Das haben Sie in den Sommerferien verpasst


In Nordrhein-Westfalen beginnt die Schule, die Hochzeit der deutschen Sommerpause ist damit beendet. Hier kommt der Handelsblatt-Crashkurs für alle, die in den Ferien nicht ganz so eng die Nachrichten verfolgt haben.

Bundestagswahlkampf

Wenn Sie sich wundern, dass Sie im Urlaub gar nichts vom Bundestagswahlkampf mitbekommen haben, hat das einen einfachen Grund: Es ist der langweiligste „Wahlkampf“ aller Zeiten – er verdient, ehrlich gesagt, noch nicht einmal seinen Namen. Inhaltsarme Slogans wie „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ oder „Die Zukunft braucht neue Ideen. Und einen, der sie durchsetzt“ könnte sich eigentlich jede Partei aufs Plakat schreiben. So fallend wie die Spannungskurve des Bundestagswahlkampfes ist in etwa auch der Verlauf des deutschen Leitindexes: Innerhalb von vier Wochen ist der Dax um fast zwei Prozent abgerutscht.

Während Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf der Gamescom oder über Youtube versucht, die jungen Wähler für die CDU zu begeistern – und es weitgehend vermeidet, den Namen ihres Konkurrenten auch nur in den Mund zu nehmen –, nutzt Martin Schulz (SPD) jede Gelegenheit, mit zum großen Teil unkonkreten Wahlversprechen für eine „Zeit für mehr Gerechtigkeit“ zu werben.


Den Nerv der Bürger verfehlt er bei Weitem, wie Umfragen belegen: Dem Politbarometer zufolge sieht vier Wochen vor der Wahl nur jeder dritte Wahlberechtigte Schulz gerne als Kanzler. Die Zustimmungswerte von Merkel liegen bei 55 Prozent. Seine Umfragewerte scheinen den Herausforderer offenbar wachgerüttelt zu haben. Im ARD-Sommerinterview änderte der SPD-Mann plötzlich seine Strategie: Er wirkte aggressiv und wurde persönlich, als er beispielsweise behauptete, Merkel sei „abgehoben“, kusche vor Erdogan und habe in Sachen Elektromobilität „keinen Plan“. Dass dieser Auftritt die Wähler umstimmen könnte, ist mehr als fraglich.

Donald Trump

Aber bereits die Präsidentenwahl in den USA hat uns gelehrt: Auch unerwartete Wahlausgänge sind möglich. Und so ist ein alter, reicher Mann Staatsoberhaupt der Vereinigten Staaten, der nach einer Gewalteskalation zwischen Neonazis und Gegendemonstranten beide Gruppen gleichermaßen für den Konflikt verantwortlich machte.


In Texas hatte Trump die Chance, sein Feingewühl doch noch zu beweisen und sich als entschlossener Macher zu präsentieren. Der US-Präsident machte sich in der Küstenstadt Corpus Christi ein Bild von den Schäden, die der Hurrikan „Harvey“ derzeit anrichtet. Allein in Houston haben Tausende Einwohner bisher ihre Städte verlassen, 290.000 Menschen sind ohne Strom, mindestens neun tot.

Weiterer Höhepunkt nach Trumps skandalösem Umgang mit gewalttätigen Rechtsextremisten: Sein umstrittener Chefstratege Stephen Bannon verließ das Weiße Haus. Er galt als rechter Vordenker und Vertrauter des US-Präsidenten, ist aber seit einiger Zeit in den Verdacht geraten, vertrauliche Inhalte der US-Regierung an Medien weitergegeben zu haben. Wenige Tage später trennte sich Trump von seinem Berater Sebastian Gorka.


Doch der Verlust Bannons und Gorkas dürfte schon bald wieder vergessen sein: Denn sie sind nur zwei von vielen Beratern und Vertrauten, die Trump seit Beginn seiner Amtszeit vor die Tür gesetzt hat. Angezweifelt hat deshalb auch niemand Medienberichte, wonach Gary Cohn, wichtigster Wirtschaftsberater Trumps, ebenfalls das Weite sucht. Doch wie sich später herausstellte: „Fake News“ im Trump-Jargon. Cohns Treue will der Präsident offenbar bald belohnen: Es verdichten sich Hinweise darauf, dass der ehemalige Goldman-Sachs-Spitzenmanager im Februar 2018 Janet Yellen an der Fed-Spitze ablösen könnte.



