Halbjahresbilanz an der Börse: Tesla, die Lufthansa und Internetaktien machen Aktionäre glücklich

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
An der Börse weiter auf der Überholspur: Tesla mit seinem Model S (Foto: © Tesla)


Gerade mal die ersten sechs Monate sind an den Weltbörsen Geschichte, doch die Bilanz würde bereits für ein ganzes Jahr reichen, so positiv entwickelten sich die Aktienmärkte rund um den Globus. Die Kurse schossen von Shanghai bis nach New York förmlich durch die Decke. Besonders gefragt waren wieder einmal die Stars der digitalen Wirtschaft, während in Deutschland Traditionsunternehmen der Old Economy ein Comeback feierten. 

2017 ist gerade einmal ein halbes Jahr alt – und doch fühlt es sich bereits nach einem neuen Zeitalter an. Maßgeblichen Anteil hat daran der neue US-Präsident, der am 20. Januar das Weiße Haus bezog und die Welt seitdem fast täglich mit neuen Tweets und erstaunlichen Auftritten in Atem hält.

So umstritten Donald Trump als neuer US-Präsident ist – an der Wall Street hat der 71-Jährige einen erfolgreichen Start hingelegt. Das Vertrauen der Anleger in eine Verbesserung der Wirtschaftsleistung von Corporate America ist fraglos vorhanden, wie die Kursentwicklung an der Wall Street dokumentiert – das Halbjahreszeugnis fällt durchweg gut aus.

Alle wichtigen US-Indizes notieren im Plus: Der Leitindex Dow Jones hat in den ersten sechs Monaten des Jahres wie der marktbreite S&P 500 um 8 Prozent, während der Auswahl-Index Nasdaq-100, der die hundert wichtigsten Unternehmen der Technologiebörse Nasdaq umfasst, gar um stolze 16 Prozent vorne liegt.

Apple, Google, Amazon, Facebook und Microsoft mit zweistelligen Kursgewinnen

Treiber der Kursentwicklung sind allen voran die Stars der digitalen Wirtschaft, die ihren Siegeszug auch 2017 ungebremst fortgesetzt haben. Dass mit Apple, Google, Microsoft, Amazon und Facebook gleich fünf Konzerne aus der Tech- und Internet-Industrie die fünf wertvollsten Unternehmen stellen, ist kein Geheimnis mehr – eine Überraschung ist allerdings, dass die „großen Fünf“ ihren Aktionären trotz der turmhohen Bewertung weiter zweistellige Kurszuwächse bescheren.

Microsoft bringt es seit Januar auf ein Plus von 11 Prozent, Google auf 17 Prozent, Apple ist mit einem Plus auf 24 Prozent dritterfolgreichster Wert im Elite-Index Dow Jones, während Amazon schon wieder um 29 Prozent vorne liegt und nur hauchdünn von Facebook getoppt wird, das seine Anteilseigner sogar um 31 Prozent reicher machen konnte.

Internet-Unternehmen bestimmen 2017

Doch an der Nasdaq waren in den ersten sechs Monaten des Jahres sogar noch größer Gewinne mit Internet- und Technologieaktien zu erzielen. Anteilsscheine des Internet-Reisebüros Expedia liegen nach dem ersten Halbjahr 2017 um 32 Prozent vorne, während die abgespaltete eBay-Tochter PayPal als eigenständiges Unternehmen seit Januar bereits um 36 Prozent haussierte.

Der Chiphersteller Nvidia profitiert aktuell von gleich mehreren Megatrends – vom Boom des Machine Learnings bis zum Hype um Virtual Reality – und liegt nach den ersten sechs Monaten ebenfalls um 36 Prozent vorne.

China-Aktien boomen: Alibaba, Tencent, JD.com und Netease mit Mega-Kursplus

All das wird jedoch vom Run auf chinesische Internet-Unternehmen in den Schatten gestellt, die inzwischen zahlreich an der New Yorker Technologiebörse notiert sind. Netease, ein Anbieter von Online-Spielen und der größte Email-Provider Chinas, hat Aktionären seit Jahresbeginn etwa ein Plus von 40 Prozent beschert.

Tencent, Anbieter der Smartphone-Universal-App WeChat, ist unterdessen an der Hongkonger Börse nach einem Plus von 47 Prozent mit einem Börsenwert von über 340 Milliarden Dollar zum zweitwertvollsten Konzern im Reich der Mitte aufgestiegen. JD.com, die E-Commerce Nummer zwei Chinas, bringt es gar auf ein Kursplus von 54 Prozent.

