Ein Hauch von Schadenfreude


Ist sie nun beständig oder langweilig? Die „New York Times“ spricht am Tag nach der Wahl recht freundlich über Angela Merkel. „Ihr unideologischer Führungsstil hat Deutschland, Europa und der Welt genützt. Die Fortsetzung davon bildet ein Gegenwicht zur Demagogie, die auf die Welt losgelassen wird“, heißt es in einem Kommentar.

Die Zeitung streift den Aufstieg der AfD zur drittstärksten Partei nur kurz und nennt den Verlust der SPD als Koalitionspartner „die größere Herausforderung“. Es heißt: „Merkel hat kaum eine andere Wahl, als eine Koalition mit den Grünen und der wirtschaftsfreundlichen FDP anzustreben. Der Zusammenschluss mit zwei so unterschiedlichen Parteien wird eine Menge Geschacher mit sich bringen, und das Ergebnis könnte wenig stabil sein.“ Zum Wunsch der Bundeskanzlerin, Wähler von der AfD zurückzugewinnen, schreibt die linksliberale Zeitung: „Hoffentlich wird dieses Ziel – und die Verhandlungen mit potenziellen Koalitionspartnern – nicht zur Erosion der Werte führen, die die Kanzlerin in der Vergangenheit verteidigt hat.“

Das „Wall Street Journal“ sieht die deutsche Kanzlerin kritischer. Wo andere sie beständig und unideologisch finden, wirft diese Zeitung ihr vor, „uninspiriert“ zu sein. „Die Botschaft ist, dass die Deutschen politischen Wettbewerb wollen“, heißt es. Das konservative Wirtschaftsblatt vermisst in Deutschland inhaltliche Debatten und Reformen, etwa, um dem demographischen Druck durch eine alternde Bevölkerung zu begegnen.



Weil die Bundeskanzlerin wahrscheinlich ihre letzte Amtszeit antrete, spricht die Zeitung von „Merkeldämmerung“ und kommt zu der Schlussfolgerung: „Wenn Deutschland mit Merkel keine Reformen hinbekommt, dann sollten seine Politiker diese für die Zukunft vorbereiten.“

Die traditionsreiche „Washington Post“, die mittlerweile Amazon-Gründer Jeff Bezos gehört, überlässt die Kommentierung der Bundestagswahl ihrer Kolumnistin Anne Applebaum. Bei ihr klingt ein Hauch von Schadenfreude an. Sie schreibt: „Vielleicht ist das eine nützliche Dosis an Realismus: Wie sich zeigt, ist Deutschland keine große Ausnahme.“ Und führt fort: „Die führenden Politiker des reichsten Landes in Europa müssen sich nun mehr darauf konzentrieren, die Anti-Einwanderung- und Anti-EU-Emotionen im eigenen Land zu dämpfen, statt sie in anderen Ländern zu verdammen.“ Applebaum befürchtet außerdem, dass die angestrebte Partnerschaft mit Frankreich jetzt etwas schwieriger wird.

Deutschland als reichstes Land Europas zu bezeichnen, hält freilich der Statistik nicht Stand. Richtiger wäre die Charakterisierung als größte Wirtschaftsmacht des Kontinents.

Viele regionale US-Zeitungen haben die deutsche Wahl gar nicht kommentiert. Sie sind vollauf beschäftigt mit Problemen in ihrem Land. Dazu gehören auch die ewigen Streitereien in der amerikanischen Politik – zuletzt etwa auch die Frage, ob man sich beim Singen der Nationalhymne aus Protest hinknien darf. Das Thema überschattete auch am Montag noch alle anderen Ereignisse.