Streit in der Luftfahrtbranche




Air Berlin

Sie schien unabwendbar und hatte sich lange vorher angekündigt: die Pleite von Air Berlin. Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg ordnete Mitte August für die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft die Insolvenz in Eigenverwaltung an. Der Flugbetrieb läuft aufgrund staatlicher Hilfe in Millionenhöhe zwar vorerst normal weiter, Verhandlungen über die Zerschlagung der Airline entfachten allerdings einen Streit in der Luftfahrtbranche: Die Lufthansa will den Großteil der Flugzeuge kaufen. Auch Easyjet, Ryanair, Condor sowie die Luftfahrt-Unternehmer Hans-Rudolf Wöhrl und Niki Lauda sind interessiert an der Airline, befürchten aber, dass die Lufthansa beim Verkaufsprozess bevorzugt wird und ein Monopol bilden könnte. Eine Entscheidung über den Verkauf könnte bereits Mitte September fallen.

Diesel-Krise

Immerhin einen Kompromiss gibt es in der Automobilbranche: Beim Dieselgipfel verständigten sich Politiker und Autokonzerne darauf, dass es im Skandal um manipulierte Dieselfahrzeuge bei einer günstigen Softwareoptimierung bleiben wird, von einer teuren Hardwareumrüstung werden Volkswagen, Daimler und Co. verschont. Anfang November soll ein zweiter Dieselgipfel folgen.


Bei Audi zahlt hauptsächlich der Vorstand den Preis für den Skandal. Den Chefs für die Ressorts Finanzen, Vertrieb, Produktion und Personal werden interne Fehlplanungen, nicht eingehaltene Zusagen und der weltweite Rückgang der Absätze vorgeworfen – und mussten Ende August schließlich gehen. Der umstrittene Audi-Chef Rupert Stadler bleibt vorerst im Amt.

Türkei-Politik

Innerhalb von Europa spitzt sich ein Streit immer mehr zu – und zwar der zwischen Deutschland und der Türkei. Auf Betreiben der türkischen Regierung nahmen Polizisten den Kölner Buchautor Dogan Akhanli während seines Spanienurlaubs fest. Der Vorwurf: Mitgliedschaft in einer Terrororganisation. Erst auf Betreiben der deutschen Regierung wurde der Schriftsteller freigelassen, muss sich aber in Spanien aufhalten. Anfang August hatte Gabriel die Reisehinweise in die Türkei verschärft – gut möglich, dass die Festnahme des deutschen Autors als eine Provokation seitens des türkischen Präsidenten Erdogan zu bewerten ist. Umso erstaunlicher ist es, dass der deutsche Vizekanzler an Verhandlungen zum EU-Beitritt des Landes festhält.

Terror in Europa

Spanien wurde in diesen Tagen auch Schauplatz eines schrecklichen Attentats. Mitte August raste ein Lieferwagen über eine Promenade in Barcelona und tötete dort mehrere Menschen. Wenige Stunden später kam eine Frau in der Kleinstadt Camrbils bei einem Anschlag ums Leben. Fünf mutmaßliche Terroristen wurden noch vor Ort getötet. Gegen zwei mutmaßliche Islamisten erließen die spanischen Ermittler Haftbefehl. Nur wenige Tage später gingen in London, Brüssel und im finnischen Tuku Männer auf offener Straße auf andere Menschen mit Messern los. Anti-Terror-Einheiten ermitteln nun.



Starker Euro als Bewährungsprobe für Draghi



Geldpolitik

Beim Notenbanker-Treffen in Jackson Hole hatte Janet Yellen durchaus positive Nachrichten für das amerikanische Volk im Gepäck. Aufgrund der guten Wirtschaftslage in den USA äußerte sich die Fed-Chefin positiv zu möglichen Zinserhöhungen – die bereits im September folgen könnten. Analysten hatten bisher frühestens im Dezember mit diesem Schritt gerechnet.

