Haleb Colonia: Ein deutsch-syrisches Musikprojekt

Gesungen wird auf Syrisch, Deutsch – und in den Dialekten Kölsch und Halebi.

„C“, sagte Gitarrist Andreas Haentjes, indem er die Bezeichnung des Musiktons englisch aussprach. Nach dieser Ansage sollte Jamal Albashaan die Oud stimmen. Der drehte an den Wirbeln seiner arabischen Laute, um den Saiten die richtige Spannung zu geben. Doch der Klang wollte nicht passen, bis sich herausstellte: Er hatte die italienische und auch in anderen Sprachen gebräuchliche Tonsilbe „Si“ verstanden, und die entspricht im Deutschen dem Musikton „H“.

Die Anekdote über das kleine internationale Missverständnis erzählen Andreas Haentjes und Bassistin Birgit, seine Ehefrau, als sie in einer Pause vor dem Probenraum stehen, in dem die deutsch-arabische Band Haleb Colonia jeden Dienstagabend übt. Der Raum befindet sich in einem Haus, das im Gewerbegebiet an der Industriestraße in Rodenkirchen liegt. Im selben Gebäude betreibt Therapeutin Susan Bagdach das interkulturelle Frauen- und Mädchengesundheitszentrum „Holla e.V.“ und die Schule für orientalischen Tanz „Susan Nabila“. Die Tochter einer Deutschen und eines Syrers singt, komponiert und textet für die Band, die sich im Sommer 2013 gegründet hat.

Haleb und Colonia – die wichtigen Bezugsorte

Haleb und Colonia, das sind Aleppo und Köln, die beiden Städte, die für die Formation die wichtigsten Bezugsorte sind. In Köln leben die Musiker, und aus Aleppo stammen Menschen, die Susan Bagdach und anderen Bandmitgliedern lieb und teuer sind.

Jamal Albashaan hat dort gelebt. Er ist vor gut einem Jahr vor dem syrischen Bürgerkrieg geflohen, zum Ensemble gehört er erst seit knapp drei Monaten. Der Musiker, dessen Frau mit den fünf Kindern bisher nicht nachkommen konnte, wohnt noch nicht lange in Köln, hat aber schon etliche künstlerische Kontakte geknüpft. So war er mit Klaus der Geiger und dem Kunstsalon-Orchester auf Tour.

Wie lässt sich der Musikstil von Haleb Colonia charakterisieren? „Orientalisch-deutsche Weltmusik, die in kein Klischee passt“ antwortet Susan Bagdach. Gesungen wird auf Deutsch, Arabisch und in den Dialekten Kölsch und Halebi. Es ist eine Mischung aus Pop, Soul, Reggae, Chanson und arabischer Volksmusik, wobei die Aufzählung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Neben Eigenkompositionen zählen Cover-Versionen zum Repertoire.

Darunter Trude Herrs Klassiker „Ming Stadt“, für Aleppo übersetzt in „Medinati“. Susan Bagdach singt emphatisch den ins Arabische übertragenen Teil im Duett mit Anwältin Christina Eckes, die den kölschen Part beiträgt. „Einen Großteil der Texte schreibe ich für meine Menschen in Haleb, die seit sieben Jahren im Krieg leben“, sagt Bagdach. Schmerz und Verzweiflung sind in einigen Stücken deutlich spürbar, andere Lieder klingen leicht und hoffnungsvoll.

Die Texte setzt Bagdach mit ihrem Mann Anno Lauten musikalisch um. Der Opern- und Jazzsänger leitet in dem Haus an der Industriestraße die „Stimm-Werkstatt“, die unter anderem Gesangs-, Rhetorik- und Sprechtraining anbietet. Für die Band wirkt er nicht nur als Arrangeur und Komponist, sondern er spielt auch Trompete. Ursprünglich bildete er mit Zahnarzt Ezio Iacono, der auf der westafrikanischen Djembé trommelt, die Percussion-Sektion der Band. Inzwischen hat die sich aber um Schlagzeuger und Toningenieur Ibrahim Jouhar verstärkt, der 2015 aus Syrien fliehen musste.

Kontakt über die Notunterkunft

Nachdem Susan Bagdach in einer Foto-Ausstellung über Bewohner einer Turnhalle, die als Notunterkunft genutzt wurde, ein Foto des Syrers mit seinem Schlagzeug gesehen hatte, nahm sie Kontakt zu ihm auf. Heute wohnt er mit seiner Frau und der kleinen Tochter, die kurz vor der Flucht mit dem Boot übers Mittelmeer geboren wurde, in einer eigenen Wohnung in Poll. Zum Besuch des Deutschkurses merkt er in halb belustigtem Ton an: „Ich habe Probleme mit dem Akkusativ.“ Als Erwachsener hat er mehr Schwierigkeiten mit dem Spracherwerb als Iacono, der mit zehn Jahren aus Italien nach Deutschland kam und schon nach einem halben Jahr Deutsch so gut beherrschte, dass er am Schulunterricht seiner Jahrgangsstufe teilnehmen konnte.

So bunt die Zusammensetzung der Combo ist, so unterschiedlich sind die Stücke des Repertoires und die Anlässe der Konzerte. Mit Liedern wie „Freiheit“, „Tanzen“, „Pling“ und dem arabischen Hit „Ya Baladi“, der von der Sehnsucht nach Heimat handelt, haben die acht Musiker etwa bei einer Weihnachtsfeier mit 250 Rechtsanwälten in der Wolkenburg aufgespielt, beim Edelweißpiratenfestival im Friedenspark und beim Straßenfest „Birlikte“ in Mülheim. „Wir wollen mit unserer Musik eine Brücke bauen zwischen Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen und unterschiedliche Hintergründe haben. Wer zusammen singen und tanzen kann, der lebt Frieden“, sagt Bagdach.

Wiederholt und gern trete die Band auf Willkommensfesten für Flüchtlinge auf. „Flucht ist ein großes Thema unserer Zeit. Wir möchten aber nicht auf das Flüchtlingsthema reduziert werden und machen auch tanzbare Partymusik“, sagt Bagdach. So gastierte die Band auch schon im Gloria bei den karnevalistischen „Humba-Partys“.

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