"Hart aber fair"-Debatte zum Sommerurlaub: "Können wir nicht alle mal ein bisschen Verzicht üben?"

Jens Szameit

Der Reiseweltmeister hat endlich wieder Nerven, über Frühstücksbuffets und Wellnessprogramme zu streiten. Bei "Hart aber fair" ging es am Montag um die bange Frage, wie viel Ferienfeeling Corona vom Sommerurlaub übrig lässt. Die Antwort der Deutschen dürfte wohl individuell unterschiedlich ausfallen.

Wer hätte vor wenigen Wochen gedacht, dass es doch so schnell gehen würde mit der Wiederannäherung an die ... wie soll man es nennen: gefühlte Normalität? Es ist noch nicht lange her, da wurden auch bei "Hart aber fair" Schreckensszenarien durchgespielt mit überlasteten Intensivstationen und ausgehender Schutzausrüstung bei Ärzten und Pflegern. Nun aber, da man den schlimmsten Pandemieauswüchsen fürs Erste entkommen scheint, ist auch bei Frank Plasberg endlich wieder Gelegenheit, über das zu sprechen, was die Deutschen wirklich umtreibt. Kann ich von meiner Reise zurücktreten, wenn das gebuchte Wellnessprogramm ausfällt? Wie bekomme ich mein Fitnessfrühstück keimfrei auf die Gabel? Wo kann man im Urlaub die lästigen Kinder abgeben, wenn der "Mini-Club" zu hat?

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"Sommer, Sonne, Sicherheitsabstand: Was bleibt vom Urlaub 2020?", titelte der Plasberg-Talk am Montagabend alliterierend fluffig, und wenn man dem anwesenden Hotelier Rolf Seelige-Steinhoff Glauben schenken darf, dann bleibt da jede Menge. Zwar fehlen abzusehenderweise die großen Flugkapazitäten für Auslandsreisen, etwa auf die Baleareninseln, aber manchmal liegt das Gute ja so nah: "Wir sind der Meinung, dass die Möglichkeiten in Deutschland großartig sind", rührte der Hotelbetreiber die Werbetrommel für Ferien dahoam. Wiewohl er weiß: In der Hochsaison war man in Deutschland auch vor Corona schon ziemlich ausgebucht.

Das wird in diesem sehr speziellen Reisesommer 2020 wohl alles noch knapper werden, denn es gibt Auflagen, was die Bettenauslastung angeht und dergleichen mehr. "Wir sind vorbereitet!", lautete dennoch die selbstbewusste Botschaft des Hoteliers, er nannte "Eierspeisen à la Menü" und "Frühstückskonzepte" auf dem Beistelltisch als Beleg. So viel Vertrauen in die eigenen Hygienekonzepte kennt man sonst nur aus der Fußball-Bundesliga.

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Dennoch fraglich, ob das die Reisebranche insgesamt rettet. Meike Mouchtouris kennt schließlich ihre Pappenheimer genau. Bei Maskenpflicht am Strand und leeren Buffettischen seien "Reklamationen vorprogrammiert", glaubt die Reiseverkehrskauffrau. "Es gibt schon Insolvenzen. Es hat eine Lawine begonnen. Da kommen wir alleine nicht raus", wandte sie den Blick schräg hinüber zum CDU-Staatssekretär Thomas Bareiß. Der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung stellte unter heftigem Kopfschütteln von Frau Mouchtouris Gutscheinlösungen in Aussicht, auch dachte er laut über staatliche Zwischenfinanzierungen für Rückbuchungen nach: "Wenn wir nicht schnell reagieren, werden von den 11.000 Reisebüros in Deutschland nicht mehr viele übrig bleiben", fürchtet Bareiß.

"Da ist doch noch viel drin im Urlaub!"

