Harte Fakten von der Ermittlungsgruppe „Watte“

Die Staatsanwaltschaft wirft Anton Schlecker vorsätzlichen Bankrott vor. Der Chefermittler dokumentiert nun Gewinnentnahmen und zweifelhafte Überweisungen direkt vor der Drogerie-Pleite Ende Januar 2012.


Richter Roderich Martis verabschiedet sich am Freitagmittag nach der Vernehmung des Chefermittlers des Landeskriminalamtes in die Sommerpause. Der unter anderem wegen Bankrotts angeklagte Anton Schlecker verbirgt seine Gefühle auch da, wie an nahezu allen bisherigen Prozesstagen.

Langsam geht der ehemalige Drogerie-König zum Ausgang des Gerichtssaales. Der 72-Jährige scheint in Gedanken versunken. Doch dann hebt er den Zeigefinger, lächelt kurz und kehrt um. Hat er doch seine Aktentasche und den leeren Pappbecher stehen lassen. Vielleicht war er doch schon gedanklich in der Prozesspause, nach 20 Verhandlungstagen seit Anfang März. Seine mitangeklagten Kinder Maike und Lars haben da den Saal 1 im Stuttgarter Landgericht längst verlassen.


Für die beiden war es kein wirklich guter Tag. Besonders als der Richter den Chef-Ermittler des Landeskriminalamtes über seine Ermittlungsergebnisse zum Thema Gewinnentnahmen und Überweisungen unmittelbar vor der Insolvenz des Drogerieimperiums befragte. Schlecker wird vorsätzlicher Bankrott vorgeworfen. Er soll insgesamt noch über 20 Millionen Euro beiseite geschafft haben, die den Gläubigern zustanden.

Am 20. Januar 2012 machen dann Maike und Lars Schlecker eine Gewinnentnahme eben über sieben Millionen Euro bei der Logistik-Tochterfirma LDG. Das war ein Tag vor der Insolvenz des Drogerie-Imperiums. In den Tagen muss es sehr hektisch zugegangen sein. Die LDG hatte dem Stammhaus 50 Millionen geliehen und forderte dieses Geld zurück. Der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz schob diesem Geldabfluss dann einen Riegel vor.

Für die Verteidigung dürften die Aktionen kurz vor der Insolvenz nicht ganz einfach zu entkräften sein. Zumal Maike Schlecker damals auf einer Pressekonferenz zur Insolvenz gesagt hatte: „Es ist nichts mehr da“.

Der Chef der Ermittlungsgruppe „Watte“ sagte, dass Schlecker seinen Kindern auch einen Tennisplatz geschenkt habe und seinem Sohn eine Wohnung in Berlin kaufte und renovierte. Letzteres summierte sich auf rund zwei Millionen Euro. Der Vater habe den Kindern noch zum Jahreswechsel 2011/12 eine Reise nach Antigua im Wert von 58.000 Euro bezahlt.


Die Ermittler stellten bei Anton Schlecker kein nennenswertes Vermögen mehr auf dessen über 30 Konten fest. Grundstücke und das von ihm und seiner Frau bewohnte Haus hatte er längst auf seine Frau übertragen lassen. Bei den Kindern und ihrer Mutter Christa waren je rund zehn Millionen Euro gefunden worden, sagte der Ermittler vor Gericht.

Die zeitweise bis zu zehn Ermittler nahmen alle Konten der Familie unter die Lupe. Es seien aber keine Überweisungen ins Ausland festgesellt worden. Nach einem Streit um übertragenes Vermögen zahlte die Familie dem Insolvenzverwalter bereits 2013 rund zehn Millionen Euro. Strafrechtlich ist das aber nur bedingt relevant. zumal es in insgesamt 34 Fällen um einen Betrag von über 20 Millionen Euro geht. Eine Prognose, ob und wie die Schleckers bestraft werden, ist aber auch vor der Sommerpause seriös nicht zu geben.

Nach der Sommerpause steht der nächste Verhandlungstag am 4. September an. Getagt wird ausnahmsweise im Wohnort der Schleckers in Ehingen. Unter den Zeugen sind die ehemaligen Sekretärinnen.

