fahrt aufnehmen.


Die Hauptversammlung bei Volkswagen beginnt traditionell mit einem Fototermin. Erst ist der gesamte Vorstand an der Reihe: Das achtköpfige Topmanagement lässt sich vor den neuen Elektroautos von Skoda, Porsche, Volkswagen und Audi ablichten. Mit den neuen E-Modellen will der Konzern vom nächsten Jahr an den Einstieg in das Batteriezeitalter schaffen.

Danach gibt es noch einmal eine zusätzliche Fotosession für den neuen Vorstandsvorsitzenden: Herbert Diess lässt sich allein und ohne seine Kollegen fotografieren. Porträts des Konzernchefs stehen auf dessen erster Hauptversammlung hoch im Kurs. Und bevor das eigentliche Aktionärstreffen beginnt, klicken noch einmal Dutzende von Fotoapparaten. Herbert Diess und der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch zusammen sind das nächste begehrte Motiv.

Premiere in Berlin

Nach der Begrüßung durch Pötsch beginnt der erste Auftritt von Herbert Diess auf einer VW-Hauptversammlung als Vorstandsvorsitzender. Diess gibt sich in seiner Rede nicht zufrieden damit, dass er den Sprung auf den Posten des Vorstandsvorsitzenden geschafft hat.

Der neue Konzernchef erwartet vielmehr, dass Volkswagen vor einem großen Berg von Arbeit steht, gerade wegen der beiden Megatrends Elektrifizierung und Digitalisierung. „Der größte Teil der Wegstrecke liegt noch vor uns. Die entscheidenden Jahre unserer Transformation kommen erst“, erläutert Diess seinen Aktionären.

Diess: US-Aufpasser mit richtiger Diagnose

Unzufrieden gibt sich Diess mit dem, was in den zurückliegenden gut zwei Jahren nach dem Beginn der Dieselaffäre in Sachen Unternehmenskultur passiert ist. Volkswagen habe nach außen den Anschein erweckt, dass in Wolfsburg eine Wagenburgmentalität herrsche. Das müsse sich unbedingt ändern. „Mir ist es ein Anliegen, dass Volkswagen offen und transparent ist. Diese Offenheit ist wichtig“, betont der neue Vorstandsvorsitzende.


Als Konzernchef wolle er dafür sorgen, dass eine saubere Unternehmenskultur zu einem der zentralen Grundpfeiler bei Volkswagen werde. Compliance und Integrität müssten im Konzern dieselbe Bedeutung bekommen wie Fahrzeugentwicklung, Produktion und Vertrieb. US-Monitor Larry Thompson, der Volkswagen noch die nächsten zwei Jahre im Auftrag des amerikanischen Justizministeriums kontrollieren wird, habe dem Wolfsburger Konzern diese Vorgabe gemacht. Diess will diesem Weg folgen: „Ich teile diese Ansicht uneingeschränkt.“

Als neuer Vorstandsvorsitzender verspricht Diess, dass unter seiner Führung in Sachen Kulturwandel vieles besser werde: „Volkswagen muss ehrlicher, offener, wahrhaftiger, in einem Wort: anständiger werden. Auch um uns selbst nicht immer wieder angreifbar zu machen.“

Alle Mitarbeiter bei Volkswagen müssten nach Recht und Gesetz handeln – geleitet vom eigenen Wertekompass des Unternehmens. Er wolle dafür sorgen, dass es bei Volkswagen künftig deutlich weniger Werteverstöße gebe. „Bei uns gab es bis in die jüngere Vergangenheit hinein eindeutig zu viel davon“, beklagt Diess.

Dieselaffäre noch längst nicht beendet

Unter Diess soll es eine offene Unternehmenskultur geben, „in der Widerspruch nicht erstickt, sondern belohnt wird“. Der Konzern habe mit dem in der Öffentlichkeit präsentierten Selbstbewusstsein manchmal übertrieben. „Uns steht eine Portion Demut manchmal gut zu Gesicht“, hebt Diess hervor, der selbst für sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein bekannt ist.

