Handelsriese bietet Amazon die Stirn


Doug McMillon redet nicht lange drum herum. „Natürlich liegt Amazon wie eine schwere Last auf uns“, gibt der seit fast vier Jahren amtierende Vorstandsvorsitzende des US-Einzelhändlers Walmart offen zu. Er ist nach New York gekommen, um im Economic Club zu sprechen. Amazon – der Branchenriese ist allgegenwärtig.

McMillon weiß, dass der Onlinehändler den gesamten Handel auf den Kopf stellt und dabei auch noch einen großen Vorteil hat: „Amazon kann viel mehr experimentieren. Unsere Aktionäre dagegen wollen sofort Rendite sehen“, erklärt der Walmart-Chef seine Lage.

Dennoch steht das Traditionsunternehmen aus Bentonville in Arkansas nach Ansicht vieler Beobachter heute besser da als je zuvor. Vor allem besser als viele Konkurrenten. Trotz Krisen und Gewinneinbußen in den vergangenen Jahren liegt der Aktienkurs mit mehr als 96 Dollar so hoch wie noch nie. An der Börse ist das Unternehmen 287 Milliarden Dollar wert. Die Analysten überschlagen sich mit Lob für den Einzelhändler.


Während Kaufhausketten wie Sears, Kohl’s und Macy’s kriseln und eine Filiale nach der anderen schließen, konnte Walmart den Markt auch im jüngsten Quartal mit Ergebnissen überraschen, die besser waren als erwartet. Damit geht das Unternehmen, das von Lebensmitteln über Kleidung bis zu Spielzeug alles verkauft, gestärkt in die Festtagssaison.

Mit Thanksgiving und dem heutigen Black Friday hat in den USA offiziell die Weihnachtssaison begonnen. 69 Prozent der US-Bürger – oder 166 Millionen Menschen – wollen in den Tagen nach Thanksgiving shoppen. Das ergab eine Umfrage des amerikanischen Einzelhandelsverbands. Dabei ist klar, dass immer mehr Menschen online einkaufen werden – auch bei Walmart.

Was ist passiert? Angesichts des Siegeszuges von Amazon hat Walmart sein Online-Geschäft in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut. Jet.com war der größte Zukauf. Aber auch kleinere Anbieter wie Bonobos, Moosejaw, Hayneedle and ShoeBuy gehören heute dem Konzern.


Das Ergebnis: Laut einer Studie von Tata Consultancy Services steht Walmart in der Verbrauchergunst bei der Suche nach Produkten im Internet mit 39 Prozent auf Platz drei, nach Amazon (77 Prozent) und Google (56 Prozent). Das Onlinegeschäft von Walmart ist dieses Jahr um mehr als 50 Prozent gewachsen – jedes Quartal.

Nach Ansicht des Oppenheimer-Analysten Rupesh Parikh zieht Walmart heute gemeinsam mit Amazon anderen Einzelhändlern die Kundschaft ab. Auch die Insolvenzanträge von Toys „R“ Us und Sears seien „gute Nachrichten für Walmart“, findet Parikh.

Dabei will Walmart keineswegs das alte Ladengeschäft vernachlässigen. Im Gegenteil: Auf seiner Website versucht der Konzern sogar, die Kunden in die Läden zu locken. So zeigt Walmart etwa im Internet an, wie viel das Produkt im Laden kosten würde – in der Regel etwas weniger. Das Unternehmen hofft, dass die Kunden doch die Filiale besuchen und vielleicht das ein oder andere Produkt zusätzlich seinen Weg in den realen Einkaufskorb findet.


„Die Zukunft wird ein Mix aus physischen Läden und online sein“


Die Meinungen über diese Strategie gehen auseinander: „Verschiedene Preise auf der Seite anzugeben ist verwirrend“, schreibt etwa Jackie Breen vom Unternehmen Deck Commerce, das Einzelhändlern Lösungen für den Umgang mit den verschiedenen Verkaufskanälen anbietet. Kiri Masters, CEO des Beraters Bobsled Marketing, lobt die Idee dagegen: „Das hilft den Kunden zu verstehen, dass sich bei einigen Produkten das Schicken nicht lohnt, und so ihr Einkaufsverhalten zu verändern“, findet Masters.

Wer nicht komplett im Laden einkaufen will, der kann bei Walmart online ordern und dann die Ware im Laden abholen. Das garantiert etwa in den letzten Tagen vor Weihnachten, in denen Pakete langsamer befördert werden, dass das Geschenk auch wirklich unterm Baum landet. Aber auch während des Jahres ist diese Option beliebt, berichtet Walmart-Chef McMillon: „Vor allem Mütter mit quengelnden Kindern hinten im Auto lieben diese Option. Sie ordern online und holen die Ware fertig verpackt bei uns ab“, erklärt er. „Gerade bei frischen Produkten hilft es dabei ungemein, eine Logistik vor Ort zu haben“, bemerkt McMillon.

Das haben auch die großen Onlinehändler realisiert: Vor wenigen Tagen hat der chinesische Online-Anbieter Alibaba angekündigt, dass er sich an einer Supermarktkette beteiligt. Die Mitteilung kam nur wenige Monate, nachdem Amazon die Supermarktkette Whole Foods gekauft hatte.


„Die Zukunft wird ein Mix aus physischen Läden und online sein“, prophezeit der Walmart-Chef, der die vielen Kundendaten noch besser nutzen will. Ähnlich wie Amazon mit seinem Dash-Button, einem mit dem WLAN verbundenen Bestellknopf, will auch McMillon seinen Kunden in Zukunft regelmäßig den Kühlschrank füllen: „Wenn jemand immer Heinz-Ketchup, einen bestimmten Orangensaft und Eier im Kühlschrank haben will, dann können wir ihm das automatisch auffüllen mit dem gleichen System, mit dem wir das Inventar unserer Läden aufstocken “, sagt er. Walmart sei zwar kein Technologie-Unternehmen, sondern ein „Menschen-Unternehmen“. Aber Technologie helfe, das Unternehmen besser zu organisieren.

Eine Entscheidung hat McMillon trotz anfänglicher Kritik nicht bereut: Er hatte 2015 die Gehälter konzernweit erhöht. Für das Unternehmen, das oft wegen der schlechten Arbeitsbedingungen seiner Mitarbeiter kritisiert wurde, war das eine Revolution – für die Wall Street allerdings eine Katastrophe: „Das hat uns 2,7 Milliarden Dollar gekostet, und wir haben an dem Tag 21 Milliarden Dollar an der Börse verloren“, blickt der Konzernchef zurück. „Aber es hat sich gelohnt.“

Dank besserer Gehälter und besserer Weiterbildung habe Walmart heute motiviertere Mitarbeiter. Und dank der neuen Technologie seien stupidere Arbeiten abgeschafft worden und der Kundenservice besser. „Walmart hat sich verändert, und ich glaube, so langsam merken das auch die Menschen da draußen.“