Hansas wichtigstes Derby

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Hansas wichtigstes Derby
Hansas wichtigstes Derby
Hansas wichtigstes Derby

Am Samstag kommt es in der 2. Bundesliga zum Ostderby der Traditionsklubs Hansa Rostock und Dynamo Dresden (2. Bundesliga: Hansa Rostock - Dynamo Dresden am Samstag ab 19.30 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und Stream), die gemeinsam aufgestiegen sind.

Wie 1991, als sie als einzige Klubs der alten DDR-Oberliga den Sprung in die Bundesliga schafften. Hansa als Meister, Dynamo als Zweiter. Hansa machte den Aufstieg dabei ausgerechnet durch einen Sieg über den Titelverteidiger aus Dresden perfekt, keiner schmeckte den Rostockern süßer als dieser.

Im SPORT1-Gespräch erinnert sich der damalige Trainer Uwe Reinders an einen der größten Tage der Klubhistorie.

Kische stellt Reinders zentrale Frage

Die Saison 1990/91 begannen die Mannschaften der NOFV-Oberliga noch als Organe des DDR-Sports, erst nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 gehörten sie der Bundesrepublik Deutschland an. Die letzte Saison war ein Hauen und Stechen, denn mehr als der Hälfte (acht von 14) der Klubs drohte der Absturz in den Amateurfußball.

Mit dem DFB wurde vor der Saison vereinbart dass nur die ersten beiden Mannschaften ab 1991/92 in der Bundesliga mitspielen durften, vier weitere immerhin noch in der 2. Liga.

Und so wurde der neue Hansa-Trainer Uwe Reinders, ein “Wessi” aus dem Ruhrpott mit Werder-Vergangenheit, von Vize-Präsident Gerd Kische gefragt: “Traust du Dir zu, mit der Mannschaft Sechster zu werden?”

Reinders erinnert sich noch 30 Jahre danach im SPORT1-Gespräch: “Unser Ziel war, in den Profifußball zu kommen. Ich hatte Hansa zwei, dreimal spielen sehen und glaubte an die Qualität der Mannschaft. Also bejahte ich die Frage.” Von Bundesliga aber war keine Rede. Hansa war noch nie Meister geworden, erst 1987 wieder aufgestiegen und 1990 Sechster geworden. Das hätte diesmal also gereicht, nur wollten sie es mit einem anderen Trainer versuchen.

Kooperation mit Werder Bremen

Der Vorstand war gleich nach dem Mauerfall im Februar 1990 eine Kooperation mit Werder Bremen eingegangen, und aus Bremen kam wohl der Tipp, einen jungen Mann als Trainer zu verpflichten, der schon bewies, dass er aufsteigen konnte. Uwe Reinders, damals erst 35, hatte Eintracht Braunschweig in die 2. Liga geführt und dort gehalten. Für ihn war es eine gewaltige Umstellung.

Sein Trainerkabuff hatte nur zehn Quadratmeter, es gab nur einen Arzt. Zu Beginn wollte Reinders eine Telefonliste der Spieler erstellen und erfuhr zu seinem Entsetzen, dass keiner einen Anschluss hatte. Reinders: “Ich kann mich nicht erinnern, je mit einem meiner Spieler telefoniert zu haben.” Es gab auch kein Videostudium der Gegner, er verließ sich auf die Fachkenntnis seines Co-Trainers Jürgen Decker, “ein absoluter Insider der DDR-Oberliga”. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur 2. Bundesliga)

Auch führte er “Westmethoden” ein und schaffte einiges ab, was ihm sinnlos erschien. “Die waren zehn Stunden am Vereinsgelände und haben bis zu viermal am Tag trainiert. Das war reine Beschäftigungstherapie. Das habe ich geändert, auch um den Ernährungsplan habe ich mich gekümmert. Die Spieler waren da ganz offen für Neues. Unser Erfolgsgeheimnis: ein Wessi-Trainer war zum richtigen Zeitpunkt auf eine Ost-Mannschaft getroffen.”

Ausverkauf setzt bei Hansa Rostock ein

Rechtzeitig vor dem Ausverkauf, der schon bald einsetzte, “wobei unsere Mannschaft für die Geier auf den Tribünen noch nicht so interessant war wie Dynamo Dresden oder der BFC Dynamo.”

Quasi unbemerkt eilte Hansa von Sieg zu Sieg, schon bald verlor die Konkurrenz den Anschluss. Reinders: “Es war die vielbeschworene Eigendynamik des Erfolgs.” Sie verloren in der Vorrunde nur ein Spiel und wurden Herbstmeister, doch selbst sechs Spiele vor Schluss weigerte sich Reinders noch, von der Bundesliga zu reden. Dann musste er es doch: Ausgerechnet gegen Dynamo Dresden, den schärfsten Verfolger, bot sich am 4. Mai 1991 die Chance, den Aufstieg perfekt zu machen. Die Euphorie im Umfeld war riesig, “ganz Mecklenburg-Vorpommern kochte”, nur Reinders teilte sie nicht.

