Harter Hund als Frauenversteher: So tickt Kult-Coach Biegler

Bernd Roetmann, Michael Prieler
Michael Biegler hat die deutsche Frauen-Nationalmannschaft für die Heim-WM fit gemacht

Die deutschen Handball-Frauen sind in der Spur.

Am Wochenende schlugen die "DHB-Ladies" in ihren letzten beiden Testspielen vor der Heim-WM eindrucksvoll die Slowakei und Island - und können nun voller Selbstvertrauen in den WM-Auftakt gegen Kamerun am Freitag (ab 18.45 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) gehen.

Dass sich die deutschen Handballerinnen im Eiltempo vor dem Heim-Turnier von einer Mittelklasse-Mannschaft zu einem ernsthaften Medaillenkandidaten entwickelt haben, ist vor allem Bundestrainer Michael Biegler zu verdanken.


Biegler kam als letzte Hoffnung zum DHB

Im April 2016 übernahm Biegler, der selbst nie als Profi Handball spielte, die DHB-Frauen. Die Verbandsverantwortlichen hatten die Notbremse gezogen und sich von Bieglers Vorgänger Jakob Vestergaard getrennt, nachdem bei der WM 2015 schon im Achtelfinale Schluss war.

Die DHB-Führung sah damals nicht die nötige Entwicklung im Team, um das große Ziel, bei der Heim-WM ein Wörtchen um Edelmetall mitzureden, ernsthaft zu erreichen. Ausgerechnet mit Biegler als Retter des deutschen Frauen-Handballs rechnete aber kaum jemand. Doch die Entscheidung war im Nachhinein goldrichtig.

Vor seiner Amtszeit als Frauen-Bundestrainer galt Biegler eher als harter Hund, bekannt für klare Kante und bis an die Schmerzgrenze akribisch.

Der Sachverstand des Diplom-Sportlehrers war schon immer unumstritten. Biegler hat in 30 Jahren als Handballtrainer 13 Top-Klubs im Männerbereich betreut, arbeitete mit Superstars wie Johannes Bitter oder Pascal Hens zusammen. Mit Kulthandballer Stefan Kretzschmar pflegt er eine innige Männerfreundschaft.

Auch seine Fähigkeiten als Nationaltrainer stellte er zwischen 2012 und 2016 erfolgreich unter Beweis, als er die Verantwortung für die polnischen Männer trug und diese zu Bronze bei der WM 2015 in Katar führte.


"Noch immer kein Frauenhandball-Experte"

Das Prädikat "Frauenversteher" trug "Beagle" bis zu seinem Amtsantritt aber eher nicht. Und als solcher versteht er sich auch bis heute nicht: "Ich bin noch immer kein Frauenhandball-Experte. Ich mache kein anderes Training als vorher. Ich würde auch meine Authentizität verlieren, wenn ich mich ändern würde", erklärt Biegler im Interview mit SPORT1.

Doch seine direkte Art, mit der er sich in der Handballwelt keineswegs nur Freunde gemacht hat, war offenbar genau das, was die deutschen Frauen in der Vorbereitung auf ihr Schicksalsturnier benötigten.

Die Nationalspielerinnen sind begeistert von ihrem Dirigent an der Seitenlinie: "Er ist ein sensationeller Typ, der uns in kurzer Zeit, auch persönlich, weiterentwickelt hat. Was er sagt, das ist so auf den Punkt. Das hab ich noch nicht bei so vielen Trainern erlebt", schwärmt Torhüterin Clara Woltering bei SPORT1.

Durch seine Geradlinigkeit, aber auch durch seine positive Besessenheit brachte Biegler den deutschen Frauen-Handball, der ohne klaren Plan im internationalen Mittelmaß zu versinken drohte, wieder auf Kurs.


Huber: "Er lebt 24 Stunden für den Handball"

"Er ist sehr authentisch, er lebt 24 Stunden für den Handball. Er gibt den Weg vor und alle marschieren hinterher. Ich denke, diese Einheit war extrem wichtig für uns", sagt Flügelflitzerin Svenja Huber bei SPORT1.

Eine Einheit war die Frauen-Nationalmannschaft in der Zeit davor nur selten. Grüppchenbildung und Machtstreitigkeiten waren innerhalb des Teams an der Tagesordnung.

Doch mit Teamgeist und dem in den vergangenen beiden Jahren gewonnen Selbstvertrauen ist tatsächlich der große Coup bei der WM möglich.


Die letzte internationale Medaille liegt mit Bronze bei der WM 2007 zehn Jahre zurück. Beim einzigen WM-Titel vor 24 Jahren waren einige aktuelle Nationalspielerinnen noch gar nicht geboren.

Doch egal, ob das "Projekt Heim-WM" von Erfolg gekrönt sein wird oder nicht, Biegler wird das Kapitel "Frauenhandball" nach dem Turnier definitiv beenden.

Kumpel Kretzschmar, der auch Aufsichtsratsmitglied bei Bundesligist SC DHfK Leipzig ist, überzeugte "Beagle", ab dem kommenden Jahr die Nachfolge von Christian Prokop bei den Sachsen anzutreten, der wiederum als Bundestrainer der Männer zum DHB gewechselt war. 

In Leipzig wird man sich auf klare Kante einstellen dürfen.