HAUPTSTADTGEFLÜSTER: Döner-Krieg im Kanzleramt

Arne Delfs
·Lesedauer: 3 Min.

(Bloomberg) -- Wer gedacht hätte, dass es im Leben einer Kanzlerin immer nur um die ganz große Politik geht, wurde am vergangenen Montag eines Besseren belehrt. Da diskutierte Angela Merkel mal wieder mit den 16 Ministerpräsidenten, wie man das Corona-Virus am besten unter Kontrolle bringen könnte. Was an sich schon keine vergnügungssteuerpflichtige Veranstaltung ist, wenn man den Aussagen von Teilnehmern glaubt.

Aber an diesem denkwürdigen Abend ging es im Kanzleramt eben nicht nur um Masken, Sicherheitsabstände oder den berühmt-berüchtigten R-Wert, sondern auch - man höre und staune - um den Döner Kebap. Also jenen ständig um sich selbst kreisenden Fleischspieß, der so lange gegrillt wird, bis er, gar gebrutzelt und in dünne Scheibchen geschnitten in einer salatdrapierten Brottasche verkauft wird.

Eben an dieser Stelle entzündete sich aber nun ein leidenschaftlicher Streit zwischen der Kanzlerin und dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller. Denn in den Zeiten von Corona ist jeder Bürger, den der Hunger auf die Straße zur nächsten Dönerbude um die Ecke treibt, eben auch ein potenzieller Virenträger, den es mit Hilfe von Verordnungen und Verboten auf Abstand zu seinen Mitmenschen zu halten gilt.

Genervt von der Dickfelligkeit des Berliner Regierungschefs, der sich trotz steigender Infektionszahlen in der Hauptstadt gegen weitere Beschränkungen sperrte, platzte der Kanzlerin irgendwann der Kragen. „Sie gehen doch auch mal durch Berlin“, fuhr sie Müller an, der von infektiösen Menschenmassen vor Imbissbuden partout nichts wissen wollte. Berlins Regierungschef wehrte sich, indem er von seinen nächtlichen Spaziergängen durch den Tiergarten berichtete. Dort, so versicherte Müller, habe er „noch keinen mit einer Pizza oder einem Döner“ gesehen.

Aber die Kanzlerin wollte sich so nicht abspeisen lassen - und legte nach: „Sie sehen doch abends auch die langen Schlangen vor dem Lieblings-Döner auf dem Ku’damm“. Wozu man wissen muss, dass Merkel selbst ein Fan dieser türkischen Speise ist und sich während einer Dienstreise tief in der Nacht schon einmal durch Istanbul chauffieren ließ auf der Suche nach einem noch geöffneten Döner-Restaurant. Insofern ist anzunehmen, dass die Kanzlerin sich auch mit der Döner-Lage in der Hauptstadt bestens auskennt.

So viel Sachkenntnis über seine eigene Stadt hatte dann selbst Berlins nachtwandernder Bürgermeister nichts mehr entgegenzusetzen. So errang Merkel zwar einen Sieg in dem als Döner-Schlacht von Berlin in die Annalen der Republik eingehenden Scharmützel. Aber den eigentlichen Kampf um das beste Mittel gegen das Corona-Virus verlor sie. Am Ende des Abends stand Merkel mit leeren Händen da, nachdem die Ministerpräsidenten jeden einzelnen Punkt ihrer Beschlussvorlage abgeblockt hatten.

Merkel, so der hämische Kommentar eines TV-Kollegen, habe sich „die Butter vom Brot“ nehmen lassen. Was in der karnivoren Welt des Döners wohl so viel heißt wie: das Fleisch aus dem Fladenbrot nehmen lassen.

Sie bedauere, „dass es manchmal etwas zu langsam geht“, sagte Merkel am Dienstag beim Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung über das magere Ergebnis vom Vorabend. Jeder Tag zähle und könnte Menschenleben kosten. „Deshalb bin ich da manchmal ungeduldig“, so Merkel.

Am nächsten Mittwoch wird sie sich erneut mit den Ministerpräsidenten zusammensetzen, um über eine Verschärfung der Maßnahmen zu beraten. Vielleicht sollte Berlins Regierender, der als Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz erneut persönlich im Kanzleramt zugegen sein wird, dann als fleischgewordene Friedenspfeife einen Dürüm Döner mitbringen. Rings um das Kanzleramt gibt es nämlich in der Tat keine brauchbare Dönerbude.

(Dieser Kommentar spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung von Bloomberg LP oder deren Eigentümern wider. Arne Delfs ist Reporter bei Bloomberg News.)

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