KONTEXT

Die Schlecker-Familie

Anton Schlecker

Der 72-Jährige ist der große Unbekannte. Selbst örtliche Politiker und Wirtschaftsvertreter haben kaum Kontakt zu ihm. Nach der Pleite soll sich Anton Schlecker auch von Vertrauten zurückgezogen haben. Der gelernte Metzgermeister eröffnete 1975 den ersten Schlecker-Markt. Zwei Jahre später betrieb er schon mehr als 100 Filialen. Er baute ein Imperium auf und beschäftigte in Glanzzeiten mehr als 55.000 Menschen. Konkurrent Dirk Roßmann, der Schlecker und dessen Frau seit Jahren kennt, sagte jüngst in einem Beitrag des SWR: "Fleißig waren die beiden, unglaublich." Außerdem seien sie hilfsbereit und großzügig gegenüber Freunden. Schlecker selbst sagte vor Gericht, er habe tagtäglich von frühmorgens an für das Unternehmen gearbeitet, auch am Wochenende.

Nicht nur im Geschäft achtete Schlecker auf jeden Cent. Er und seine Frau wurden in den 1990er Jahren zu zehn Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von einer Million Euro verurteilt, weil sie Hunderte Mitarbeiter jahrelang unter Tarif bezahlt hatten. Über Jahre habe die Familie keinen Urlaub gemacht. "Wir hatten oder haben keine Sammlung von teuren Autos, keine Weingüter, keine Kunst, keine Jachten, keine Hotels." Dennoch habe man sich das ein oder andere geleistet.

Christa Schlecker

Über Anton Schleckers Frau ist am wenigsten bekannt. Sie ist in Essen geboren, besuchte die Handelsschule und heiratete 1971 Anton Schlecker. Die 69-Jährige wird als "resolut" beschrieben. Christa Schlecker galt als enge Vertraute Antons und soll zusammen mit ihm das berüchtigte Kontrollnetz über Mitarbeiter errichtet haben.

Lars Schlecker

Der heute 45-Jährige saß mit in der Geschäftsführung des Schlecker-Imperiums. Er wurde an der European Business School in London ausgebildet und machte im Jahr 2000 an der Steinbeis-Hochschule in Berlin seinen Master of Business Administration. Zu Zeiten des Internet-Hypes sammelte Lars Schlecker unternehmerische Erfahrungen als Gesellschafter des B2B-Portals Surplex.com - zusammen mit dem Sohn des ehemaligen Daimler-Chefs Jürgen Schrempp. Nach der Insolvenz arbeitete er als Agent für Künstler und engagiert sich derzeit beim Münchner Unternehmen float medtec. Er werde zwar immer als Pferdenarr beschrieben, so Lars Schlecker im Prozess. Er habe allerdings lediglich im Alter von 14 Jahren ein Jahr lang Reitstunden genommen.

Mit seiner Schwester verbindet ihn eine schreckliche Erfahrung: An Weihnachten 1987 wurden die Schlecker-Kinder entführt. Vater Anton handelte die Lösegeldforderung der Erpresser von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Das Geld wurde gezahlt, die Kinder konnten sich aber selbst befreien. Nach einem Bankraub wurden die Entführer 1998 gefasst. Lars Schlecker ist verheiratet mit einer Architektin, hat zwei Kinder und lebt in Berlin.

Meike Schlecker

Lars' zwei Jahre jüngere Schwester (43) legte eine mustergültige Karriere hin. Sie studierte an der renommierten IESE Business School in Barcelona, ist aber schon etwa seit dem Jahr 2000 im Unternehmen beschäftigt. Meike Schlecker war es, die sich 2012 vor Journalisten stellte, um die Pleite zu verkünden. Es war der erste öffentliche Auftritt der Schlecker-Familie seit dem Prozess gegen die Entführer der Kinder 1999. Meike Schlecker ist geschieden; sie lebt mit ihren beiden Kindern in London. Gedanken über ihre weitere berufliche Zukunft habe sie sich noch nicht gemacht, sagte sie im Prozess.