Was die Hauptversammlung von Warren Buffett so besonders macht

Schon der Flug nach Omaha ist kurios. Ein Vater macht einen „Deal“ mit seiner acht-jährigen Tochter. Er stellt ihr eine Reihe von Aufgaben, und wenn sie sie richtig löst, kauft er ihr später Spielzeug. „Also Daphney, was ist eine Dividende?“, fragt der Papa. Und: „Wie ermittelt man den Gewinn pro Aktie“, gefolgt von „Wenn man eine Anleihe hat, was bekommt man dann? Zin.. Genau Zinsen.“

Zwei Reihen weiter liest ein Mann im lindgrünen Kapuzenpulli den Brief an die Aktionäre noch einmal durch, den Buffett im Februar veröffentlicht hat. Er macht sich Anmerkungen am Rand, unterstreicht wichtige Passagen, versieht einige Stellen mit Fragezeichen. Es ist das Warmlaufen für den ganz normalen Wahnsinn, der sich jedes Jahr am ersten Samstag im Mai in Omaha im US-Bundesstaat Nebraska abspielt.

Berkshire-Hathaway-Chef Warren Buffett lädt seine Aktionäre zur Hauptversammlung. Doch die Veranstaltung hat nichts mit den für gewöhnlich drögen Amtshandlungen zu tun, die andere Konzerne ihren Anteilseignern antun.


Der 87-jährige Star-Investor hat es geschafft, sein Aktionärstreffen zu einer Mischung aus Party, Kommerz und Weiterbildung auszubauen, die Aktionäre aus der ganzen Welt in die Provinz nach Omaha lockt. In diesem Jahr werden 42.000 Gäste erwartet – so viele wie noch nie. Rund zehn Prozent kommen aus China. Die Hauptversammlung wird für die asiatischen Fans simultan auf chinesisch übersetzt.

Die ersten Aktionäre stellen sich schon um vier Uhr morgens in die Schlange vor dem Messegelände an, um einen möglichst guten Platz zu ergattern. Und wer doch nicht kommen kann, der sieht sich das Spektakel via Live-Stream im Internet an.

Buffett ist der wahrscheinlich erfolgreichste Investor dieser Zeit. Sein Ansatz des wertorientierten Anlegens hat viele Nachahmer gefunden, die die Hauptversammlung zum Netzwerken nutzen. „Die Aktionäre kommen vorbereitet, wie vorbildliche Studenten“, erklärt Larry Cunningham, Professor an der George Washington Universität in D.C., der gerade sein neues Buffett-Buch veröffentlicht hat. „Der Warren-Buffett-Aktionär“ ist eine Aufsatz-Sammlung, in der 43 Anteilseigner ihre Erlebnisse von den Hauptversammlungen schildern.

Dutzende private und teilweise hochkarätig besetzte Veranstaltungen finden rund um das eigentliche Event statt. Die private Creighton University lädt am Freitag zum „Value Investing Panel“ ein, um neue Trends und Entwicklungen mit bekannten Investoren zu diskutieren, die darauf setzen, unterbewertete Aktien ausfindig zu machen und mit der Zeit üppige Profite einzustreichen.

Organisiert wird die Konferenz von Studenten, die Buffett regelmäßig als Gast-Dozenten begrüßen und nach ihrem Besuch der Hauptversammlung einen Aufsatz über das Wochenende schreiben müssen. Die renommierte Columbia Business School, Buffetts Alma Mater, lädt zu einem exklusiven Dinner, bei dem auch schon Hedgefonds-Manager und Milliardär David Einhorn Gastredner war.


Charlie Tiam, der Gründer der Investment-Plattform Guru Focus, lädt seine Anhänger zum Workshop. Das Analysehaus beobachtet die Portfolios von Buffett und anderen Value-Investoren und bietet tiefgehende Analysen für Nachahmer.

Der ehemalige Hedgefonds-Manager Whitney Tilson organisiert gleich vier Events, davon sind fast alle offen für alle Aktionäre. Die Großzügigkeit geht auf Tilsons ersten Besuch in Omaha zurück. Tilson beschreibt in Cunninghams Buch, wie er 1998 die Abende allein in seinem Hotelzimmer verbrachte, weil er niemanden kannte. „Alle anderen schienen alle wie alte Bekannte und hatten abends Verabredungen“, erinnert er sich. Er jedoch war ein Außenseiter. „Ich habe mich gefühlt, wie ein Verlierer.“ Anderen sollte es nicht so gehen, nahm sich Tilson vor und organisiert seit dem regelmäßig „Events für alle“.

Es ist ein bestimmter Typus von Aktionären, die Buffett um sich geschart hat. Es sind nicht die Zocker, sondern die, die – wie er – lieber langfristig ihr Geld anlegen. Viele sind dank der Berkshire-Aktien zu Millionären geworden. Das Papier der Klasse A kostete bei Buffetts Übernahme 1964 etwas mehr als 12 Dollar. Heute kostet eine Aktie der Klasse A fast 300.000 Dollar. Auch deshalb wird Buffett auf der Hauptversammlung wie ein Rockstar gefeiert.

Berkshire-Aktionäre sind loyal und halten das Papier über Jahre, oft sogar Jahrzehnte – und sie sind verglichen zu anderen Konzernen besonders einflussreich. „40 Prozent der Stimmrechte liegen bei den Einzelaktionären“, erklärt Cunningham. Institutionelle Investoren wie Fidelity, Blackrock und State Street halten gemeinsam lediglich zehn Prozent.

Kein Wunder also, dass die Hauptversammlung vor allem ein Fest für Einzelanleger ist. Und Buffett wäre nicht Buffett, wenn er diese Gelegenheit nicht auch mit Kommerz verbindet. Die Ausstellungshalle des Century Link Centers, in der er zu zehntausenden Fans spricht, ist voll mit Einkaufsgelegenheiten aus seinem Konglomerat. Aktionäre können mit Rabatt bei den Berkshire-Töchtern Fruit of the Loom, Brooks Running und See‘s Candy einkaufen, ebenso wie bei der Juwelierkette Borsheims.

Die macht am Wochenende der Hauptversammlung mehr Umsatz als im verkaufsstarken Monat Dezember. Buffetts Lieblingssteakhaus Gorat‘s ist seit Monaten ausgebucht. Auch die Einwohner profitieren. Zentral gelegene Wohnungen im sonst so beschaulichen Omaha können schon mal 1000 Dollar pro Nacht und mehr kosten. Die Hotels sind bereits ein Dreivierteljahr vorher ausgebucht. „Die Hauptversammlung“, sagt ein Taxifahrer, „ist wie Stimulus-Paket für die ganze Stadt.“