Er hat nach Feierabend ein Tool für Aktienfans gebaut – 10.000 nutzen es schon

Daniel Hüfner
·Lesedauer: 5 Min.
Tresor One-Gründer Sumit Kumar: Mit seinem Online-Tool lassen sich Aktiendepots schicker darstellen.
Tresor One-Gründer Sumit Kumar: Mit seinem Online-Tool lassen sich Aktiendepots schicker darstellen.

Eigentlich muss sich Sumit Kumar um Geld wenig Gedanken machen. Er ist Softwareentwickler, in leitender Position bei der Daimler-Tochter Share Now angestellt und kann nach eigener Aussage jeden Monat 3.500 Euro von seinem Gehalt sparen. Den Betrag legt er in Eigenregie an der Börse an. Auf 31 Aktien, 15 Fonds und drei Bankdepots verteilt sich Kumars Vermögen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 25. Januar 2021 und hat besonders viele Leserinnen und Leser interessiert.

Doch das wurde dem 33-jährigen Hamburger bald lästig. Es sei mühsam gewesen, sich ständig bei verschiedenen Brokern einloggen zu müssen, um einen Überblick über die Wertbestände zu bekommen, erzählt er im Gespräch mit Gründerszene. Dazu die Optik: Anschauliche Diagramme und Tabellen? Fehlanzeige. Alternative Datentools habe es zwar gegeben, doch die basierten meist auf Excel. Für Kumar keine Option. „Ich wollte etwas digitales, hochautomatisiert und abrufbar im Web und auf dem Smartphone“, sagt er zu Gründerszene. „Also habe ich mich im Januar 2020 nach Feierabend hingesetzt und das Ding einfach für mich selbst programmiert.“

Schicke Charts für das Depot

Ein Jahr später ist Kumar einer von mehr als 10.000 Nutzern, die sein Tool Tresor One für ihre Vermögensverwaltung verwenden. Das Programm verspricht Nutzern „zahlreiche Visualisierungen, Fakten, Historien und Kennzahlen“ zum eigenen Aktienportfolio – und zielt explizit auch auf Börsenneulinge ab. „Egal welche Investment-Strategie du verfolgst, wir liefern die maximale Transparenz in deinem Vermögensaufbau“, heißt es auf der Website.

Für die Einrichtung sollen nur wenige Mausklicks nötig sein: Nutzer müssen im Online-Depot ihrer Hausbank einmalig alle Wertpapierabrechnungen herunterladen und bei Tresor One importieren, das geht auch rückwirkend für viele Jahre. Aus den PDFs generiert das Tool dann in Minuten ein individuelles Finanzbarometer vergleichbar mit der Detailtiefe einer professionellen Börsensoftware.

Aktienpositionen werden etwa tabellarisch mit passendem Firmenlogo dargestellt, ein buntes Tortendiagramm zeigt stundengenaue Werte der Papiere und ihren Anteil am Gesamtdepot. Auch an der Börse derzeit heiß gehandelte Aktien sind in der Oberfläche ersichtlich. In der Grundversion ist das Tool kostenlos. Wer möchte, kann sich für 4,99 Euro im Monat aber weitere Ansichten hinzu buchen. Einen Dividendenkalender zum Beispiel oder eine Analyse der Depotwerte nach Branchen und Ländern.

Von der großen Resonanz für Tresor One zeigt sich der Entwickler überrascht. „Es war nicht meine Motivation, daraus ein Geschäft zu machen, zumindest nicht so schnell“, sagt Kumar rückblickend. Nachdem er das Tool drei Monate nach Fertigstellung „an ein paar Leute“ geschickt habe, seien die Nutzerzahlen jedoch rasant gewachsen.

