HAUPTSTADTGEFLÜSTER: Wie China Merkel zum Schweigen brachte

Arne Delfs
·Lesedauer: 3 Min.

(Bloomberg) -- Wenn die Bundeskanzlerin mit der chinesischen Staatsführung über Handelsbeziehungen spricht, redet sie gerne von “Reziprozität”, die zwischen beiden Staaten herrschen müsse. Auf gut Deutsch heißt das: Für deutsche Firmen, die in China aktiv sind, müssen dieselben Regeln gelten wie umgekehrt.

Derzeit, davon wissen deutsche Unternehmer ein Lied zu singen, ist diese Beziehung leider noch sehr einseitig. Wer in China Geschäfte machen will, muss sich den Regeln der dortigen Staatsführung unterwerfen, die mit der westlichen Idee von freiem Marktzugang und Wettbewerb meist herzlich wenig zu tun haben.

Bei den deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen an diesem Mittwoch erfuhr Angela Merkel am eigenen Leib, was die Chinesen unter Reziprozität verstehen. Bereits im Vorfeld hatte der Gastgeber der diesjährigen Konsultationen, die aufgrund der Corona-Pandemie nur digital stattfanden, dafür gesorgt, dass es außer kurzen Statements von Merkel und ihrem chinesischen Amtskollegen Li Keqiang nichts für die Öffentlichkeit geben würde.

Eine gemeinsame Pressekonferenz, wie sonst üblich bei solchen Gesprächen, sollte nicht stattfinden. Schließlich hätten dann kritische Fragen zu der Menschenrechtslage in Hongkong oder zu den in Arbeitslagern inhaftierten Uiguren kommen können.

Aber selbst bei den Statements von Li und Merkel wollten die chinesischen Organisatoren offenbar auf Nummer sicher gehen. Sie sollten nicht per Livestream zu sehen sein, sondern erst 45 Minuten später als Video an die Journalisten verschickt werden.

Doch nicht einmal das klappte. Der Ordner, den die vor ihrem Computer wartenden Journalisten erhielten, war zunächst leer. Das Herunterladen einer Videodatei, die dann schließlich auftauchte, hätte Stunden in Anspruch genommen.

Währenddessen verbreitete das chinesische Außenministerium die Äußerungen von Li. Grundtenor: Von einem guten deutsch-chinesischen Verhältnis profitiere die ganze Welt. Ansonsten solle man sich bitte aus innenpolitischen Angelegenheiten Chinas heraushalten.

Freundlicherweise stellte die chinesische Regierung auch gleich die wichtigsten Aussagen der Bundeskanzlerin zur Verfügung. Merkels frohe Kunde, zumindest nach Pekings Lesart: Deutschland sei bereit, bei der Impfstoffherstellung mit China zusammenzuarbeiten.

Mehrfach versuchte das Bundespresseamt, das Video mit den Statements nun auch deutschen Journalisten zugänglich zu machen. Vergeblich. Schließlich verschickte man den Wortlaut von Merkels Beitrag als Text. Das Ergebnis: Die deutsche Sicht der Dinge lief rund 40 Minuten später als die chinesische über die Agenturen.

Verwundert konnte man bei der Lektüre des Merkel-Statements feststellen, dass die chinesische Interpretation der Kanzlerin-Worte nicht ganz korrekt war: Merkel hatte beide Seiten dazu aufgerufen, die Impfstoffe des jeweils anderen Landes anzuerkennen. Also auch hier mal wieder: Reziprozität.

Ansonsten sprach die Kanzlerin von “Meinungsverschiedenheiten” hinsichtlich der “Situation in Hongkong” und forderte “vernünftige Arbeitsbedingungen überall und für alle Menschen” in China. Also auch für die Uiguren in den Arbeitslagern.

Dieser Teil muss den chinesischen Regierungsstellen bei ihrer Lektüre des Merkel-Statements glatt durchgerutscht sein. Aber immerhin kam er dann ja noch - wenn auch mit Verspätung.

(Dieser Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung von Bloomberg LP oder deren Eigentümern wider. Arne Delfs ist Reporter bei Bloomberg News.)

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