"Wie ein Ofen": So berichtet die Medical-Car-Crew von Grosjeans Feuerunfall

Juliane Ziegengeist
·Lesedauer: 6 Min.

Sie sind normalerweise so etwas wie die stillen Helden der Rennstrecke. Und das ist auch gut so. Denn ein Grand-Prix-Wochenende, an dem wir sie nicht bemerken, ist ein gutes Wochenende, weil es bedeutet, dass es keine ernsthaften Zwischenfälle gab. Das änderte sich am vergangenen Sonntag auf dramatische Weise.

Die Rede ist von den beiden FIA-Crew-Mitgliedern Dr. Ian Roberts und Alan van der Merwe, die mit ihrem Medical Car zu den ersten Helfern in Bahrain zählten, die Romain Grosjean aus dem brennenden Wrack in Empfang nahmen und versorgten.

Als ehemaliger britischer Formel-3-Champion und BAR-Testfahrer war van der Merwe noch ein aktiver Rennfahrer, als er 2009 den Job als Fahrer des Medical Cars antrat. Roberts, bekannt als jahrelanger Chefrennarzt in Silverstone, schloss sich ihm Anfang 2013 an. Er löste Gary Hartstein ab, der seinerzeit Sid Watkins abgelöst hatte.

Medical Car nach neun Sekunden schon am Unfallort

Als offizieller Rennarzt revolutionierte Watkins die Erstversorgung an der Strecke und machte das Medical Car zu einem so wichtigen Bestandteil eines jeden Rennwochenendes. Es ist in der ersten Runde am sichtbarsten, wenn es dem Feld direkt folgt.

Tatsächlich stoppte van der Merwe nur neun Sekunden nach dem ersten Aufprall an der Unfallstelle kurz hinter Kurve 3. Roberts konnte aus der Beifahrerseite herausspringen und direkt zum Feuer gehen, gerade als ein Streckenhelfer, der die Fahrbahn kurz zuvor überquert hatte, mit einem Feuerlöscher am Unfallort ankam.

Angesichts der Seltenheit von Bränden in der heutigen Formel 1 war es anfangs schwer, die Situation zu verstehen. "Wir haben den Feuerball natürlich schon früh gesehen", sagt Roberts. "Aber als wir ankamen, zeigte der Wagen - gut ein halber Wagen, das Heck - in die falsche Richtung. Und wir fragten uns: 'Wo um alles in der Welt ist der Rest?'"

Formel-1-Arzt sah, wie sich Grosjean selbst befreite

"Wir haben einfach nach rechts geschaut. Und es war ziemlich offensichtlich, wo der Rest war, mit einer großen Lücke in der Leitplanke. Wir konnten hindurchsehen, während Romain versuchte, sich selbst zu befreien", schildert der Arzt die Szenerie.

Es war entscheidend, Grosjean inmitten der Flammen zu sehen. So konnte Roberts half dem Streckenhelfer dabei assistieren, den Feuerlöscher direkt auf das Cockpit zu richten. Das ermöglichte es Roberts selbst, näher heranzukommen, und gab dem desorientierten Fahrer möglicherweise die Chance zu sehen, was er tat.

"Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, aber es sah aus wie ein Ofen", erinnert sich der Arzt. "Es war alles voller Flammen. Und man konnte sehen, wie er versuchte, sich selbst zu befreien. Er kam immer weiter und weiter heraus. Aber wie kommen wir an ihn heran? Zum Glück war ziemlich schnell ein Streckenposten mit Feuerlöscher vor Ort. Das Pulver drückte die Flammen gerade genug zurück."

Roberts: "Wäre dumm gewesen, ins Feuer zu gehen"

"Sobald Romain hoch genug war, konnten wir ihm über die Absperrung helfen und ihn wegbringen. Aber es war ein sehr kleines Fenster, denn sobald das Löschpulver nach vorne drang, kamen die Flammen bald darauf wieder zurück. (...) Etwas ist an mir geschmolzen, aber sonst war ich ziemlich gut geschützt. Die Flamme war recht intensiv."

