Helmer: Spieler suchen Schwächen des Trainers

Thomas Helmer

Liebe Fußball-Freunde,

der Punkt ist: Wenn ein neuer Trainer kommt, reißen sich alle zusammen. Das passiert automatisch, egal, welcher Trainer dann am Start ist.


Wenn die Qualität in der Mannschaft da ist, führt das in der Regel automatisch zu einer Leistungssteigerung. Hansi Flick hat nur ein paar Dinge geändert: Ein bisschen defensiver spielen zu lassen, Thomas Müller als Leitbild des FC Bayern zurückzuholen und ihm wieder eine richtige Rolle zu geben.

Punkt 1: Flicks Führung folgt Heynckes' Vorbild

Ich glaube, dass es heutzutage schon wichtig ist, dass ein Trainer die Spieler vielleicht nicht zwangsläufig in den Arm nimmt, aber auf jeden Fall auch lobt und nicht nur die Fehler aufzeigt und sie in Systeme zwängt. Es sind immer noch Menschen, die miteinander arbeiten.

Eine gewisse Menschlichkeit tut gerade Spielern des FC Bayern gut, weil der Druck einfach so wahnsinnig hoch ist. Trainer müssen also auch mal loslassen können. Das war das große Erfolgsgeheimnis von Jupp Heynckes.

Er hat ja nicht unbedingt neue taktische Supervarianten ausgepackt, sondern er hat dafür gesorgt, dass die Stimmung in der Mannschaft gut war. Wie sagt man so schön: Er hat es gut moderiert. Und Hansi Flick hat da anscheinend auch eine ganze Menge drauf!


Punkt 2: Spieler suchen nach Schwächen des Trainers

Eins muss man wissen: Egal, welcher Trainer in der Kabine steht, Spieler versuchen immer, die Schwächen eines Trainers herauszufinden. Und wenn er sich zu viele leistet, dann verliert er an Autorität, dann verliert er die Kabine.

Ein Beispiel, an das ich mich noch gut erinnern kann, weil wir da als Mannschaft versagt haben, war Otto Rehhagel.

Wir haben damals zwei Heimspiele hintereinander verloren – und es war ganz klar unsere Schuld. Aber wir haben als Alibi wirklich den Trainer gesucht. Das würde ich heute nie wieder so machen, der Rest der Mannschaft auch nicht. Denn wir haben einfach schlecht gespielt und das hatte nichts mit dem Training oder der Ansprache von Otto Rehhagel zu tun. Wir haben uns schlecht präsentiert – und dann ist der Trainer die ärmste Sau.

Ähnlich war es zum Beispiel bei Trapattoni. Da hat uns die Sprache teilweise als Alibi gedient, wenn wir gesagt haben, wir verstehen nicht, was er eigentlich will. Und auch dann wird es für einen Trainer natürlich problematisch. Das konnte man auch bei Carlo Ancelotti in München sehen.

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Punkt 3: Niemand spielt gegen den Trainer, aber…

Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Man spielt nicht gegen den Trainer, das ist Quatsch. Damit schadet man sich ja selbst.

Aber es kann natürlich sein, dass die Verbundenheit zwischen Mannschaft und Trainer verloren geht und die Autorität des Trainers leidet. Aber dann ist eigentlich die Mannschaft gefordert - wenn sie das denn will. Aber wenn die Spieler nicht wollen und nicht zusammenhalten auf dem Platz, dann wird es schwierig.


Punkt 4: Distanz und Nähe - Hitzfeld war ein Meister der Balance

Ein gutes Beispiel war Ottmar Hitzfeld. Er hat das immer wunderbar hingekriegt. Er hatte eine gewissen Distanz und dann wieder eine Nähe zu den Spielern.

Und hat in entscheidenden Situationen einfach durchgegriffen: Wenn jemand sich nicht an die Vorgaben gehalten hat, dann hat er eben auch Strafen ausgesprochen und ihn das auch spüren lassen. Damit hat er immer dafür gesorgt, dass die Mannschaft unter Spannung war. Deshalb war er auch über viele Jahre so erfolgreich.

Punkt.

Euer Thomas Helmer

Als Spieler von Borussia Dortmund und Bayern München gewann Thomas Helmer drei deutsche Meisterschaften, zwei Mal den DFB-Pokal und den UEFA-Pokal 1995/96. Als Abwehrchef der deutschen Nationalmannschaft wurde er 1996 Europameister. Seit 2012 moderiert er für SPORT1 den Fan-Talk und den CHECK24 Doppelpass.