Diess macht seinen Aktionären keine Illusionen: Die Dieselaffäre ist für das Unternehmen noch lange nicht beendet. „Die rechtliche Abarbeitung wird noch Jahre in Anspruch nehmen“, kündigt Diess an. Das gilt insbesondere für Deutschland, wo die Justizbehörden ihre Ermittlungen noch immer nicht abgeschlossen haben.

Ruhe hat Volkswagen in erster Linie in den USA, wo die Verfahren zu großen Teilen abgeschlossen sind. Gewaltige Milliardenbeträge sind als Entschädigungszahlungen in die Vereinigten Staaten geflossen. Zur Bewältigung der Dieselaffäre hat Volkswagen bislang rund 25 Milliarden Euro zurückgestellt.


Diess verspricht den Volkswagen-Kunden, dass es in den Diesel auch künftig noch geben werde. Der Konzern arbeite an technischen Verbesserungen, mit denen auch verschärfte Abgaswerte eingehalten werden könnten. „Wir setzen alles daran, dass es nicht zu Fahrverboten kommen wird“, sagt er.

Der neue Vorstandsvorsitzende macht allerdings klar, dass seine absoluten Prioritäten in den kommenden Jahren dem Elektroantrieb gelten. „Die E-Mobilität kommt, sie ist der Antrieb der Zukunft.“ Bis 2025 bringe der Konzern 80 neue elektrifizierte Fahrzeuge auf die Straße, 50 davon seien rein batteriegetrieben.

Ebenfalls bis Mitte des nächsten Jahrzehnts will Volkswagen Batteriezellen im Wert von 50 Milliarden Euro einkaufen, Verträge mit einem Volumen von 40 Milliarden sein bereits unterzeichnet.

Diess warnt vor Überforderung

In Anbetracht der gewaltigen Milliardensummen hält es Diess doch noch für denkbar, dass Batteriezellen eines Tages in Deutschland produziert werden. „Diese Zahlen machen deutlich, dass wir im Industrieverbund mit vereinten Kräften über den Aufbau einer Fertigung von Batteriezellen in Europa nochmals verstärkt diskutieren müssen“, erläutert er.

Bislang dominieren Hersteller aus China, Korea und Japan das Geschäft mit Batteriezellen. Unter den deutschen Autoherstellern – wie bei Volkswagen mit Herbert Diess – wachsen die Sorgen, dass die Unternehmen technologisch ins Hintertreffen geraten.


Das Geschäftsjahr 2018 ist aus VW-Sicht gut angelaufen. Im März verzeichnete der Konzern das beste Verkaufsergebnis eines Einzelmonats in seiner Geschichte. Allerdings gibt es in diesem Jahr auch ein drängendes neues Problem: der neue Zulassungstest WLTP.

Die Abgaswerte auf dem Prüfstand und im Realbetrieb auf der Straße dürfen sich nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit unterscheiden. Für die Hersteller ist das eine wesentliche Verschärfung der Zulassungsbedingungen. Alle Modelle müssen noch einmal neu entsprechend der WLTP-Bedingungen getestet und zugelassen werden.

Engpässe im VW-Angebot möglich

Herbert Diess warnt davor, dass sein Unternehmen davon möglicherweise überfordert wird. „Unter ungünstigen Umständen können sich temporär Engpässe in unserem Angebotsprogramm ergeben“, warnt Diess. Was nichts anderes heißt, dass Volkswagen in den kommenden Monaten möglicherweise nicht alle Autos produzieren und verkaufen kann. BMW hatte einzelne Modelle schon befristet aus dem Programm genommen.

Trotzdem gibt es am Ende Applaus für Herbert Diess. Er steht für einen Neubeginn im Konzern. Ihm wird auch von den Anteilseignern zugetraut, dass er die ungelösten Probleme bei Volkswagen in den Griff bekommen wird. „Diess kann den Job“, sagt ein Kleinaktionär, „das sollte mit ihm funktionieren.“