Hauptstadtgeflüster: Die Krise deckt Stärken und Schwächen auf

Birgit Jennen

(Bloomberg) -- In einer Krise zeigen sich Stärken und Schwächen ganz besonders deutlich. Es braucht eine Coronavirus-Krise, damit Bund und Länder, Gewerkschaften und Arbeitgeber, Union, SPD und Opposition plötzlich an einem Strang ziehen.

Das lange Hin und Her und die Debatte, wem die eine oder andere Milliarde zugute kommen soll, findet dieser Tage nur kurz am Rande statt. Am Mittwoch verabschiedet der Bundestag ein 750-Milliarden-Euro-Paket damit Unternehmen, große wie kleine, Mieter, Geringbeschäftigte und Arbeitslose durch die Misere kommen.

Das Paket, das bereits am Freitag auch vom Bundesrat verabschiedet werden soll, wird in Rekordzeit auf den Weg gebracht. Die Corona-Krise zeigt, dass das deutsche Konsensmodell, das gemeinhin als zu träge und bürokratisch gilt, in der Krise durchaus funktioniert. Deutschland ist handlungsfähig.

Aber die Notlage zeigt eben auch die wahren Schwächen der politisch Handelnden. Während Berlin ein Multimilliarden-Coronapaket auf den Weg bringt, finden auf europäischer Ebene sowie im G7- und G20-Rahmen Gespräche statt, wie wirtschaftlich und finanziell gemeinsam am besten auf die Krise zu reagieren sei.

Deutschland und die USA sind vorgeprescht, die internationale Gemeinschaft hinkt hinterher. Dabei hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schon vor Wochen auf eine starke internationale fiskalische Antwort der EU und der G7-Länder auf die sich abzeichnende Gefahr gedrungen, um nach dem Motto “gemeinsam sind wir stärker und effektiver” vorgehen zu können.

Aber Macrons Warnung vor einer globalen Wirtschaftskrise und der Ruf, gemeinsam frühzeitig aktiv zu werden, stieß vor allem in Deutschland und den USA auf taube Ohren. Ein koordiniertes europäisches und internationales Handeln ist vor allem an diesen beiden Ländern gescheitert.

Wenn wir die Krise überstehen wollen, auch an den Finanzmärkten, sollte Berlin den Alleingang überdenken. Es reicht nicht, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel in guten Zeiten den Multilateralismus zu predigen. In Krisen muss man danach handeln.

(Dieser Kommentar spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung von Bloomberg LP oder deren Eigentümern wider. Birgit Jennen ist Reporterin bei Bloomberg News)

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