"Helikopter-Mutter" erzählt: „Ich habe verhindert, dass mein Sohn aus seinen eigenen Fehlern lernt – dabei ist es so wichtig für ihn“

Autorin Anna Sullivan und ihr Sohn Max. - Copyright: Anna Sullivan
Autorin Anna Sullivan und ihr Sohn Max. - Copyright: Anna Sullivan

Nachdem ich 26 Stunden in den Wehen gelegen hatte, wurde mein Sohn Max per Notkaiserschnitt geboren. Eine Krankenschwester legte ihn schnell auf meine nackte Brust. Er blinzelte mir vorwurfsvoll in die Augen, als hätte ich ihn irgendwie schon im Stich gelassen.

Im ersten Jahr schlief Max kaum. Er weigerte sich, gestillt zu werden und weinte ununterbrochen. Als Kleinkind war Max extrem unruhig und ließ sich von niemandem anfassen. Gruppen von Menschen reizten ihn zu sehr und er bekam Nervenzusammenbrüche. Schließlich fing ich an, Aktivitäten zu meiden, von denen ich wusste, dass sie für ihn schwierig sein könnten. Veranstaltungen wie Geburtstagsfeiern und Mannschaftssportarten kamen somit nicht infrage. Ich wurde zu einer übervorsichtigen Mama.

Es fühlte sich an, als würde ich als Mutter versagen

Im Kindergarten spielten alle Freunde von Max Fußball. Er flehte mich an, ihn für die Mannschaft anzumelden. Beim ersten Training schrie er den Trainer an und stürmte vom Feld. Ich trug ihn schreiend und tretend zum Auto.

An diesem Abend sagte ich weinend zu meiner Schwester: "Das ist doch kein normales Verhalten!" Sie hat selbst Zwillinge, doch es schien mir, als sei Max viel schwieriger zu erziehen. Mein Mann sagte mir, ich solle aufhören, mich ständig mit anderen zu vergleichen: "Das ist, als wenn sie Tennis spielen und wir Fußball." Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ich als Mutter versagte.

In den nächsten Jahren diagnostizierten verschiedene Therapeuten bei Max unterschiedliche Probleme, aber alle gaben uns dasselbe Buch: "The Explosive Child" von Ross W. Greene. Mein Mann und ich scherzten, dass sich die Exemplare schon auf unserem Nachttisch stapelten.

Mein Sohn empfindet alles immer sehr extrem

Meine Freundin, eine Kunsttherapeutin, beschrieb Max einmal als "einen offenen Nerv, der der Welt ausgesetzt ist". Diese Diagnose ergab für mich den meisten Sinn. Max fühlt alles – und zwar ganz intensiv. Ich bat Max einmal zu beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn er frustriert ist. "Es ist, als ob ein feuerspeiender Drache in meinem Kopf ist, der versucht, herauszukommen", sagte er.

Ich war fest entschlossen, seinen Drachen erschlagen zu müssen. Ich vereinbarte unzählige Beratungstermine und brachte ihn zur Beschäftigungstherapie. Ich hörte mir stundenlang Podcasts über die Neurodiversitätsbewegung an und schlief meistens dabei ein. Ich erstellte Pinterest-Boards mit Aktivitäten, die die Sinne ansprechen. Ich versuchte, unsere Fähigkeiten als Eltern aufzubauen, aber mein Mann Alex hatte das Gefühl, dass ich davon besessen war, unser Kind zu reparieren.

"Du musst aufhören", sagte Alex. Wir waren auf dem Heimweg von der dritten neuropsychiatrischen Untersuchung, die ich in diesem Monat angesetzt hatte. "Max fängt an zu glauben, dass mit ihm etwas nicht stimmt." Ich drehte mich um und sah meinen Sohn an. Er zog verzweifelt seine Schuhe und Socken aus und schrie, dass sie "seine Füße strangulieren" würden. "Aber es stimmt doch wirklich etwas nicht mit ihm?", fragte ich mich.

Ich musste ihn versagen lassen

Ich dachte lange darüber nach, was mein Mann gesagt hatte. Indem ich so sehr versuchte, meinen Sohn auf Erfolgskurs zu bringen und möglichst gut zu schützen, fokussierte ich mich nur auf seine Schwächen. Bei dem Versuch, Max und mich vor negativen Ereignissen zu bewahren, enthielt ich ihm wichtige Kindheitserfahrungen vor. Mir wurde bewusst, dass ich Max den Raum geben musste, in sich selbst hineinzuwachsen – auch wenn das bedeutet, dass er versagen könnte.

Ein paar Monate später bat mich Max, ihn für das Fußballturnier im Frühjahr anzumelden. Er hasste es, wieder einmal. Aber im Laufe der Saison konnte ich beobachten, wie er immer besser wurde – und das nicht nur beim Schießen oder Fangen eines Balls. Er erschien bei heißem und windigem Wetter in einem juckenden Trikot. Er war nicht der beste Spieler – bei weitem nicht –, aber er lernte, wie man die Tore seiner Mitspieler feiert.

Vor kurzem ist Max in die dritte Klasse gekommen. Er ist immer noch dabei, herauszufinden, wer er ist und was er braucht; das sind wir beide. Und manche Tage sind härter als andere. Wenn ich das Gefühl habe, zu versagen, versuche ich mich daran zu erinnern, dass mein Kind durch eine Welt geht, die sich für ihn wie ein Minenfeld anfühlt. Ich kann ihm den Weg nicht ebnen, aber ich kann an seiner Seite gehen und seine Hand halten, wenn er mich lässt.

Dieser Artikel wurde von Meltem Sertatas aus dem Englischen übersetzt. Den Originaltext findet ihr hier.

Video: Beckham und Peltz denken über Adoption nach