Wir schauten das erste WM-Spiel in Sibirien – und haben viel über Russland gelernt

Jürgen Klöckner
Anatolii und Julia sahen an diesem Abend ein 5:0 ihres Teams gegen Saudi Arabien.

Anatolii prustet ungeduldig durch die Nase und stochert mit den Stäbchen in seinem Sushi herum.

Auf dem Flachbild-Fernseher singt Robbie Williams in einem roten Anzug “Let me entertain you” zur Eröffnungszeremonie der Fußballweltmeisterschaft.

Anatolii, 27, will endlich seine Mannschaft spielen sehen.

“Niemand braucht diese Zeremonie, fangt endlich an!”, ruft er in Richtung Fernseher in seinem Wohnzimmer mit braunem Sofa und orangener Blumen-Tapete.

Als Russlands Präsident Wladimir Putin in seiner Rede von einer großen Fußballfamilie und der großen Kraft des Sport spricht, schaltet sich auch seine Verlobte Julia ein. “Er liest nur ab, das kommt nicht von Herzen”, sagt sie.

Dann rollt er endlich, der Ball.

Putin bei seiner WM-Rede.

Meget ist weit weg vom Glitzer der WM

Während die Welt auf Moskau schaut, verfolgen wir gemeinsam mit dem Pärchen das Eröffnungsspiel 5000 Kilometer entfernt von der russischen Hauptstadt. Wir sind an diesem Donnerstagabend in Meget, Sibirien.

Anatolii und Julia wohnen in der obersten Etage eines zweistöckigen Mehrfamilienhaus aus nacktem Backstein und angebauten Wintergärten, bei denen man nicht weiß, wie lange sie noch halten werden. Im Innenhof riecht es nach verbranntem Holz. Ein Nachbar feuert gerade seine Sauna an.

Meget ist lediglich per Satellitenschüssel mit der Glitzerwelt der WM verbunden. Das staatliche Fernsehen bringt die Fußballweltmeisterschaft in die Wohnzimmer der knapp 8000 Einwohner.

Russland inszeniert sich als wohlhabendes, technisch fortschrittliches Industrieland. Und wer die WM-Städte bereist, wird diesen Reichtum auch finden.

Er zeigt aber nur einen sehr kleinen Ausschnitt der Realität. Der Reichtum Moskaus, St. Petersburgs und Kaliningrads ist in Meget weit, weit weg.

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