HAUPTSTADTGEFLÜSTER: Der Impfstoff kommt - die Krise bleibt

Birgit Jennen
·Lesedauer: 2 Min.

(Bloomberg) -- Die Börsen liebäugeln trotz Corona mit der Jahresendrally. Von Dax bis Dow scheinen die Aktienindizes die Pandemie hinter sich gelassen zu haben und bewegen sich auf Vorkrisenniveau. Für das zweite Quartal nächsten Jahres prognostizieren Ökonomen eine starke wirtschaftliche Erholung. Und am 21. Dezember wird wohl auch in Europa der Impfstoff zugelassen - die Pandemie ist damit für weite Teile der Bevölkerung quasi überstanden. Selten war die öffentliche Wahrnehmung so von der Wirklichkeit entfernt wie jetzt.

Denn erst jetzt kommt die Pandemie mit voller Wucht in Deutschland an. Die Zahl der Todesfälle klettert von Höchststand zu Höchststand, am Mittwoch erreichte sie 910. Die bislang ergriffenen Maßnahmen zur Viruseindämmung reichen nicht aus, auch weil in der Bevölkerung die Bereitschaft sinkt, sie umzusetzen.

Niemand weiß, wie sich die Menschen an den Feiertagen verhalten werden, niemand weiß, wie sich die Zahl der Infektionen entwickeln wird. Bundeskanzlerin Angela Merkel rechnet mit dem Höhepunkt der Krise im Januar. Eine Überlastung des Pflegepersonals und der Intensivbetten in den Krankenhäusern ist nicht auszuschließen. Mit dem neuen Lockdown und der weitgehenden Schließung des Einzelhandels steht auch die Wirtschaft vor einer zweiten Rezession.

Klar - der Impfstoff wird kommen. Aber für Optimismus ist es jetzt noch zu früh. Die Erwartung, dass mit dem Ende der Gesundheitskrise auch die Wirtschaftskrise überwunden ist, ist leichtgläubig. Für diese Krise gibt es keine Erfahrungswerte.

EZB und Rekordausgaben des Bundes halten die Stimmung hoch. Doch die Geldschwemme hat nicht nur einen Einsturz der Wirtschaft und der Märkte verhindert. Sie macht auch blind vor den Risiken, die noch ausstehen.

Erst im kommenden Jahr wird man wissen, wie hoch die Zahl der Pleiten und Arbeitslosen wirklich sein wird. Dann könnte auch wieder die ein oder andere Bank in Europa oder Deutschland straucheln, denn die Kreditausfälle werden zunehmen. Die Zweit- und Drittrundeneffekte kommen zeitverzögert, aber sie werden kommen.

Dieser Kommentar spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung von Bloomberg LP oder deren Eigentümern wider. Birgit Jennen ist Reporterin bei Bloomberg News.

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