Heftige Kritik an Reifenreglement: "Wie Zylinderabschaltung"

In der GTE Pro herrscht Unzufriedenheit über die Begrenzung der Reifensätze


Vier Reifensätze für Qualifying und sechs Stunden Rennen - das gefällt nicht jedem. Gerade bei den beiden letzten Rennen der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) auf den reifenmordenden Strecken in Schanghai und Bahrain zeigten sich deutliche Unterschiede in der Fahrzeugperformance aufgrund des Alters der Reifen. Die Beschränkung auf vier Sätze, die der Kostensenkung dienen soll, stößt auf heftige Kritik im GTE-Pro-Fahrerlager.

Frank-Steffen Walliser, Leiter für Motorsport und GT-Fahrzeuge bei Porsche, macht seinem Unmut Luft: "Unsere Klasse ist unheimlich ausgeglichen, wir sind mit allen Herstellern auf einem Niveau. Da geht es immer nur um mal ein halbes Zehntel. Die Reifen entscheiden alles. Ob diese Strategie die richtige ist, das muss man sich mal fragen. Wird der Bogen vielleicht überspannt?"

Ford-Werkspilot Stefan Mücke geht noch weiter: "Das ist echt ein Witz. Wir haben in der GTE-Pro einen so hochklassigen Wettbewerb. Die Hersteller sind top, die Autos genial, die Rennen extrem hart und spektakulär - und dann entscheidet am Ende ein Reifensatz, auf dem du nur noch herumrutschst. Das wirkt doch nicht professionell."

Gerade in Bahrain war das Rennen aufgrund der eklatanten Performance-Unterschiede zwischen alten und neuen Reifen zum Teil schwer nachvollziehbar, weil unterschiedliche Strategien gefahren wurden. Manche Autos schienen in einem Stint regelrecht zu fliegen, nur um kurze Zeit später plötzlich komplett überrannt zu werden. Das Ergebnis waren überforderte TV-Kommentatoren und Zuschauer, denen zahlreiche Fragezeichen ins Gesicht geschrieben waren.

Maßnahme nicht kosteneffizient

Walliser weiß genau, warum: "Keinem wird es erklärt - die Fans an der Strecke oder am TV können doch nie erkennen, wer gerade auf dem wievielten Satz unterwegs ist. Wenn wir am Ende nochmal auf einen gebrauchten Satz zurück müssen und plötzlich viel Zeit verlieren, dann hat das doch nicht viel mit Sport zu tun. Ich bekomme dann SMS mit Fragen wie: 'Habt ihr einen Zylinder abgeschaltet?' Das ist alles völlig undurchschaubar."

Mücke stößt ins gleiche Horn. "Wenn du im letzten Stint die besten aus allen gebrauchten Gummis nochmal zusammensuchen musst, damit du wenigstens nur zwei Sekunden pro Runde verlierst, dann kommst du dir vor wie der letzte Depp", übt der 36-Jährige scharfe Kritik am Reglement. Er witzelt: "Oli Pla und ich haben schon gesagt, dass wir jederzeit bereit wären, den zusätzlichen Satz aus eigener Tasche zu bezahlen, damit wir vernünftig Rennen fahren können. Aber das lässt man natürlich nicht zu."

Kosteneffizient ist die Maßnahme auch nicht. "Ich spare 4.000 Euro bei einer Veranstaltung, wenn ich einen Reifensatz pro Auto weglasse. Dafür ist gleichzeitig der Testaufwand deutlich höher", rechnet Walliser vor. "Und mal ehrlich: Wenn uns wie in Bahrain ein Toyota ins Auto rauscht, dann kostet das gleich mal deutlich mehr. Geld spart man definitiv nicht."

Für die Reifenhersteller mag es eine Herausforderung sein, einen Reifen zu bauen, der zwei Stints konstant hält. Der Porsche-GT-Chef hält das aber für Wettbewerb an falscher Stelle: "Ist es für einen Zuschauer und potenziellen Kunden ernsthaft interessant, ob ich mit einem Rennreifen 150 oder 300 Kilometer fahre? Das ist doch sowieso in einer komplett anderen Dimension als auf der Straße."

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