Hartz-IV-Petition erfolgreich: "Herr Spahn hat persönlich angerufen"

Hannah Klaiber
Freie Journalistin
Gesundheitsminister Jens Spahn will sich mit der Initiatorin der Online-Petition treffen. (Bild: AFP)

In einer Petition hatte Sandra S. den Gesundheitsminister Jens Spahn dazu aufgefordert, einen Monat lang vom Hartz-IV-Grundregelsatz zu leben. Über 150.000 Menschen unterstützen bislang diese Aufforderung – nun hat Spahn einem Treffen mit Sandra S. zugestimmt. Was sie ihm bei dieser Gelegenheit sagen möchte, erzählt die 40-Jährige im Interview mit Yahoo Nachrichten.

Wer in Deutschland Hartz IV beziehe, der „habe alles, was er zum Leben brauche“ und es müsse niemand hungern, auch wenn es die Tafeln in Deutschland nicht gäbe: Diese Aussagen des Gesundheitsministers Jens Spahn wollte die 40-jährige Sandra S. nicht hinnehmen.

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Deshalb startete die Mutter eines 10-jährigen Sohnes auf der Petitions-Plattform „Change.org“ eine Kampagne und forderte Spahn auf: „Leben Sie einen Monat lang mit Hartz IV, so wie ich!“ Nun hat der Gesundheitsminister einem Treffen mit Sandra S. zugestimmt – im April werden sich die beiden gegenübersitzen.

Yahoo Nachrichten: Ihre Online-Petition hat ganz klar einen Nerv getroffen – bis heute haben über 150.000 Menschen unterschrieben. Hatten Sie mit so viel Unterstützung gerechnet?

Sandra S.: Nein. Ich hätte mich auch über 5.000 oder 10.000 Unterschriften sehr gefreut. Dass sich aber so viele Menschen dafür interessieren – das hätte ich mir nicht träumen lassen.

Herr Spahn hat sich nun tatsächlich bei Ihnen gemeldet. Wie hat er Kontakt aufgenommen und was war Ihr erster Eindruck?

Ich war doch sehr erstaunt darüber, dass er sich wirklich gemeldet hat – und das auch noch so schnell. Er hat mich persönlich angerufen. Das Gespräch wurde von beiden Seiten sehr respektvoll geführt.

Was wollen Sie ihm unbedingt sagen, wenn Sie ihm im April gegenübersitzen?

Ganz ehrlich? Das erarbeite ich mir gerade noch und ich habe dafür natürlich auch etwas Hilfe an der Hand. Was ich ihm aber gerne nahebringen möchte: Solche Aussagen („Hartz IV bedeutet nicht Armut“, Anm. d. Red.) kommen bei Menschen in Not absolut respektlos an.

Sie beziehen selbst Hartz IV und schreiben in Ihrer Petition, dass es Ihnen nicht leichtfällt, dies öffentlich zuzugeben. Sie haben es dennoch getan. Wovor haben Sie sich vor diesem Schritt am meisten gefürchtet?

Ich habe mich natürlich davor gefürchtet, dass es Leute gibt, die Menschen wie mich stigmatisieren und das passiert natürlich auch. Ich kann aber ganz gut damit umgehen- denn genau das ist ja auch der Punkt: Ich will ein Umdenken anstoßen.

Sie sind alleinerziehende Mutter und hingen lange in der Zeitvertragsschleife fest. Wie so viele andere Menschen, die Sozialleistungen beziehen, möchten Sie gerne arbeiten. Warum klappt es nicht?

Ich scheitere an der Inflexibilität vieler Arbeitgeber, die von Ihren Mitarbeitern aber wiederum volle Flexibilität erwarten. Natürlich möchte ich arbeiten, doch ich bin auch der Meinung, dass es mehr belohnt werden sollte, Mutter zu sein. Außerdem gibt es gesundheitliche Einschränkungen, die es mir nicht einfacher machen.

Wie kann die Politik helfen?

Es sollte endlich über die Möglichkeit eines Grundeinkommens beraten werden. Es wäre aber schon ein Anfang, das Kindergeld und den Kindesunterhalt nicht auf Hartz IV anzurechnen, solange man diese Sozialleistung bezieht.

Sie schreiben in Ihrer Petition, Herr Spahn verstärke mit seinen Aussagen das Bild, das viele von „Menschen wie mir haben“ und nennen als Beispiel „Das sind doch Schmarotzer!“ oder „Die soll doch einfach arbeiten gehen“. Wer äußert solche Meinungen und wie entstehen sie?

Ich werde nicht über andere urteilen, auch die Kritiker von Menschen wie mir haben eine Lebensgeschichte hinter sich. Vieles ist aber sicher politisch wie auch medial gemacht worden, indem nicht aufgeklärt und oft leider ein falsches Bild von armen Menschen vermittelt wird. Es wird zu wenig hinterfragt und auch die Politiker haben verlernt, wirklich und ehrlich mit ihren Wählern zu reden.

Ihnen bleiben rund 10 Euro am Tag zum Leben für Sie und Ihren Sohn. Welcher Verzicht ist besonders schmerzhaft und mit welchen Worten muntern Sie Ihren Sohn auf, wenn Sie ihm einen materiellen Wunsch nicht erfüllen können?

Es geht ja hier nicht nur um meine Person, sondern um das Thema soziale Gerechtigkeit. Daher möchte ich gerne für alle Menschen sprechen, denen es finanziell nicht gut geht. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und die Ausgrenzung, die man erfährt, sind Dinge, die sehr schmerzen. Oft Nein sagen zu müssen, ist natürlich auch sehr schmerzhaft. Eine Aufmunterung ist aber sicher, dass wieder bessere Zeiten kommen. Man muss Geduld haben, dafür kämpfen und man darf nie die Hoffnung verlieren.

Zur Online-Petition von Sandra S. geht es hier entlang!

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