Dass es nicht alleine um Branchennöte hier und Regressansprüche dort geht, sondern nebenbei auch noch ein Virus in der Welt ist, daran erinnerte dann und wann Professor Alexander Kekulé von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Nur gut, dass Frank Plasberg nicht auch noch den allgegenwärtigen SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach eingeladen hatte, sonst wäre es eine längere Fach-Diskussion geworden, wie Kekulé andeutete. Lauterbachs Befürchtung, die deutschen Urlauber würden das Virus pünktlich zum Start des Schuljahres aus dem Ausland in einer zweiten Infektionswelle einschleppen, hält der Virologe für unangebracht. Wenn die Deutschen im Ausland unter sich blieben, so Kekulé, brächten sie das Virus schlimmstenfalls hin und nähmen es wieder mit nach Hause. Das "Wenn" durfte man natürlich nicht überhören.

So hatte der Professor, durchaus Service-orientiert, einige handfeste Ratschläge für Reiselustige zur Hand. "Was nicht geht: Kinder zusammenbringen, das tut mir total leid." Weitere No-Gos: Buffet, Disko, Sauna. "Alle anderen Optionen sind offen. Da ist doch noch viel drin im Urlaub!" Überhaupt treibe der Infektionsschutz mancherorten "bunte Blüten", befand der Forscher. Er habe von Hotels gehört, wo Besucher beim Einchecken von Kopf bis Fuß mit Desinfektionsmittel eingesprüht würden - "kein Witz!"

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Dabei, so Kekulé, werde das Virus im Freien bei ausreichend Abstand nicht übertragen. Daher komme es weniger darauf, wohin man reise, sondern vielmehr darauf, was man im Urlaub so mache. Gerade "in den südlichen Destinationen" sitze man zum Beispiel viel draußen. "Wenn da der Wind durchbläst, ist das virologisch einwandfrei." Anders sei die Situation im Frühstücksraum oder gar in einer "dampfigen Bude" wie beim vermaledeiten Après Ski. In diesem Sinne, so Kekulé auf Plasbergs Nachfrage, sei "ein zweites Ischgl" jederzeit denkbar: "Das geht leider ganz schnell. Man braucht nur einen, der es reinschleppt, und dann geht die Kette sofort los."

Immerhin: "Wir wissen definitiv, dass die Coronaviren im Sommer schwächer werden", dozierte Kekulé den Stand der Forschung. "Ich befürchte, im Herbst wird's wiederkommen." Bis dahin setze er darauf, dass die Menschen gelernt haben, mit der Pandemie umzugehen wie mit anderen Gefahren des Lebens auch. Sowie auf: "Testen! Testen! Testen!" Dass für Corona-Schnelltests im Land der Scholzschen Bazooka nicht mehr Vorkehrungen getroffen werden, findet der Virologe "schade".

"Es geht letztendlich um Leben und Tod. Der Spaß kommt an zweiter Stelle."

Eine andere, indes wohltuende Perspektive eröffnete der leider bei argen Technikproblemen aus Spanien zugeschaltete Uwe Ochsenknecht. Der Schauspieler, der auf der gebeutelten Baleareninsel Mallorca eine Musikbar betreibt, erkennt auch Positives am Fernbleiben der Touristen-Jets. Das Wasser und die Luft habe er noch nie so sauber gesehen. "Es ist wieder weißer Sandstrand da, wo man sich fragt, wo der herkommt." Die Natur regeniere sich selbst. "Das ist schön zu sehen."

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Er sei "eh kein Fan von Stränden, wo die Menschen Popo an Popo liegen", befand der Wahl-Mallorquiner, es werde schon noch genug Urlaubsfeeling übrig bleiben. "Es geht letztendlich um Leben und Tod", sortierte Ochsenknecht die Debatte größtmöglich ein. "Der Spaß kommt an der zweiten Stelle." Er selbst sei als Nachkriegskind "in ganz einfachen Verhältnissen mit Verzicht aufgewachsen". Daraus lasse sich doch etwas lernen: "Können wir nicht alle zusammen mal ein bisschen Verzicht üben? Das fühlt sich vielleicht auch nicht schlecht an. Die Meckerein sollen nicht überhand nehmen."

Es war nicht weniger als das Wort zum Sonntag am Montagabend im Ersten. Man möchte hoffen, dass es auch dann nicht verhallt, wenn irgendwann auf Mallorca der Ballermann wieder aufmacht.

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