Auf dieses Signal und auf ein Ende der EZB-Anleihekaufprogramme hofften europäische Sparer vergebens. Mario Draghi sprach sich in den Rocky Mountains für offene Weltmärkte aus. Zur Geldpolitik hielt sich der EZB-Präsident bedeckt.

Euro-Wechselkurs

Und das aus gutem Grund: Zwar wächst die Wirtschaft im Euro-Raum seit der Finanzkrise wieder kräftig. Seit Jahresbeginn legt der Euro permanent zu und notiert mittlerweile über der Marke von 1,20 US-Dollar – so hoch wie zuletzt 2015. Das Problem dabei: Eine starke Gemeinschaftswährung macht Waren hiesiger Firmen auf dem Weltmarkt teurer und verschlechtert dadurch ihre Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig macht der gestiegene Euro Importe billiger – und drückt so die Inflation. Trotz ultralockerer Geldpolitik und guter Wirtschaftslage verfehlte Draghi im Juli mit einer Inflation von 1,3 Prozent dennoch sein Ziel einer Verbraucherpreissteigerung von zwei Prozent. Ein Kurswechsel rückt damit in weite Ferne.


Auftrieb beschert dem Euro derzeit vor allem das provokante Verhalten der nordkoreanischen Regierung. Trotz Sanktionen und militärischer Drohgebärden seitens anderer Nationen feuerte Machthaber Kim Jong Un in den vergangenen Tagen mehrmals Testraketen ab. Nordkorea steht laut Experten kurz davor, die USA ernsthaft mit Atomraketen bedrohen zu können. Unbeantwortet bleibt bislang die Frage, was die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten konkret im Konflikt mit Nordkorea unternehmen werden.

Geschacher um Stada

Beim Pharmakonzern Stada steht ebenso wie bei Audi ein personeller Neuanfang bevor. Nachdem die Mehrheit der Aktionäre ihre Anteile am Unternehmen an die Finanzinvestoren Bain und Cinven verkauft hatten, geben fünf von neun Stada-Aufsichtsratsmitgliedern bis Ende September ihre Posten auf. Darunter: Aufsichtsratschef Carl Ferdinand Oetker und Opel-Vorstand Tina Müller.


Das dürfte die Investoren freuen: Den Aufsichtsrat wollen sie ohnehin neu aufstellen, auch der Vorstand soll bald ausgewechselt werden. Bedeutende Schritte bei dem Vorhaben, Stada komplett zu übernehmen.

Fipronil-Skandal

Auch die Lebensmittelbranche blieb mal wieder nicht vor Skandalen gefeit: Nach Dioxin-Skandal, Ehec-Erreger und Pferdefleisch-Lasagne wiesen belgische Behörden Anfang August in Eiern – die nahezu in allen deutschen Bundesländern im Handel waren – das Insektizid Fipronil nach. Supermärkte riefen die Eier umgehend zurück.

KONTEXT

Trumps Äußerungen über die Gewalt in Charlottesville

"Ich will die Fakten"

Wie ich es - erinnern Sie sich - am Samstag sagte, wir verurteilen diese unerhörte Zurschaustellung von Hass, Engstirnigkeit und Gewalt. Das hat keinen Platz in Amerika. (...) Wenn ich eine Stellungnahme mache, mag ich es, korrekt zu sein. Ich will die Fakten. Dieses Ereignis ist gerade passiert ... also will ich nicht in eine Stellungnahme stürzen. Daher war meine Stellungnahme, als ich sie gemacht habe, exzellent."

"Was ist mit der Alt-Left?"

"Was ist mit der Alt-Left, die die, wie Sie es nennen, "Alt Right" angegriffen haben? Gibt es da irgendeinen Anschein von Schuld? (...) Was ist mit dem Fakt, dass sie sie mit Schlagstöcken in ihren Händen, schwingenden Schlagstöcken, angegriffen haben? Haben die ein Problem? Ich denke, ja."