Der spektakulärste  Kurssprung gelang unterdessen dem größten E-Commerce-Anbieter des asiatischen Riesenreiches: Alibaba legte in nur sechs Monaten um enorme 60 Prozent zu und avancierte mit einem Börsenwert von 370 Milliarden Dollar zum wertvollsten Konzern Asiens.

Dax: Die Letzten werden die Ersten sein – Renaissance der Old Economy

Auch in Deutschland waren mit Internetaktien 2017 teilweise zweistellige Kurszuwächse zu erzielen. Während das Online-Business-Netzwerk Xing Aktionären in sechs Monaten ein üppiges Kursplus von 32 Prozent bescherte, konnte Zalando ein Kursplus von 10 Prozent verbuchen. Der frühere Mehrheitsaktionär Rocket Internet, der inzwischen weniger als 5 Prozent am Berliner Bekleidungsversender hält, konnte trotz des Delivery Hero-IPOs nicht profitieren und notiert auf dem Startniveau des Jahres.

In der ersten deutschen Börsenliga feierten unterdessen die Verlierer des Vorjahres ein überraschendes Comeback. Nachdem sich die Lufthansa 2016 noch im Börsen-Sinkflug befunden und ein Minus von 15 Prozent eingeflogen hatte, hat die Kranich-Airline in den vergangenen sechs Monaten nun im Steigflug angezogen, der in einem satten Plus von 62 Prozent resultierte.

E.On und RWE profitieren von Urteil des Bundesverfassungsgerichts

Damit liegen die Kölner zur Halbzeit auf dem ersten Platz des Dax-Rankings. Verfolgt wird die Lufthansa von zwei Versorgern, die im Zuge des Atomausstiegs in den vergangenen Jahren zu Dauerverlierern an der Börse zählten: RWE und E.ON.

Die überraschende Hausse, die  Aktionären seit Januar ein Kursplus von 23 (E.ON) bzw. gar 47 (RWE) Prozent beschert hat, ist allerdings weniger der eigenen Geschäftsentwicklung als vielmehr einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts geschuldet, das die Brennelementesteuer kassiert hat. Die Folge: den angeschlagenen Versorgern winkt eine milliardenschwere Rückerstattung.

Dax-Verlierer: Deutsche Autobauer werden zu Tesla- und Trump-Opfern 

Doch in einem Halbjahr, das allen deutschen Aktienindizes Zugewinne bescherte (der TecDax performte mit einem Plus von 19 Prozent in der Dax-Familie am besten), gab es auch Verlierer, die im Dax, der bislang 6 Prozent zulegte, fast ausschließlich eine Branche betrafen – die Automobilindustrie. Sowohl Volkswagen als auch BMW und Daimler im Minusbereich.

Der Grund dafür kommt gleich zweimal aus den USA: Einerseits fürchten sich die deutschen Autobauer vor den mehrfach von Präsident Trump angedrohten Strafzöllen, andererseits vor dem neuen Champion der US-Autoindustrie.

Tesla wertvollster Autobauer der USA – und Aktie des ersten Halbjahrs

Tatsächlich verkaufte der US-Elektroautohersteller im vergangenen Geschäftsjahr ganze 76.230 Fahrzeuge, während General Motors (GM) weltweit mehr als 10 Millionen Autos absetzte und Ford mehr als 6,65 Millionen. Doch weil an der Börse nur die Zukunft gehandelt wird, die ganz dem Elektroauto gehört, hat Tesla im Verlauf des ersten Börsenhalbjahrs GM und Ford überholt und ist zum wertvollsten Autobauer der USA aufgestiegen.

Möglich wurde dies durch eine Kursrallye, die 2017 bislang keinem anderen hoch kapitalisierten Unternehmen gelang: In den ersten sechs Monaten fuhr Tesla das spektakuläre Kursplus von 69 Prozent ein. Lohn der Rallye: Der von Elon Musk geführte US-Elektroautobauer ist bereits wertvoller als BMW. Setzt sich der Kursaufschwung in den kommenden Wochen und Monaten im gleichen Tempo fort, könnte auch Daimler und Volkswagen von Tesla überholt werden…