Von der Wiener Börse an die LSE


Der weltgrößte Feuerfestkonzern RHI Magnesita hat die Wiener Börse verlassen und ist seit dieser Woche in London notiert. Das Ende Oktober fusionierte Unternehmen aus der österreichischen RHI und der britischen Magnesita verspricht sich davon ein höheres Investoreninteresse. „Wir sind eine global aufgestellte Industrie. Der geographische Mittelpunkt ist für uns London“, sagt Herbert Cordt, Verwaltungsratsvorsitzender des fusionierten Konzerns RHI Magnesita, dem Handelsblatt. „In London ist die größte Liquidität für einen globalen Produzenten von Industriegütern. Die Investoren wissen, was einen Feuerfest-Produzenten ausmacht.“ Die Fusion sei der Auslöser für den Börsenplatzwechsel nach London gewesen.

RHI Magnesita ist der erste österreichische Industriekonzern, der in London an die Börse gegangen ist. Für die Wiener Börse ist die Abwanderung ein schwerer Schlag. Der in der österreichischen Hauptstadt ansässige Konzern mit einem Jahresumsatz von 2,5 Milliarden Euro war bislang ein Schwergewicht der Börse der Donaumetropole. Sozusagen als Trost gab es in der vergangenen Woche den Börsengang der Bawag, der viertgrößten Bank in Österreich. Mit rund zwei Milliarden Euro war es der größte IPO an der Börse Wien seit vielen Jahren.

Die Bawag ersetzt im österreichischen Leitindex ATX die RHI. In diesem Jahr hatte der ATX schon eine beachtliche Rally hingelegt, dennoch leidet die Wiener Börse unter einer vergleichsweise geringen Aufmerksamkeit von Investoren und Privatanlegern.

„Der Börsenplatz in Wien hatte nicht die internationale Aufmerksamkeit, die wir für unser Papier brauchen“, bekennt RHI-Verwaltungsratsvorsitzender Cordt offen. Die Kleinaktionäre in Österreich können aber über den Global Market der Wiener Börse die Aktie zu dortigen Konditionen weiterhin kaufen und verkaufen. Das Delisting in Österreich sei gar nicht einfach. Deshalb habe man die niederländische Unternehmensform N.V. als Vehikel für den Börsengang in London gewählt. Sitz des fusionierten Konzerns bleibt aber Wien. Die Aktie wird an der London Stock Exchange seit Montag gehandelt.


Die RHI hat sich mit Magnesita zum weltweit führenden Konzern für Feuerfestprodukte zusammengeschlossen. Feuerfestprodukte bleiben auch unter hohen Temperaturen beständig und werden in der Stahl-, Zement- und Glasindustrie eingesetzt. Der Konzern mit 14.000 Mitarbeitern in 35 Werken deckt die ganze Wertschöpfungskette von der Rohstoffförderung bis Komplettdienstleistungen ab. „Magnesit und RHI sind komplementär. Magnesit ist in Nord- und Südamerika stark. Wir sind hingegen stark in Europa, Indien und Asien“, sagt Cordt über die Fusion.

Der Markt für Feuerfestprodukte ist in Bewegung. Aufgrund gestiegener Rohstoffpreise sind traditionelle Lieferanten aus Asien ausgefallen. Das nützt RHI Magnesita. Denn der Konzern kann aufgrund seiner globalen und eigenen Wertschöpfungskette Versorgungssicherheit für die Kunden in der Stahl- oder Zementindustide garantieren. Fast 70 Prozent der Produktion von RHI Magnesita nimmt die Stahlindustrie ein. Der Rest geht im Wesentlichen in Zement, Glas und Nichteisenmetalle.

Bislang hat RHI 50 Prozent plus eine Aktie von der Magnesita übernommen. Der Prozess des Pflichtangebots für die restlichen Magnesita-Aktien wird noch sechs Monate dauern. Das fusionierte Unternehmen ist optimistisch, in London bei Investoren anzukommen. „Der Free Float ist mit mehr als 50 Prozent groß genug, damit die Aktie attraktiv bleibt“, erklärt Cordt.


Nach der Fusion fängt jedoch die eigentliche Arbeit erst an. Der Konzern muss auf allen Ebenen verschmolzen werden. Cordt sagt: „Das Risiko liegt natürlich in der Integration der beiden Unternehmen. Wir haben aber bereits massive Vorarbeiten geleistet.“ Bei der Verschmelzung sollen vor allem die Kosten gedrückt werden. „Wir sind überzeugt, dass wir im dritten Jahr mindestens 70 Millionen Euro pro Jahr an Synergien heben“, kündigt Cordt an. Das Unternehmen will nach eigenen Angaben nach der Fusion verstärkt in Forschung und Entwicklung investieren, um an der Weltspitze zu bleiben.

Im Vergleich zu anderen Industrien ist der Markt für feuerfeste Produkte noch nicht konsolidiert. RHI Magnesita und der britische Konkurrent Vesuvius sind die Marktführer. Doch noch immer gibt es viel Platz für eine Konsolidierung. Das wollen die Österreicher nutzen. „In den nächsten Jahren werden wir sicher noch die eine oder andere Wachstumsmöglichkeit haben. Eine Übernahme von Vesuvius sehe ich aber nicht“, sagt Cordt.

KONTEXT

Die Wiener Börse

Tradition

Die 1776 von Kaiser Maria Theresia gegründete Börse zählt zu den ältesten der Welt. Heute spielt sie mit dem Leitindex ATX im Schatten von Frankfurt. In den vergangenen Jahren haben sich eine ganze Reihe von Unternehmen vom Börsenparkett in der österreichischen Hauptstadt zurückgezogen. Eine Fusion mit der Warschauer Börse hatte 2014 nicht geklappt. Ungarn und Slowenien wurden von der Wiener Börse 2015 verkauft. Der bislang größte Börsengang war 2014 mit dem IPO des Flugzeugzulieferers FACC. Im Mai erwartet die Wiener Börse einen Aktienumsatz von sieben Milliarden Euro.

Neue Führung

Der promovierte Jurist Christoph Boschan führt seit September 2016 die Geschäfte. Der 38-jährige Berliner war zuvor Chef der Stuttgarter Börse. Seine Karriere startete er 1999 als Wertpapierhändler bei Tradegate. Der Deutsche gilt in Wien als gut verdrahtet. Die Wiener Börse, zu der nur noch die Börse in Prag gehört, ist zu 52 Prozent im Besitz der österreichischen Banken und zu 48 Prozent im Eigentum der dortigen Unternehmen. Die Marktkapitalisierung im Inland mit 88 Aktienwerten ist auf 110 Milliarden Euro gestiegen.