Die heimlichen Finanzheldinnen der deutschen Startup-Szene

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Birgit Haderer, Janette Wiget und Veronika von Heise-Rotenburg (v.l.n.r.) sind CFOs bei Tech-Firmen.
Birgit Haderer, Janette Wiget und Veronika von Heise-Rotenburg (v.l.n.r.) sind CFOs bei Tech-Firmen.

Als Frau Finanzteams und Börsengänge großer Startups leiten – gibt es dafür ein Karriererezept? Schaut man in die Chefetage von Tech-Unternehmen, sitzen dort meist Männer. Vor allem wichtige Positionen wie die der Finanzleitung werden häufig von ihnen besetzt. Um eine Frau an dieser Spitze zu finden, muss man etwas länger suchen. Doch es gibt sie. Und ihre Lebensläufe verraten, dass es auf vielen Wegen dorthin geht.

Gründerszene hat mit drei CFOs gesprochen: Birgit Haderer vom HR-Portal Personio, Veronika von Heise-Rotenburg, Finanzchefin des Auto-Abo-Anbieters Cluno und Janette Wiget vom KI-Inkubator Merantix. Drei verschiedene Frauen, drei verschiedene Laufbahnen. Eins haben sie aber gemein: Sie hätten es nicht schwerer gehabt, aufzusteigen, als ihre männlichen Kollegen, sagen sie. Im Gegenteil: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich die Leute eher an mich in meinem rosa Jacket erinnern als an die ganzen anderen männlichen Analysten in ihren schwarzen Anzügen“, sagt etwa die 42-jährige Haderer über ihren Karrierebeginn.

BWL-Studium, Investmentbank, Startup

Ihr Werdegang sieht auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich aus für die Startup-Szene: BWL-Studium an der Universität Mannheim. Diverse Praktika, unter anderem bei der renommierten Investmentbank Goldman Sachs. Dort wurde sie direkt übernommen und ist nach eineinhalb Jahren in die USA gegangen, hat Lebensmittelkonzerne in Chicago betreut und später Energiefirmen im Silicon Valley. 2013, nach zehn Jahren bei Goldman Sachs, habe sie wieder etwas Neues lernen wollen, erzählt sie. Sie ging zu Zalando, baute die Corporate-Finance-Abteilung als Vice President mit auf, koordinierte einige Finanzierungsrunden und später den Börsengang des Modehändlers als Senior Vice President.

„Bei Goldman habe ich arbeiten gelernt, bei Zalando habe ich Unternehmenslehre gemacht“, so Haderer. Der Onlineshop sei so schnell gewachsen, sodass sich jedes Jahr wie ein Neuanfang angefühlt habe. Als sie mit ihrem zweiten Kind in Elternzeit gegangen ist, habe sie über ihre Karriere nachgedacht, wollte wieder in einer jüngeren Firma arbeiten und Abteilungen von klein auf aufbauen. Währenddessen wurde ihr Kollege David Schröder vom Logistikchef zum Zalando-CFO ernannt. Die Stelle sei für Haderer nie Thema gewesen. Seit einem Jahr ist die 42-Jährige nun aber Finanzchefin beim Neu-Unicorn Personio, professionalisiert sämtliche Prozesse und bereitet das Münchner Startup für einen Börsengang vor.

Erst Exit, dann Spac-Deal

Eine ähnliche Aufgabe betreut auch gerade Veronika von Heise-Rotenburg. Ihr Arbeitgeber Cluno wurde vor einem halben Jahr an den britischen Wettbewerber Cazoo verkauft. Und der richtet sich gerade für eine Übernahme durch einen börsennotierten Spac her. Mehr als zwei Jahre war von Heise-Rotenburg Cluno-CFO, saß auch in der Geschäftsführung, jetzt ist sie Finanzdirektorin für das komplette Europateam von Cazoo. Dabei wollte sie eigentlich Tierheilkunde studieren, erzählt sie.

Im Grunde haben sich alle drei Finanzchefinnen – Birgit Haderer, Veronika von Heise-Rotenburg und Janette Wiget – der Vernunft wegen für einen Weg in die Privatwirtschaft entschieden. Haderer sagt, sie sei während des Abiturs keine Expertin in einem bestimmten Fach gewesen, habe sich daher für BWL eingeschrieben. Von Heise-Rotenburg habe damals gedacht, dass sie es mit Tierheilkunde nicht weit bringen würde und setzte daher auf Rechts- und Wirtschaftswissenschaft an der Universität Augsburg. Wiget hatte zunächst einen Architektur-Bachelor begonnen, sich dann aber doch für die Business School St. Gallen entschieden. Nun sind sie in der Tech-Szene gelandet und in obersten Führungspositionen.

