HAUPTSTADTGEFLÜSTER: Das Kanzleramt in Söders Buchregal

Arne Delfs
·Lesedauer: 2 Min.

(Bloomberg) -- Vieles war anders beim diesjährigen Aschermittwoch: Keine Bierzeltatmosphäre, keine derben Sprüche, keine Frontalangriffe auf den politischen Gegner. Stattdessen übten sich die Parteichefs inmitten der Corona-Krise in virtueller Enthaltsamkeit und vermeintlicher Freundlichkeit.

Armin Laschet (CDU) liess die zwei Flaschen Weißbier auf seinem Tisch unangetastet und schwärmte von den Fähigkeiten seines Kanzlerkandidaten-Kontrahenten Markus Söder (CSU). Dieser schlürfte aus einem Bierhumpen seine geliebte Cola Light und war wie immer vor allem von sich selbst begeistert. Annalena Baerbock (Grüne) schwärmte von Nena, während ihr innerparteilicher Kontrahent Robert Habeck einen Scherz über den verunglückten Eigenheim-Vorstoß seiner Partei wagte.

Einzig SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz übte sich in etwas Polemik. “Ich weiss ja, in Bayern ist vieles größer”, frotzelte Scholz in Richtung Söder, der die Wirtschaftshilfen des Bundes vor kurzem als “Steinschleuder ohne Stein” bezeichnet hatte. “Dass die Steinschleudern ein solches Ausmaß haben, das hätte sicher niemand gedacht”, schoss Scholz nun steinhart zurück. Und sagte am Ende einen Satz, den so mancher für den viel besseren Scherz hielt: “Ich will Kanzler werden!”

Bei so wenig rhetorischem Feuerwerk hatte der geneigte Zuschauer Zeit, sich auf die Details dieser Polit-Show zu konzentrieren. Am interessantesten war wohl Söders nachgebautes Wohnzimmer. Das Kruzifix über der Tür und das Riesenfoto von Franz-Josef Strauss gehören natürlich zum CSU-Standardinventar. Das Star-Wars-Poster oder der Roboter R2-D2 vor dem Kachelofen waren da schon auffälliger. Wer genau hinsah, konnte im Bücherregal noch eine zwar versteckte, aber wenig subtile Botschaft entdecken: Einen Bildband über das Berliner Kanzleramt.

Zwar wird Söder nicht müde zu betonen, dass sein Platz in Bayern und eben nicht im Kanzleramt ist. Aber der Bildband spricht, wenn man so will, Bände über die wahren Intentionen des bayerischen Ministerpräsidenten. CDU-Chef Laschet, der die CSU mit seiner Lobhudelei geradezu erstickte (“Ein Deutschland ohne die CSU kann ich mir nicht vorstellen”), sollte gewarnt sein.

Zumindest Angela Merkel dürfte sich bei Söders Rede amüsiert haben. “Merkel-Stimmen gibt es nur mit Merkel-Politik”, gab er der Schwesterpartei mit auf den Weg für den Bundestagswahlkampf. Derzeit sieht es allerdings so aus, als ob vor allem Söder selbst diesem Rat folgt.

(Dieser Kommentar spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung von Bloomberg LP oder deren Eigentümern wider. Arne Delfs ist Reporter bei Bloomberg News.)

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