Das harmonische Duell


97 Minuten standen sich Kanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz beim TV-Duell gegenüber, die ersten 52 Minuten ging es vor allem um die Flüchtlingskrise.

Schulz griff Merkel für ihre Entscheidung vom September 2015 an. „Die Flüchtlingswelle kam über Monate und Monate auf uns zu“, sagte Schulz. „Man hätte das in einer anderen Form vermeiden können.“ Merkel verteidigte sich. Man habe schnelle Entscheidungen treffen müssen, die sie auch wieder so treffen würde.

Bei einigen wenigen Angriffen blieb es jedoch. Über weite Teile blieb das Duell harmonisch. „Das war ein sachliches, aber kein entscheidendes Duell“, sagte Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider im Anschluss dem Handelsblatt. „Viele Gemeinsamkeiten, wenig Unterschiede. Bestimmt nicht der Start für eine Aufholjagd von Martin Schulz“, urteilte er. „Das TV-Duell war so spannend wie die Wartezeit beim Einwohnermeldeamt“, sagte FDP-Chef Christian Lindner im Anschluss an das Duell dem Handelsblatt. „Zu den Zukunftsthemen Bildung, Digitalisierung, Euro und Energie hörte man nichts“, kritisierte er. „Eine Entscheidungshilfe war es wohl nur für die Unentschiedenen, dass sie nämlich wirklich woanders suchen müssen.“

Angela Merkel nickte häufig zustimmend, wenn Schulz sprach. Viel Übereinstimmung gab es auch bei den Ja/Nein-Fragen zum Schluss der Sendung. Beide finden das Engagement von Altkanzler Gerhard Schröder bei Rosneft schlecht, beide finden die Ehe für alle gut, beide halten es nicht für gut, dass die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar stattfinden soll. Beide sprachen sich für mehr Polizeibeamte aus und bestätigten einander, dass es Fehler beim Fall des Attentäters Anis Amri gegeben hat.


Differenzen gab es vor allem bei der Frage, ob die EU die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei beenden soll. Schulz versprach, dass er die Verhandlungen sofort beenden würde, wäre er Kanzler. Merkel hingegen betonte zwar, dass sie ja noch nie für einen Beitritt der Türkei zur EU war, man ein Ende der Beitrittsverhandlungen aber mit den anderen EU-Mitgliedsstaaten absprechen müsse.

Sie stimmte zu, dass man mit Leuten wie dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan hart umgehen müsse. Aber sie gab auch zu Bedenken: „Wenn man Staatsbürger frei bekommen möchte, dann muss man schon im Gespräch bleiben.“

Viel Zeit verstrich auch beim Streit von Schulz und Merkel zur Maut. Schulz sprach sich vehement für eine Abschaffung der Maut-Pläne aus und warf Merkel Wortbruch vor. Die amtierende Bundeskanzlerin verteidigte die Maut hingegen.

Zur Halbzeit des TV-Duells fanden laut einer ARD-Umfrage 44 Prozent Merkel bis dahin überzeugender, 22 Prozent Schulz. Bei den Befragten, die für die Wahl noch unentschieden sind, lag Merkel mit 36 zu 31 Prozent vorn. Die Zuschauer der ARD sahen in ihr am Ende auch die Gesamtsiegerin des TV-Duells. 55 Prozent der Befragten fanden die amtierende Bundeskanzlerin überzeugender, 35 Prozent sahen Schulz vorn.

Innenpolitik nach einer Stunde ein Thema

Zur Innenpolitik kamen die Moderatoren erst ab 21.13 Uhr. Beide Kandidaten versprachen, dass sie das Rentenalter nicht auf 70 Jahre erhöhen wollen. Viele Themen fehlten jedoch ganz, zum Beispiel wie die Kandidaten sich die künftige Wirtschaftspolitik vorstellen, auch das Zukunftsthema Digitalisierung wurde nicht behandelt.


Die Opposition kritisierte das TV-Duell auf Twitter scharf. „Über 60 Minuten TV-Duell. Nix zu Klima, nix zu Bildung, nix zu Digitalisierung“, schrieb Grünen-Chef Cem Özdemir: „Wann geht's eigentlich mal um die Zukunft?“ Und Linkspartei-Chef Bernd Riexinger monierte: „Kein TV-Duell zu Niedriglöhnen, Befristungen, Leiharbeit. Dass muss man erst mal schaffen.“ Auch FDP-Chef Christian Lindner fragte: „Wieso gab es beim TV-Duell nichts zu Bildung, Digitalisierung, Euro, Energie, Klima, Innovation, Bürokratie?“ Gelegenheit um über diese Themen zu sprechen, haben die Vertreter der kleineren Parteien am Montagabend beim TV-Duell.

Am Sonntagabend wurde hingegen viel über aktuelle Krisen gesprochen. Bei der Frage zur Bewältigung des Diesel-Skandals kritisierte Merkel wie schon zuvor die Autoindustrie scharf. „Ich bin entsetzt, ich bin stocksauer“, sagte sie. „Ein Hauptpfeiler unserer deutschen Wirtschaft ist in Gefahr geraten.“


Schulz sprach sich dafür aus, den deutschen Verbrauchern Sammelklagen zu ermöglichen. „Es ist völlig klar, dass die Musterfeststellungklage kommen muss“, sagte Schulz. Merkel sprach an, dass es im Kapitalrecht bereits Sammelklagen gibt. Auf der gleichen Grundlage könne man Sammelklagen auch im Zusammenhang mit dem Dieselskandal ermöglichen, stellte sie in Aussicht. Sie kritisierte aber den bereits dazu vorgelegten Gesetzentwurf von Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD). Mass soll nun auch zu Dieselgipfel am Montag kommen, um darüber zu sprechen.

Martin Schulz habe zwar bei einigen Themen wie Maut, Türkei und Rente punkten können, sagte Michael Spreng, Politikberater, dem Handelsblatt im Anschluss an das Duell. „Auch sein Schlussplädoyer war sehr gut“. Er habe also einige Punkte setzen können. „Aber diese Punkte waren nicht so stark, dass jetzt die Umfragen in die Höhe schießen.“

„Angela Merkel und Martin Schulz in Harmonie“, urteilte Reinhold von Eben-Worlée, Präsident des Verbands der Familienunternehmer. „Die nächste große Koalition scheint klar. Martin Schulz hat sich mit dem SPD-Programm im Gepäck weder absetzen noch inhaltlich abgrenzen können“.

„Viel Duell war da nicht spürbar, primär Austauschen von Fakten“, urteilte auch Martin Eisenhut, Partner und Managing Director der Unternehmensberatung A.T. Kearney Zentraleuropa. „Ich hätte mir mehr direkte Debatte zwischen beiden Kandidaten gewünscht anstatt das Abarbeiten von vorgegebenen Themenblöcken.“