Hannover stellt Handball-Welt auf den Kopf

Michael Prieler

Drei Monate ist es gerade einmal her, da war die Stimmung bei der TSV Hannover-Burgdorf im Keller.

Als Geheimfavorit in die Vorsaison gestartet wurden die "Recken" nach einer desaströsen Rückrunde mit 14 Niederlagen und zwei Unentschieden bis ans Tabellenende durchgereicht und konnten den Abstieg nur um Haaresbreite abwenden.

Im Kalenderjahr 2017 holte Hannover nicht einen einzigen Sieg, Trainer-Shootingstar Jens Bürkle, dem perspektivisch sogar Chancen auf das Amt des Bundestrainers zugetraut wurden, war gescheitert und musste gehen.

Nach acht Jahren in der DKB Handball-Bundesliga drohte der steile Aufstieg der Recken sein Ende zu finden - doch dann kam Antonio Carlos Ortega.

Völlig überraschend übernahm der spanische Trainerfuchs im Sommer das Amt des Cheftrainers in Hannover und brachte als Co-Trainer auch noch seinen Landsmann und Weltmeister Iker Romero zurück in die Handball-Bundesliga, der sich zwischen 2011 und 2015 auf der Zielgeraden seiner aktiven Karriere bei den Füchsen Berlin in die Herzen der deutschen Handballfans gespielt hatte.

Auf der einen Seite der 46-jährige Taktik-Fachmann, der schon europäische Spitzenklubs wie Ungarns Serienmeister Veszprem und den dänischen Champions-League-Teilnehmer Kolding betreut hatte. Auf der anderen Seite der zehn Jahre jüngere Trainer-Novize und Heißsporn - diese Mischung schlug im kühlen Hannover ein wie eine Bombe.

Die Folge: Fünf Siege in Folge zum Auftakt, die nicht nur Eindruck hinterlassen, sondern die Handball-Experten verwundert die Augen reiben lassen. Der nie gefährdete Auftaktsieg gegen Titel-Favorit Flensburg (32:29) wäre vielleicht noch als Eintagsfliege durchgegangen.

Der Nervenkrimi beim THW Kiel (31:29) und das Comeback am Sonntag gegen den formstarken SC Magdeburg (32:30) nach zwischenzeitlichen sechs Toren Rückstand ließen die Zyniker aber verstummen.

Keine Frage: Die TSV Hannover-Burgdorf ist, ganz analog zu Hannover 96 in der Fußball-Bundesliga, die Mannschaft der Stunde in der DKB Handball-Bundesliga und auf dem besten Weg, die Machtverhältnisse in der "stärksten Liga der Welt" auf den Kopf zu stellen.

Neben dem Coup auf der Trainerbank kann sich Geschäftsführer Benjamin Chatton auch für seine Kaderplanung auf die Schulter klopfen. Die personelle Zusammensetzung in Hannover ist so ausgereift wie nie.

Seit Jahren schon war es die Klub-Maxime, auf deutsche Leistungsträger zu setzen - schon allein aus finanziellen Gründen. Jetzt stimmt der Mix endgültig:

Noch immer ist die Mannschaft um einen Kern von zehn deutschen Spielern herum aufgebaut, darunter Club-Urgesteine wie Kapitän Torge Johannsen, erfahrene Ex-Nationalspieler wie Sven-Sören Christophersen oder Evgeni Pevnov und Nachwuchshoffnungen wie Malte Semisch oder Timo Kastening.

Für die Glanzlichter aber sorgt Europameister Kai Häfner im Zusammenspiel mit dem dänischen Olympiasieger-Duo Casper Mortensen und Morten Olsen.

Der 28-jährige Linkshänder, seit 2014 in Hannover, ist auch dank seiner Erfolge in der Nationalmannschaft zum Gesicht des Klubs gereift. Er ist der drittbeste Feldtorschütze der Liga und derzeit wohl der kompletteste deutsche Handballspieler überhaupt.

Da fiel es bei Hannovers Höhenflug an den ersten fünf Spieltagen noch gar nicht ins Gewicht, dass der vermeintliche Königstransfer des Sommers, der hoch veranlagte russische Spielmacher Pawel Atman, noch gar nicht einsatzfähig war. xxxxx  braucht der 30-Jährige offenbar noch, um nach einer xxxx-Verletzung wieder in Topform zu kommen.

Das wäre gerade rechtzeitig zum Kracherduell gegen die Rhein-Neckar Löwen. Sollte Hannover-Burgdorf nach den Champions-League-Teilnehmern Flensburg und Kiel dann auch den zweifachen Meister schlagen, wären die Machtverhältnisse in der Handball-Bundesliga endgültig auf den Kopf gestellt.