Dorthin zu gelangen, sei nicht unmöglich, sagen sie. Aber andere Frauen für ihre Teams zu finden, sei herausfordernd. „Wenn wir eine Lead-Position ausschreiben, bewerben sich wahnsinnig viele Männer völlig ohne relevante Erfahrungen. Und sehr wenige Frauen, die zu 150 Prozent qualifiziert sind“, sagt etwa von Heise-Rotenburg.

Sie geriet 2009 „zufällig“ in die Autobranche – auch wenn sie nach wie vor keine Ahnung von Fahrzeugmodellen und PS-Klassen hat, wie sie erzählt. Bei der Full-Service-Gesellschaft Hannover Leasing kümmerte sie sich um den Fuhrpark, vor allem um das Risikomanagement und Bonitätsprüfungen, wickelte beispielsweise die Autoflotte im Zuge der Karstadt-Insolvenz ab. Mit 29 Jahren wurde ihr erstmals Prokura erteilt – heißt, sie hatte als Angestellte rechtliche Vollmacht im Betrieb. Durch einen Firmendeal wechselte die Bayerin zum Österreicher Kfz-Finanzierer Autobank und leitete den Münchner Standort. Dann kam Cluno. Die Finanzchefin hat das Team von zwei auf 20 Mitarbeiter vergrößert, und nach der damaligen Seed-Runde von über vier Millionen Euro weitere 150 Millionen Euro festgezurrt.

„Viele wissen gar nicht, dass ich noch so jung bin“

An dieser Schwelle ist Merantix-CFO Wiget noch nicht, eigenes Fundraising habe sie für den Inkubator bislang nicht gestemmt. Der 25-Millionen-Euro-Fonds wurde 2020 ohne sie aufgesetzt. Vor drei Jahren stieg Wiget bei Merantix als Head of Operations and Finance ein, nachdem sie knapp zwei Jahre bei EY arbeitete. Seit September begleitet sie den Company Builder für KI-Startups als Finanzchefin. Und das obwohl sie erst 27 Jahre alt ist. „Ich glaube, viele wissen gar nicht, dass ich noch so jung bin“, sagt sie zu Gründerszene. „In unserer Kultur zählen eher die Kompetenzen, ich habe also immer Unterstützung bekommen.“

Sechs Mitarbeiter betreut Wiget in ihrem Team. Sie entscheidet mit, welche Ventures aus dem Inkubator ausgegründet und mit wie viel Geld diese finanziert werden. Den KI-Campus von Merantix, eine Art Coworking-Space und Forschungszentrum, habe die gebürtige Schweizerin ebenfalls mitgestaltet und organisiert – eigentlich keine Aufgabe einer Finanzchefin. Ihre Position sei nicht fest definiert, eine CFO mit COO-Ämtern.

Haderer, von Heise-Rotenburg und Wiget sind bei weitem nicht die einzigen Finanzchefinnen in der Startup-Szene. Hermione McKee etwa war CFO beim Spieleentwickler Wooga und ist seit Anfang des Jahres bei der Sprachlern-App Babbel. Insidern zufolge stellt sich das Unternehmen gerade für einen Börsengang auf. Kathrin Nusser hatte Führungspositionen bei der Scout24-Gruppe und dem Möbelhändler Westwing, bis sie 2017 beim Parfum-Shop Flaconi als CFO anheuerte. Zu dem Zeitpunkt gehörte das Startup bereits Prosiebensat.1, derzeit wird aber über einen Weiterverkauf spekuliert. Keine CFO, aber einzige weibliche Senior Vice President im Finanzteam von Rocket Internet, ist Bettina Curtze. Die Investmentbankerin fing 2014, zwei Tage vor dem IPO, bei dem Company Builder an und kümmert sich vor allem um die milliardenschweren Fonds.

Bis eine von ihnen Finanzvorstand eines börsennotierten Tech-Unternehmens wird, ist es womöglich nicht mehr weit. Einige Startups stecken schließlich mitten in den Vorbereitungen. Und vielleicht kommt dann bald die erste weibliche CEO, die ihre Firma an die Börse bringt.

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