Wenn die Heimat plötzlich fremd ist


Ich bin im Sommer zurück nach London gezogen. Vor dem Brexit-Referendum hatte ich schon mal länger hier gelebt. Aus der Zeit kenne ich noch viele andere Europäer. Wenn ich sie nun zum ersten Mal seit Jahren wieder treffe, spüre ich, dass sich etwas verändert hat.

„Es ist nicht mehr so wie 2012“, klagt ein schwedischer Bekannter. Damals fanden die Olympischen Spiele in London statt, das Land feierte seine Internationalität. Nun sei die Stimmung eher bedrückend, sagt er. Von Kollegen komme schon mal der Spruch: „Bist du immer noch hier?“ Er mag über diese Art von britischem Humor nicht mehr lachen.

„Es gibt dieses Gefühl, dass wir nicht mehr willkommen sind“, bestätigt meine deutsche Bekannte Nina Schick. Sie erzählt, wie sie nach dem Referendum das 84-seitige Antragsformular für eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis ausgefüllt hat. „Ich saß da und habe die Tage gezählt, die ich außerhalb des Landes war“, sagt sie. Um das dauerhafte Bleiberecht zu erhalten, muss man fünf Jahre lang eine gewisse Anzahl von Tagen in Großbritannien gewesen sein. Jede längere Reise gefährdet den Anspruch.


Nina kam vor zwölf Jahren zum Studieren ans University College London. Später machte sie einen Master in Cambridge und arbeitete für einen Thinktank. Sie hat jahrelang Studiengebühren, Steuern und Sozialabgaben gezahlt. Dennoch wurde ihr Antrag auf dauerhaftes Bleiberecht abgelehnt. Der Grund: Sie konnte keine private Krankenversicherung über die Dauer von fünf Jahren vorweisen – eine Vorschrift, von der sie wie viele EU-Bürger vorher nie gehört hatte.

Anderen erging es noch schlimmer: Rund hundert Europäer wurden vom Innenministerium per Brief aufgefordert, ihre Sachen zu packen und das Land zu verlassen. Die Regierung entschuldigte sich umgehend für den „Irrtum“, doch die anderen EU-Bürger im Land waren alarmiert. Die Tageszeitung „The Guardian“ veröffentlichte wochenlang Geschichten von Menschen, die seit Jahrzehnten in Großbritannien wohnen, ihre Kinder großgezogen haben und nun plötzlich um ihr Bleiberecht bangen müssen.

Inzwischen hat die Regierung das Prozedere verändert: Das Antragsformular ist vereinfacht, die Krankenversicherungspflicht wurde gestrichen. Nina könnte ihren Antrag nochmal stellen und wäre wohl erfolgreich. Doch sie zögert noch. Denn ab kommendem Jahr soll die neue Kategorie „Settled Status“ eingeführt werden, für die sie sich dann erneut bewerben müsste.


Premierministerin Theresa May beruhigt uns EU-Bürger bei jeder Gelegenheit, dass wir alle willkommen seien. Doch ist das Bleiberecht immer noch Gegenstand der Brexit-Verhandlungen.

Als Nina in der deutschen Botschaft fragte, ob sie ihre deutsche Staatsbürgerschaft behalten könne, wenn sie die britische annehme, lautete die Antwort: Das wissen wir nicht. Es hängt davon ab, ob Großbritannien künftig Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) ist oder Drittstaat wird. Für Bürger aus EWR-Staaten ist die doppelte Staatsbürgerschaft erlaubt, für alle anderen nicht.

Wera Hobhouse erzählt von einer Irin, die bei ihr in der Bürgersprechstunde war. Die deutschstämmige Unterhausabgeordnete sitzt seit dem Sommer für die Liberaldemokraten im Parlament. Ihre Wählerin hat den britischen Pass beantragt, doch das Innenministerium mauert. „Sie hat ein Haus in Bath, ihre Kinder gehen hier zur Schule, ihr Arzt hat bestätigt, dass sie seine Patientin ist“, sagt Hobhouse. Doch das Innenministerium fordere immer neue Nachweise, dass die Irin tatsächlich in der Stadt lebe. „Sie wollen eine feindselige Atmosphäre schaffen“, sagt Hobhouse.


Sie selbst hat 2006 die britische Staatsbürgerschaft angenommen. „Das war eine Sache von ein paar Monaten“, sagt sie. Heute wäre das undenkbar. Hobhouse hat den Brexit-Minister David Davis diese Woche im Unterhaus direkt gefragt, warum EU-Bürger erst den „settled status“ brauchen, bevor sie die britische Staatsbürgerschaft beantragen können.

Und was sagte der Minister? „Oh, das ist mir neu.“ Sie solle ihm bitte die Details schicken, dann werde er sich um den Fall kümmern. Hobhouse war so empört, dass sie das Video des Austauschs gleich auf Twitter gestellt hat. „Da haben Sie den Beleg dafür, wie er sich auskennt“, sagt sie. „Und dieser Mann verhandelt für Großbritannien. Das ist doch nicht zu fassen“.