Hart aber fair: "Wir werden nie im Himmel ankommen."

Thema bei Frank Plasberg: “Fremde gegen Deutsche, Arme gegen Arme: Was zeigt der Fall der Essener Tafel?”

Die Entscheidung der Essener Tafel nur noch Menschen mit deutschem Pass zu bedienen, hat vielerorts für Unmut gesorgt. Nun ist bei “hart aber fair” eine Runde zusammengetreten, die versucht, dem Problem auf den Grund zu gehen – von verschiedenen Seiten. Nur will es nicht recht gelingen.

In Essen werden von der Tafel 6000 Bedürftige mit Lebensmitteln versorgt, die sonst vernichtet würden. Der Andrang ist groß, das Angebot begrenzt. Drei Viertel der Menschen, die in Essen Hilfe empfangen dürfen sind Ausländer und Flüchtlinge. Jörg Sartor, der Vorsitzende der Essener Tafel hat nun ein Aufnahmestopp für Ausländer verhängt. Einheimische Bedürftige wie alleinerziehende Mütter oder Rentner seien nicht mehr gekommen, weil sie in den Warteschlangen bedrängt oder weggeschubst werden würden. Noch dazu gingen sie am Ende häufig leer aus.

Umfrage: Die Mehrheit hat Verständnis für den Kurs der Essener Tafel

Jörg Sartor ist nicht in Frank Plasbergs Gesprächsrunde. Vermehrt konnte man in der Zeitung lesen, dass ihm der Medienrummel nach seiner Entscheidung über den Kopf gewachsen war. Er sah sich Anfeindungen ausgesetzt, sein Auto wurde mit “Nazi” beschmiert. Seine neuen Regeln wurden häufig nicht als Hilferuf verstanden, sondern als Diskriminierung, gar Ausländerhass.

Tafel-Kollege springt Sartor bei

Der Wattenscheider Vorsitzende der Tafel Manfred Baasner gibt bei “hart aber fair” seinem Kollegen Schützenhilfe: “Ich kann seine Entscheidung nachvollziehen. Wir haben die gleichen Probleme gehabt, doch wir haben sehr früh angefangen, nach Lösungen zu suchen.” Über 900 Tafeln gebe es in Deutschland, durch die Flüchtlingskrise seien die in eine Situation gekommen, der nicht alle Herr werden konnten. Die Wattenscheider Lösungen sind simpel aber effizient. “Wir haben ein Kartensystem eingeführt. 100 Leute bekommen eine rote Karte, das sind zum Beispiel ältere Menschen. Die dürfen zuerst kommen und ihre Lebensmittel abholen. Danach dürfen die mit den blauen und später die mit den grünen Karten kommen. So gibt es ein einfaches System, an das sich alle halten”, erklärt Baasner. Außerdem sei man schnell dazu übergegangen, ehrenamtlich arbeitende Dolmetscher einzusetzen.

Kommentar: Die Essener Tafel ist ein Eldorado für Fake News

Auch von Seiten der CSU gibt es kein Verständnis für die Beschimpfungen, denen sich der Chef der Essener Tafel ausgesetzt sieht. Stephan Mayer, Innenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, sagt bei Plasberg: “Diese Situationen gibt es nicht nur in Essen und jede Tafel geht damit anders um. Ehrenamtliche sollten nicht als ausländerfeindlich oder Neonazis beschimpft werden, wenn sie nach einem schwierigen Abwägungsprozess eine solche Entscheidung treffen.”

Seine Kollegin Katja Kipping, Vorsitzende der Partei Die Linke, sieht in Sartors Ausschluss der Ausländer einen Hilfe- und Weckruf. “Es braucht einen starken Sozialpakt. Dass es die Tafeln gibt, ist ein großer Verdienst. Doch dass es die Tafeln überhaupt braucht, ist ein Defizit in der Politik.”

Harte Zahlen versus Gefühl

Und dann gibt es da noch zwei Menschen bei Tisch, die sich gar nicht grün werden. Der Musiker Frank Zander, der sich schon seit Jahren für Obdachlose engagiert, und der Wirtschaftswissenschaftler Michael Hüther. Während Hüther immer wieder von einem wirtschaftlichen und auch wissenschaftlichen Problem spricht, einem “Verteilungsproblem der Güter”, legt der Künstler Zander Wert darauf, dass Nächstenliebe doch ein Gefühl sei, der Wirtschaftswissenschaftler nicht die Menschen hinter den Zahlen sehe.Zwei unvereinbare Positionen. Hüther setzt immer wieder an in feinstem Wirtschaftdeutsch Zander etwas von seiner These “Grundsicherung versus ehrenamtliches Engagement” zu erklären und Zander schimpft immer weiter, der Herr Hüther “soll doch mal mitkommen, früh morgens zum Brötchen verteilen.” Am Ende eint sie die Hüthersche Weisheit: “Wir werden nie im Himmel ankommen.”

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Ein anderer Vorwurf, der in der Diskussion laut wird, allerdings nicht zuende diskutiert werden kann, ist die Frage: Wie bezahlt man bei der Tafel? Natürlich bezahlt monetär niemand. Hie und da vielleicht ein paar Euro in die Spendenkasse. Doch manche glauben, der Bedürftige bezahle mit seiner Würde. Nicht nur, dass es für viele Menschen eine Überwindung sei überhaupt zur Tafel zu gehen, sondern auch die Tatsache, dass manche Vorsitzende der Ehrenamtlichen in Verruf geraten sind, ihre Kundschaft schlecht zu behandeln, trägt zur schlechten Stimmung bei. Dagegen wehrt sich Wattenscheider Tafel-Vorsitzender Baasner entschieden. Was soll er auch anderes tun? Aus Mangel an Erfahrungswerten verläuft hier die Diskussion im Sand.

Altersarmut weiter tiefgreifendes Problem

Jeder vierte Tafelbesucher ist Rentner. Das sind 350.000 Senioren in ganz Deutschland. Altersarmut in einem so reichen Land. Wie kann das sein? Auch diese Frage kommt kurz auf. Hier geraten vor allem die Politiker Mayer und Kipping aneinander. Die Linke-Chefin Kipping ist wütend: “Herr Mayer, hören Sie auf, Altersarmut zu verharmlosen.” Viele Rentner würden Hilfsangebote aus Scham nicht in Anspruch nehmen, tauchten deshalb in offiziellen Statistiken nicht auf.

Am Ende stellt Plasberg die Frage, mit wem jeder einzelne aus der Runde denn gern mal zur Tafel gehen würde? Die Kipping nimmt den Zander mit. Der Zander geht mit Kipping und Baasner. Und so setzt sich der Reigen fort. Nur Hüther sagt etwas neckisches zum Schluss eines ernsten Themas: “Ich gehe mit Frau Kipping, die fand ich heute netter als sonst.” Wenn´s auch sonst keine Lösungen gab.

Foto: Screenshot / ARD

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