„Helmut Kohl war ganz leicht zu provozieren“ – Ulrich Wickert bei Markus Lanz über den verstorbenen Altkanzler

Helmut Kohl verstarb am 17. Juni 2017 in seinem Geburtsort Ludwigshafen. (Bild: AP Photo)

Der „ewige Kanzler“ und sein schlechtes Verhältnis zur Presse – bei „Markus Lanz“ diskutierten Experten am 20. Juni über Helmut Kohl und seinen Umgang mit dem Feuilleton.

Bei „Markus Lanz“ drehte sich am 20. Juni viel um den verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl und dessen nicht immer ungetrübtes Verhältnis zur Presse. Dabei saßen zwei Journalisten auf dem Podium, deren Beziehung zu Kohl nicht unterschiedlicher hätte sein können: Stefan Aust, ehemaliger „Spiegel“-Chefredakteur und Moderator Ulrich Wickert.

„Kohl hat eine Art Provinzialismus ausgestrahlt, den man aus dem zehnten Stock in hanseatischen Publizistenhochhäusern mit einer gewissen Herablassung gesehen hat“, zitierte Gastgeber Markus Lanz zu Beginn Aust – und wies damit auf das schwierige Verhältnis Kohls zum „Spiegel“ an. Von 1976 an gab Kohl, den Aust als „absoluten Machtmensch“ bezeichnet, dem Magazin nie wieder ein Interview.

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„Die große Zeit, in der niemand dachte, dass man an diesem Denkmal Kohl irgendwie etwas bewegen kann, da hat sich der Spiegel wirklich abgearbeitet, hat einen Titel nach dem anderen gemacht. Manchmal hatte das auch einen Kampagnencharakter“, erzählt Aust. Kohl ließ das nicht auf sich sitzen, verweigerte dem Spiegel Interviews – und wenn er dann doch einmal auf Reporter des Magazins traf, dann gab seitens des Kanzlers die eine oder andere Spitze. „Von all ihren Kollegen stellen sie in Deutschland die dümmsten Fragen“, sagte Kohl in einem der zahlreichen launigen Interviews gegenüber einer Frage von Spiegel TV.

Wie auch schon seine Vorgänger hatte der ehemalige “Spiegel”-Chefredakteur Stefan Aust kein einfaches Verhältnis zu Helmut Kohl. (Bild: AP Photo)

Kohls Charakter analysierte die Expertenrunde anhand eines mittlerweile legendären TV-Ausschnitts, in dem ein Demonstrant in Sachsen im Jahr 1991 Kohl Eier an den Kopf warf – und Kohl sich gegen den Willen seiner Security ins Handgemenge stürzte. „Wenn Sie sich mal Kohls Geschichte angucken: Der schluckt nicht, der wird gleich aggressiv, der gibt zurück. Er war ganz leicht zu provozieren“, analysiert Ulrich Wickert.

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Dem pflichtet auch Aust bei: „Der Mann war authentisch. Er hat sich so verhalten, wie er es in dem Moment gefühlt hat. Der hat nicht nur Klischees abgesondert, hat nicht nur gedanklich vom Blatt abgelesen, sondern hat eine Menge seiner Persönlichkeit und seiner Meinung nach außen getragen.“ Eine gänzlich andere Erfahrung mit Kohl machte Ulrich Wickert, der mit dem Altkanzler im Jahr 1999 für den damals neu gegründeten TV-Sender Phoenix ein dreistündiges Interview führte. „Ich hatte das Glück, dass ich von ihm geduldet worden war“, so Wickert – der von Kohl auch teils launige, teils überraschende ehrliche Antworten auf unangenehme Fragen bekam. Unter anderem sprach Wickert Kohl darauf an, dass dieser Gorbatschow mit Goebbels verglichen hatte – ein Fehler, wie Kohl offen zugab.

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