Die Ölkonzerne fürchten sich vor unsicheren Zeiten


Vor der Wiener Hofburg beim Treffen der Organisation der Erdöl produzierenden Länder (Opec) mit den Chefs der Ölkonzerne warten die Maybachs. Die teuerste Limousine der Welt ist ein Symbol: Big Oil – Big Money. Das Ölkartell hat bei seinem zweitägigen Seminar vor der entscheidenden Sitzung am Freitag keinen Aufwand gescheut, sich opulent zu inszenieren. Der kaiserliche Palast mit rotem Teppich und opulenten Rosenbouquets ist dafür ein imperialer Rahmen.

Tatsächlich geht es der Branche seit der Preiserholung prächtig. Egal ob Branchengiganten wie BP, Shell, Total oder mittelgroße Ölkonzerne wie die österreichische OMV oder die ungarische MOL. Die Konzerne haben von dem Preisauftrieb profitiert. Und das freut auch die Anleger: Die generell wenig im Kurs schwankenden Ölaktien gehörten zu den Gewinnern in den Aktienindizes.

Doch die Preisrally für Big Oil ist erst einmal vorüber. Denn das Opec-Schwergewicht Saudi-Arabien und das Nicht-Opec-Mitglied Russland wollen die Fördermenge ausweiten. Das Ölkartell und Russland hatten Ende 2016 ein historisches Bündnis geschlossen, um die Überproduktion zu beenden. Diese „Opec+“, wie die Allianz in der Branche genannt wird, hat es so geschafft, den Ölpreis zwischen 70 und 80 Dollar pro Barrel, dem 159 Liter-Fass, zu hieven.


Groß ist nun die Unsicherheit darüber, wie weit die Produktion hochgefahren wird, um einen weiteren Anstieg des Ölpreises zu verhindern. Insbesondere der Iran, politischer und wirtschaftlicher Erzrivale von Saudi-Arabien, sowie die krisengeschüttelten Opec-Mitglieder Venezuela und Irak wollen für sich eine Förderkürzung nicht akzeptieren.

Die Unklarheit über den künftigen Opec-Kurs beunruhigt die Ölmultis. Denn die Konzerne brauchen Verlässlichkeit in der Preisentwicklung. „Es gibt eine Menge von Unsicherheiten und Disruptionen“, warnt Patrick Pouyanné, Chef des französischen Ölgiganten Total, in Wien.

Preiswunsch: 70 bis 80 Dollar

„Ich denke, die Welt ist glücklicher mit Preisen in einem bestimmten Rahmen“, sagt Bob Dudley, Chef der britischen BP, in Wien. „Wir brauchen keine 80 oder 90 Dollar pro Barrel“, ergänzt Claudio Descalzi, Vorstandschef des italienischen Energiekonzerns ENI. „Einen Preis über 100 Dollar kann doch keiner wollen“, sagt Scott Sheffield, Chef des US-Schieferölproduzenten Pioneer Natural Ressources.

Ideal wären doch für alle 70 bis 80 Dollar, sagt der Texaner. Ähnlich sieht das die OMV. „Wir erwarten für die weiteren Monate einen Durchschnittspreis von 70 Dollar pro Fass“, sagt Chef Rainer Seele, ein Optimist der Branche, dem Handelsblatt.

Die Granden von Big Oil haben zu dem Treffen in Wien eine klare Botschaft mitgebracht: bitte so wenig Volatilität wie möglich. Ob dieser Wunsch in Erfüllung gehen wird, ist fraglich. Denn angesichts der geopolitischen Spannungen zwischen den USA und dem Iran, aber auch innerhalb der Opec muss sich der Markt auf Überraschungen gefasst machen.


Der diplomatische Opec-Generalsekretär Mohammad Sanusi Barkindo appelliert daher in Wien eindringlich: „Nur durch Zusammenarbeit und Freundschaft kann man Brücken bauen.“ Doch der Nigerianer weiß, dass die trügerische Harmonie nun auf eine harte Zerreißprobe gestellt wird.

Das seit 2014 vom Boom der US-Schieferölförderer ausgelöste Überangebot am Markt hatte den Ölpreis in den Keller stürzen lassen, von zeitweise über 110 auf unter 27 Dollar für ein Fass der Nordseesorte Brent. Ein Albtraum für die Ölkonzerne, deren Aktienkurse damals reihenweise in den Keller gingen.

Trump gibt sich als Opec-Gegner

Die zuletzt heile Welt des Big Oil ist gefährdet. Mit US-Präsident Donald Trump, ein Gegner der Opec, kann es noch Überraschungen geben. „Weltweite Konflikte, vor allem die Instabilität im Nahen Osten, in Syrien, Libyen und die Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran durch die USA setzen die Erdölindustrie massiv unter Druck“, sagt Meghan O’Sullivan, Energieexpertin an der Harvard Universität. Suhail Mohamed Al Mazrouei, Präsident der Opec-Konferenz und Energieminister der Vereinigten Arabischen Emirate, warnt: „Der Markt wird weiterhin extrem volatil bleiben.“


Branchenriesen wie die britische BP sind ohnehin vorsichtiger geworden und haben für die nächsten Jahre mit niedrigeren Preisen kalkuliert. „Bob Dudley hat schon im vergangenen Jahr erklärt, dass unsere Pläne bei BP bis 2021 auf einem Ölpreis von 55 Dollar pro Barrel berechnet sind – und das hat sich nicht geändert“, sagt ein Sprecher auf Anfrage.

Dudley selbst betont, dass man Gewinne in den nächsten Jahren eher in den Schuldenabbau stecken würde, bekräftigte aber gleichzeitig, dass BP auch mit einer niedrigen Preiskalkulation wachsen könne.

Dementsprechend optimistisch schauen die Analysten auf die Aktie des britischen Ölriesen. Der Großteil empfiehlt einen Kauf oder zu halten, nur drei würden das BP-Papier verkaufen. Auch die niederländisch-britische Shell ist nach Meinung der Analysten immer noch eine gute Anlage. 17 Analysten votieren mit „kaufen“, nur vier würden das Papier aktuell abstoßen. Auch Shell hat die nächsten drei Jahre mit einem Preis von bis zu 60 Dollar pro Barrel kalkuliert und außerdem einen Strategiewechsel angekündigt.


So erklärt Chef Ben van Beurden, dass man bis zum Ende dieser Dekade bis zu eine Milliarde pro Jahr in die Abteilung „Neue Energien“ investieren will, die der Ölriese erst vor zwei Jahren gegründet hat. Zwischen 2019 und 2021 hat das Unternehmen mit einem Preis von 60 Dollar pro Barrel kalkuliert.

Eine überschaubare Fördererhöhung dürfte die Gewinne von Shell, BP und Total kaum beeinflussen, meint Ölexperte John Feddersen von Aurora Energy Research. „Nur wenn die von Russland geplante Erhöhung um 1,5 Millionen Barrel kommen sollte, dann werden wir einen massiven Preisverfall erleben“, warnt Feddersen. Das wären für risikoscheue Anleger keine guten Aussichten.