Das Medical Car war nur neun Sekunden nach dem Aufprall an der Unfallstelle

Das Medical Car war nur neun Sekunden nach dem Aufprall an der Unfallstelle<span class="copyright">Motorsport Images</span>
Das Medical Car war nur neun Sekunden nach dem Aufprall an der UnfallstelleMotorsport Images

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"Natürlich muss ich sagen, dass wir nicht nur zu zweit sind. Wir haben einen nationalen Arzt im Auto, ein ganzes medizinisches Team ist hier, eine ganze Reihe von Streckenposten, Feuerwehrmännern und Rettungskräften", betont Roberts. Ihm ist wichtig klarzustellen, dass sie alle ihren Beitrag geleistet haben.

Angesichts des Ausmaßes des Unfalls und der Tatsache, dass die Trümmer die Streckenbegrenzung augenscheinlich durchbrochen hatten, musste der Arzt auch sicherstellen, dass niemand anderes bei dem Unfall in Mitleidenschaft gezogen worden war.

Wichtig: Unfallort auf mögliche weitere Opfer scannen

"Es gibt immer eine schnelle Kontrolle der Unfallstelle", erklärt er. "Denn es besteht immer die Gefahr, dass sich noch jemand hinter der Barriere befindet, den man nicht gesehen hat. Es könnte ein Streckenposten sein, der von Trümmern getroffen wurde, und plötzlich fragt jemand: 'Wo sind sie?' Und man findet sie hinter einer Barriere."

"Es ist also wichtig, diesen schnellen Scan zu machen, um wirklich sicherzugehen. Es hat in der Vergangenheit Szenarien gegeben, bei denen man im Zuge mehrerer Zwischenfälle alles und jeden im Blick haben musste", weiß der erfahrene Mediziner.

Roberts verfügt aufgrund seine langjährigen Arbeit im Hubschrauber-Notfalldienst über viel Erfahrung. Er war an den Schauplätzen Hunderter schwerer Zwischenfälle, sowohl in seinem Beruf als auch im Motorsport. Dazu zählt leider auch der Unfall von Jules Bianchi in Suzuka im Jahr 2014, in dessen Folge der Franzose verstarb.

Vor jedem Einsatz: Mögliche Szenarien durchgespielt

Um sich im Vorhinein auf alle Eventualitäten gefasst zu machen, folgt der Formel-1-Arzt bis heute der immer gleichen Routine: "Zu Beginn eines jeden Tages gehen wir eine Checkliste für das Auto, für unsere Ausrüstung durch", sagt Roberts.

"Aber wir gehen auch eine Checkliste mit Szenarien durch. Wir sprechen also immer über Autos unter Absperrungen, Autos auf dem Dach, wie das von Lance (Stroll; Anm. d. R.). Wir haben bereits über dieses Szenario gesprochen. (...) Dasselbe gilt für Feuer. Nein, wir sind keine Feuerwehrleute. Wir sind nicht feuerwehrtechnisch ausgebildet. Aber wir wissen, wie man einen Feuerlöscher einsetzt."

Dass im Ernstfall jede Sekunde zählt und jedes Zahnrad in das andere greifen muss, weiß van der Merwe nur zu gut. "Es ist wichtig zu beachten, dass wir nicht für die einfachen Fälle da sind. Wir sind für diejenigen da, die wirklich neu sind", sagt er. "Neun von zehn Unfällen sind leicht zu überleben. Alles funktioniert, wie es sollte."

"Ab und zu, sagen wir einmal alle fünf Jahre oder so, sehen wir etwas, das die normalen Parameter, so wie wir sie uns ausgedacht haben, übersteigt. Und da kommen wir ins Spiel. Deshalb haben wir 550 Pferdestärken, sodass wir drei Sekunden schneller da sind. Und deshalb nehmen wir den kürzesten Weg, den wir finden können."

"Und deshalb suchen wir nach winzigen, winzigen Dingen, die den Unterschied machen könnten", erklärt van der Merwe. Glücklicherweise funktionierte diesmal alles - mit ein wenig Hilfe vom reinen Glück. "Das Ergebnis war unglaublich positiv. Bei den Ereignissen, die wir gemeinsam erlebt haben, steht es ganz oben auf der Liste."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.