Im kicker erschien zwei Tage vor dem Spiel ein Interview, das eine düstere Zukunft zeichnete: “In drei Jahren ist der Ost-Fußball kaputt. Dann gibt es hier nur noch Amateur-Klubs.” Seiner eigenen Mannschaft gab er “keine Chance, in der Bundesliga zu bestehen.” Diese Aussagen fielen unter dem Eindruck der ersten Monate nach der Wiedervereinigung, als die besten DDR-Spieler von der Bundesliga abgeworben wurden und die Spielerberater aller Couleur über den Ostfußball herfielen.

Schlünz versenkt zwei Freistöße

Reinders war ernüchtert, weil er seinen besten Torjäger Henri Fuchs (zwölf Saisontore) an den 1. FC Köln verlieren würde und weil in der Kabine alle “nur noch übers Geld quatschen” würden. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der 2. Bundesliga)

Aber dann gab es doch was zu feiern. 17.500 Zuschauer füllten das Ostsee-Stadion, durch das eine La-Ola-Welle nach der anderen schwappte. Besonderes tat Reinders vor der Partie nach seiner Erinnerung nicht, motivieren musste er ohnehin keinen: “Ich habe ja die ewige Rivalität der Klubs nicht miterlebt, aber es war klar: Über Dresden Meister zu werden, das war für die ganze Region etwas Besonderes.”

Juri Schlünz tat an diesem Tag viel für seinen Kultstatus, der Kapitän zimmerte gleich zwei Freistöße ins Dresdner Netz, die jeweils die Führung bedeuteten (15., 67.), dazwischen lag der Ausgleich von Thorsten Gütschow (51.). Nach Ralf Hauptmanns Platzverweis schlug das Pendel gänzlich in Richtung Hansa aus, für die Entscheidung sorgte ausgerechnet der künftige Kölner Fuchs (83.). Auf der Tribüne überkam Vize Gerd Kische, langjähriger Hansa-Spieler, Wehmut: “Ich hätte heute einiges dafür gegeben, selbst auf dem Platz zu stehen.”

Auch die Helden von 1991 waren überwältigt von ihren Gefühlen. Hilmar Weilandt sagte: “Herrlich, so habe ich das Stadion noch nie erlebt. Von den kühlen Norddeutschen so eine Begeisterung – einfach toll.”

Feier nach Meistertitel

Uwe Reinders, als Spieler bei Feiern weniger zurückhaltend, lenkte schon den Blick aufs Pokalfinale und wollte nur “ein Gläschen Sekt trinken, die große Feier kommt später.” Seine Spieler nahmen es nicht ganz so eng. Reinders erinnert sich, “wie ich auf der Feier nach zwei Stunden keinen meiner Spieler mehr sah. Sie haben sich verdrückt und anderswo ohne ihren Trainer weiter gemacht und das war auch vollkommen okay so. Aber ich konnte mich auf meine älteren Spieler wie Juri Schlünz oder Gernot Alms verlassen, die haben die Jungen schon erzogen.” Und aufgepasst, dass die Feier nicht aus den Fugen geriet.

Dass Reinders für seine überglücklichen Meister Verständnis aufbrachte, bewies die Tatsache dass er das Sonntagstraining absagte, “denn was soll ich mit besoffenen Spielern auf dem Platz?”

Am Montag, den 6. Mai, erschien die Ostsee-Zeitung mit der kühnen Behauptung: “Die Münchner Bayern studieren bereits den Weg ins Ostsee-Stadion. Und auf den Traversen des Stadions proben die jubelnden Fans schon den Bundesliga-Aufstand: Wir ziehen den Bayern die Lederhose aus.”

Prophetische Worte.

Rostock schlägt Bayern in der Bundesliga

Vorher gab es aber noch den Pokalsieg gegen Eisenhüttenstadt (1:0) am 2. Juni, der Hansas Traumsaison krönte (DATEN: Die Tabelle der 2. Bundesliga).

Dann kam die Bundesliga und tatsächlich gewannen sie ihr erstes Spiel gegen die Bayern sogar in München mit 2:1 – und waren bis zum siebten Spieltag Tabellenführer. Es waren Monate im Dauerrausch.

Dumm nur: Am Ende stand doch der Abstieg und Reinders, der für die Meisterschaft 350.000 DM bekam, überstand die Saison 1991/92 nicht. Trotzdem bezeichnet er die knapp zwei Jahre an der Ostsee als “die schönsten meiner 15 Trainerjahre”, noch heute bekommt er Fanpost von der Küste und irgendwo hat er ein Video von der Aufstiegssaison. Mit dem Höhepunkt eines 3:1-Sieges gegen Dynamo Dresden.

Am Samstag treffen sie wieder aufeinander und Reinders wird vor dem Fernseher sitzen und seinem Ex-Klub die Daumen drücken. Sein Tipp: 2:0!

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