Der Handelsstreit mit den USA birgt große Gefahren für Chinas Finanzstabilität


Wenn selbst ein regierungsnahes chinesisches Forschungsinstitut vor einer Krise warnt, dann ist wohl tatsächlich Vorsicht angebracht. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg schrieb die Nationale Institution für Finanzen und Entwicklung (NIFD) in einer Studie, dass China „momentan sehr wahrscheinlich eine Panik an den Finanzmärkten sehen wird“. Die Studie soll laut Bloomberg am Montag vergangener Woche kurzzeitig im Internet gestanden haben – und verschwand dann.

Die Frage nach Chinas Finanzstabilität treibt derzeit Investoren rund um den Globus die Sorgenfalten auf die Stirn. Der Leitindex der chinesischen Börse CSI300 rutschte am Dienstag zeitweise auf den tiefsten Stand seit Mai 2017.

Bereits am Montag hatte der Finanzstabilitätsrat in Peking getagt. Seit diesen März wird die Superbehörde, die der Zentralbank und den Aufsichtsbehörden übergeordnet ist, vom Vize-Ministerpräsidenten Liu He geleitet. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete nach der Sitzung, dass die Behörde die Finanzstabilität zur Priorität gemacht habe.


Nicht nur die Aktienkurse, auch die Währung Yuan steht unter Druck und hat seit Mitte Juni rund vier Prozent abgewertet. Der China-Chefökonom der Deutschen Bank, Zhang Zhiwei, ist der Ansicht, dass die Abwertung zumindest zum Teil den schlechten Wirtschaftsdaten für den Mai für den Einzelhandel und die Investitionen zuzuschreiben ist.

Handelsstreit, Verschuldung, Immobilienblase –China birgt Risiken

Als wichtigster Auslöser für die Marktturbulenzen gilt aber der Handelsstreit mit den USA. „Die Märkte erkennen, dass sich der Konflikt stärker auf China auswirkt“, warnt Rolf Langhammer, China-Experte vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Das Land gilt aber auch wegen anderer Faktoren wie der hohen Verschuldung der Unternehmen und einer möglichen Immobilienblase als anfällig.

Am Freitag sollen Sonderzölle der USA von 25 Prozent auf chinesische Importe im Wert von 34 Milliarden US-Dollar in Kraft treten. Abgaben auf weitere chinesische Waren im Wert von 16 Milliarden sollen am 13. Juli erwogen werden und könnten Anfang August in Kraft treten.

Im Gegenzug hat China Strafzölle auf Importe aus den USA in ähnlicher Höhe angekündigt. Kommt es zur Vergeltung, hat US-Präsident Donald Trump weitere Sonderabgaben auf Importe aus China im Wert von 200 Milliarden US-Dollar angedroht. „Die USA könnten am Ende fast ihre gesamten Importe aus China mit Strafzöllen belegen“, fürchtet Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.


Denn der US-Regierung gehe es nicht nur um eine Reduzierung ihres Handelsbilanzdefizits mit China, sondern auch darum, den wirtschaftlichen und militärischen Aufstieg eines geopolitischen Konkurrenten zu dämpfen. Die USA sind der wichtigste Handelspartner Chinas und nehmen etwa ein Fünftel der chinesischen Exporte ab. IfW-Experte Langhammer fürchtet, dass die internationalen Lieferketten gestört werden.

Als größtes Risiko für die Finanzstabilität sieht Langhammer die hohe Verschuldung der Unternehmen. Nach Berechnungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) lag diese Ende 2017 bei 160 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: In den USA lag die Quote bei rund 74 Prozent und in Deutschland bei rund 55 Prozent.

Allerdings sind Vergleiche schwierig, weil sich die Kreditvergabe in China hauptsächlich zwischen staatlichen Banken und Unternehmen abspielt und dadurch stark gesteuert wird. Die Regierung will die Kredite möglichst behutsam zurückfahren und einen abrupten Einbruch verhindern.

Chinas Firmen sind in US-Dollar verschuldet

Ein besonderes Problem liegt aus Langhammers Sicht darin, dass sich immer mehr Unternehmen in ausländischer Währung verschuldet haben. Da die Zinsen anderswo niedriger sind als in China, ist das attraktiv. Zumindest solange der Wechselkurs stabil bleibt. Setzt sich die Abwertung des Yuans jedoch fort, könnte das einige Unternehmen in Bedrängnis bringen. Denn die Last ihrer in US-Dollar notierenden Schulden würde noch größer.

Dies ist ein typisches Phänomen bei Währungskrisen in Schwellenländern. Länder wie Indien, Indonesien oder die Türkei haben bereits mit Zinserhöhungen reagiert. Für China ist das im derzeitigen wirtschaftlichen Umfeld schwierig.

Langhammer glaubt, dass China grundsätzlich mit dem Schuldenproblem umgehen kann. Kurzfristig könne es aber zu Turbulenzen kommen. Verschärfend kommt hinzu, dass die Chinesen relativ viel in Aktien investiert haben und sich Einbrüche an den Finanzmärkten daher stärker bemerkbar machen.


Ein weiteres Problem Chinas ist der Immobilienmarkt. Jahrelang sind dort die Preise immer weiter gestiegen. Das hat etwa die Bauindustrie befeuert, aber auch dem Konsum geholfen. Inzwischen läuft der Boom jedoch aus. Auch das dürfte das Wachstum schwächen. China-Experte Langhammer hält dies aber im Vergleich zur Verschuldung für das weniger gefährliche Problem.

Schon oft hat es Sorgen um das Wachstum in China gegeben. Bislang ist es der chinesischen Regierung aber fast immer gelungen, die Wirtschaft so zu steuern, dass es nicht zu einem dramatischen Einbruch kam. Allerdings sinkt das Wachstum stetig. Vor einigen Jahren war die Rede davon, dass die Wirtschaft stets mindestens um acht Prozent wachsen soll. Inzwischen liegt das inoffizielle Mindestziel bei sechs Prozent. Gut möglich, dass es in Zukunft weiter nach unten geschraubt wird.