Hart aber fair: Kriminologin sieht in #MeToo historischen Rückschritt

In der Runde wurden unterschiedliche Standpunkte vertreten. (Bild: Screenshot WDR)

Seit Monaten sorgt die Sexismus-Debatte #MeToo weltweit für Diskussionen. Bei „Hart aber fair“ wollte man am Beispiel des Regisseurs Dieter Wedel erkunden, wie es um das Verhältnis zwischen den Geschlechtern bestellt ist.

Der Fall Dieter Wedel beschäftigt seit Wochen die deutsche Öffentlichkeit. Dem 75 Jahre alten Filmemacher werden etliche Vergehen zur Last gelegt: So soll der Regisseur von erfolgreichen Mehrteilern wie „Der König von St. Pauli“ und „Die Affäre Semmeling“ mehrere Schauspielerinnen sexuell belästigt haben. Die Vorfälle liegen zum Teil Jahrzehnte zurück.

Thema bei „Hart aber fair“ war deshalb: „Macht, Mann, Missbrauch – was lehrt uns der Fall Wedel?“ Zu Gast waren SPD-Familienministerin Katarina Barley, die Kriminologin Monika Frommel, die Moderatorin Lisa Ortgies, der Intendant des Saarländischen Rundfunks Thomas Kleist, die Journalistin Emilia Smechowski sowie der Chefredakteur des „Zeit“-Magazins Christoph Amend.

Juristin Monika Frommel kritisierte den „digitalen Pranger“. (Bild: WDR/ARD)

Auf den Fall Wedel angesprochen, stellt Familienministerin Katarina Barlay gleich in ihrem ersten Statement klar: „Es gilt die Unschuldsvermutung.“ Sie fügt jedoch hinzu: „Es spricht aber im Moment alles dafür, dass die Vorwürfe zutreffen.“ Jeder Mensch habe für das einzustehen, was er tut, so Barley. Worauf Moderator Plasberg erwidert: „Die Frage ist nur, vor welcher Institution – vor der Öffentlichkeit oder vor einem Gericht.“

Die Rechtswissenschaftlerin und Kriminologin Monika Frommel nennt die Art und Weise, wie mit dem Fall Wedel umgegangen wird, einen „digitalen Pranger“ und einen „historischen Rückschritt“. Was da gerade geschieht, finde sie „unfassbar“. Man habe über Jahrhunderte daran gearbeitet, dass solche Fälle in geordneten Verfahren abgehandelt werden. Nun kehre man zu einem „Scherbengericht wie im alten Athen“ zurück, wo ein Mann in aller Öffentlichkeit bloßgestellt wird, ohne die Möglichkeit, sich zu verteidigen.

Journalistin Emilia Smechowski berichtete von eigenen Erfahrungen. (Bild: WDR/ARD)

Das lässt Christoph Amend, Chef des „Zeit“-Magazins, nicht auf sich sitzen. Seine Redaktion war es schließlich, die den Fall Wedel mit einer groß angelegten Recherche ins Rollen gebracht hatte. „Wir arbeiten journalistisch sehr sorgfältig“, so Amend. Man habe die Vorwürfe mehrfach geprüft und dokumentiert, aber kein Urteil gefällt. Journalismus sei etwas anderes als eine justiziable Ermittlung. Die Kriminologin widerspricht: „Was Sie hier getan haben, ist alles andere als Verdachtsberichterstattung.“

Schließlich konfrontiert Frank Plasberg den Intendanten des Saarländischen Rundfunks, Thomas Kleist, damit, dass sein Haus vor Jahrzehnten trotz mehrerer Vorwürfe gegen Dieter Wedel an dem Regisseur festgehalten habe. Plasberg: „Frauen waren also nicht so wichtig, Herrn Wedel weiter wirken zu lassen.“ Intendant Kleist: „Das kann sein. Und wenn es so war, war es nicht in Ordnung.“

Die Moderatorin Lisa Ortgies hingegen findet, die #MeToo-Debatte sei eine Ermutigung für Frauen, mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit zu gehen.

Die Journalistin Emilia Smechowski, die im Selbstversuch Männer im Alltag direkt auf Sexismus angesprochen hat, berichtet zum Schluss noch von einer eigenen Erfahrung. Bei einer Party in einer Redaktion wurde sie von einem Kollegen ungefragt geküsst. Sie habe ihn darauf weggeschoben, was dieser wiederum akzeptiert habe. Ihr Gedanke war damals: „Oh Gott, haben die Kollegen das jetzt vielleicht mitbekommen?“ Sie habe sich jedoch mit besagtem Kollegen inzwischen getroffen und er habe seine Aktion bereut.

Trotz unterschiedlicher Ansichten waren sich die Gäste zumindest in einer Sache einig: Dass Frauen heute Gehör finden, wenn sie von Missbrauchsfällen berichten, ist eine positive Entwicklung.