Unverhoffte Mundpropaganda oder doch Folge des Corona-bedingten Börsenhypes im April 2020? Kumar weiß es auf Nachfrage selbst nicht so genau. Für beide Thesen fehle es ihm an eindeutigen Indizien. „Unstrittig ist aber, dass der Anspruch an moderne Finanz-Apps in den vergangenen zwei Jahren extrem gewachsen ist, vor allem durch Fintechs wie Scalable Capital oder Trade Republic“, so Kumar. „Davon habe ich sicherlich profitiert.“

Firmenumsätze offen einsehbar

Angesichts der Erlöse, die Tresor One als einstiges Feierabendprojekt inzwischen einbringt, klingt die Analyse des Entwicklers erstaunlich nüchtern. Im Dezember 2020 etwa nahm Kumar durch die kostenpflichtigen Abonnements bereits 3.829 Euro ein, im November sogar 6.429 Euro. Kurz nach dem Start im Mai waren es noch 64,87 Euro – ein Umsatzplus von rund 9.800 Prozent.

Anders als bei vielen Gründern in der Branche muss man diese Zahlen aus Kumar nicht mühsam herausquetschen. Er hat sie längst öffentlich und für jeden Besucher einsehbar auf der Website seiner Firma dokumentiert. Für den Hamburger ein selbstverständlicher Vorgang: Er sei seit Jahren in der Bootstrapping-Szene aktiv. „Dort tausche ich mich mit anderen Leuten aus, die ebenfalls nebenher ein eigenes Online-Business aufziehen“, sagt Kumar. Ziel der Gemeinde sei es, eine Firma ohne Venture-Capital möglichst schnell in die Gewinnzone zu führen. Dabei helfe man einander, indem Know-how und Kennzahlen offen geteilt würden. „Zudem möchte ich Nutzern so zeigen, dass wir uns nicht durch ihre Daten oder Werbung finanzieren, sondern durch die Abonnements“, betont Kumar.

Für den Entwickler ist Tresor One längst mehr als eine Nebenbeschäftigung. Das zeigt sich nicht nur daran, dass Kumar während des halbstündigen Gesprächs einen grauen Hoodie mit dem Logo seines Projekts trägt. Auch hat er sich fünf weitere Helfer an Bord geholt, die ihn bei der Entwicklungsarbeit unterstützen. Diese arbeiten wie Kumar nur nebenberuflich und noch ohne Bezahlung an dem Tool. Das soll sich auf lange Sicht aber ändern. „Mit dem Wachstum steigen natürlich auch die Ambitionen“, sagt Kumar. Bis Mitte 2021, so sein Plan, wolle er monatlich rund 10.000 Euro umsetzen. Damit könne er dem ersten Mitarbeiter dann ein volles Gehalt zahlen. Um alle zu entlohnen, seien mindestens 50.000 Euro Monatsumsatz nötig. Kumar: „Das ist aber noch ein weiter Weg.“

Investoren melden sich „regelmäßig“

Immerhin: Die Richtung scheint zu stimmen. Derzeit wachse Tresor One bei den Nutzern monatlich „zwischen 50 und 150 Prozent“, bereits im Februar rechnet Kumar mit rund 10.000 monatlich aktiven Kunden. Die Conversion Rate – also der prozentuale Anteil derer, die sich später auch für das Bezahlabo entscheiden – liege bei etwa fünf Prozent. Für eine Finanzsoftware ist das ein ordentlicher Wert.

So scheint wenig verwunderlich, dass Kumar laut eigener Aussage inzwischen „regelmäßig“ auch Anfragen von Investoren bekommt. Eine Finanzierungsrunde komme für ihn derzeit aber nicht infrage. „Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich siebenstellige Summen raisen könnte, aber es hat bisher nicht gepasst und würde meinen Fokus vom Produkt abwenden.“ Er wolle sich erstmal weiter selbst um neue Features für sein Tool kümmern. Demnächst sollen Nutzer ihre Depots etwa öffentlich teilen können, Apps für iOS und Android sind ebenfalls in der Mache.

Und dann wäre da ja noch Kumars eigentlicher Beruf als festangestellter Softwareentwickler. Den wolle er weiter ausüben, um zu lernen. Erst vor wenigen Tagen hat er ein neues Jobangebot beim Milliarden-Fintech Stripe angenommen. Seine letzte Station, bevor er bei Tresor One in Vollzeit übernimmt? Kumar zögert, er ist sichtlich um eine diplomatische Antwort mit Rücksicht auf seinen neuen Arbeitgeber bemüht. Dann sagt er: „Es würde mir sicher genauso viel Spaß machen wie mein Geld anzulegen.“