"Nicht alle waren Neonazis"

"Ich habe Neonazis verurteilt. Ich habe viele unterschiedliche Gruppen verurteilt. Aber nicht alle von diesen Menschen waren Neonazis, glauben Sie mir. Beim besten Willen waren nicht alle von ihnen Vertreter der Überzeugung einer weißen Vorherrschaft. Da waren auch Leute, die gegen die Beseitigung der Statue Robert E. Lee protestieren wollten. ... An diesem Wochenende ist es Robert E. Lee, ich habe registriert, dass (die Statue von) Stonewall Jackson runtergenommen wird. Ich frage mich, ist es nächste Woche George Washington? Und danach die Woche Thomas Jefferson?"

"George Washington war ein Sklavenbesitzer"

"George Washington war ein Sklavenbesitzer. War George Washington ein Sklavenbesitzer? Also, wird er nun seinen Status verlieren? (...) Nehmen wir Statuen von George Washington nun runter? Was ist mit Thomas Jefferson? Mögen Sie ihn? ... OK. Gut. Nehmen wir die Statue runter? Denn er war einer der größten Sklavenbesitzer."

"Es gibt zwei Seiten der Geschichte"

"Wenn man (am Freitagabend) schaut, dann waren da Menschen, die sehr ruhig gegen die Beseitigung der Statue von Robert E. Lee protestiert haben. Ich bin sicher, dass in der Gruppe einige schlechte (Personen) waren. Am nächsten Tag sah es so als, als hätten sie grobe, schlechte Menschen - Neonazis, weiße Nationalisten, was auch immer man sie nennen will. Aber man hatte auch viele Leute in der Gruppe, die für einen unschuldigen Protest da waren, einen sehr legalen Protest - denn wissen Sie - ich weiß nicht, ob Sie es wissen - sie hatten eine Erlaubnis. Die andere Gruppe hatte keine Erlaubnis. Also, ich sage Ihnen nur: Es gibt zwei Seiten der Geschichte."

KONTEXT

Best of Mario Draghi

3.11.2011

"Wir werden von niemandem gedrängt. Wir sind unabhängig. Wir bilden uns unsere eigene Meinung. Das ist es."

(Draghi bei seiner ersten Pressekonferenz nach seinem Amtsantritt am 3.11.2011 in Frankfurt)

26.7.2012

"Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein."

(Draghi am 26.7.2012 in London)

3.4.2014

"Der EZB-Rat ist sich einig, dass die EZB gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen ihres Mandats einsetzen wird, um die Risiken einer zu langen Periode niedriger Inflationsraten in den Griff zu bekommen."

(Draghi nach der Sitzung des EZB-Rates am 3.4.2014 in Frankfurt)

26.5.2014

"Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt."

(Draghi am 26.5.2014 bei einer EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra)

5.6.2014

"Das ist ein bedeutendes Maßnahmenpaket. Sind wir schon am Ende? Nein. Wir sind hiermit nicht am Ende, solange wir uns im Rahmen unseres Mandates bewegen."

(Draghi am 5.6.2014 in Frankfurt nachdem die Notenbank ein ganzes Bündel von Maßnahmen gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche im Euroraum beschlossen hat)

4.9.2014

"Wir mussten etwas tun, das ist unsere Pflicht."

(Draghi am 4.9.2014 in Frankfurt zum EZB-Beschluss, Kreditverbriefungen und Pfandbriefe zu kaufen)

22.1.2015

"Ich könnte ein paar Witze dazu erzählen. Aber ich lese einfach noch mal das Eingangsstatement vor. Denn das ist alles, was wir heute sagen können. Und ich vermeide Witze in dieser Sache lieber."

(Draghi am 22.1.2015 auf die Frage eines Journalisten: "War's das jetzt? War's das - oder können die Leute erwarten, dass die Geldpolitik demnächst noch verschärft wird?")

3.9.2015

"Wir haben den Willen und die Fähigkeit zu reagieren, falls dies notwendig ist."

(Draghi am 3.9.2015 zu einer möglichen Ausweitung des Anleihenkaufprogramms)

9.3.2017

"Unsere Geldpolitik war erfolgreich."

(Draghi am 9.3.2017 zum Anstieg der Inflation auf zwei Prozent)

9.3.2017

"Es gibt nicht mehr das Gefühl, dass das Risiko einer Deflation drängend ist."

(Draghi am 9.3.2017 zum Erfolg seiner expansiven Geldpolitik)