Ich habe versucht, meine Arbeitssucht zu überwinden — das habe ich dabei über mich selbst gelernt

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Die Spritzen waren unübersehbar. Crack, Heroin, Methadon. Was auch immer sich die Menschen im Frankfurter Bahnhofsviertel in die Venen spritzten, es sah nach viel aus. Obwohl ich 2014 selbst in der Mainmetropole gelebt hatte, erschreckte mich das Bild, das sich mir kürzlich auf einer Geschäftsreise bot. Doch während ich in der Abenddämmerung durch verwirrte Seelen und Dealer-Duos lief, stellte ich mir auch eine ernste Frage: Sind wir so viel besser? Wir “Normalos”? Mit stabilen Jobs, intakten Familien und solidem Einkommen. Die, die zwar kein Crack brauchen, dafür Anerkennung, Geld oder Schönheit. Und wie “therapieren” wir uns?

Ja, ich liebe meine Arbeit. Sie ist meine Leidenschaft. Und manchmal, da schafft sie auch Leiden. Mit Mitte 20 zum Beispiel. Als Reporterin bei Deutschlands größter Nachrichtenagentur nahm ich jedes Event mit. Mailand Modewoche bis Nato-Gipfeltreffen. Bis 4 Uhr morgens wach bleiben, kein Problem. EU-Politiker hautnah zu erleben oder vor der Kanzlerin zu stehen, passiert schließlich nicht jeden Tag. Dabei sein war Kick genug.

Die Folgen wurden mir erst später bewusst, als mein Körper begann zu streiken: Meine Periode blieb für einige Jahre aus. Meine Gedanken kreisten. Oft dann, wenn ich schlafen wollte. Mit Meditation abschalten war ein gut gemeinter Rat meiner Mutter, besser klappte es auf Partys am Wochenende. Doch spätestens nach einer halben (beruflichen) Weltreise und darauf folgenden Knieschmerzen, fragte ich mich vor zwei Jahren: Wie war es möglich, dass ich wegen meiner Arbeit sogar körperliche Symptome entwickelte?

Wer will nicht erfolgreich sein? Zu sagen: „Ja, ich bin süchtig“ – das ist das Schwerste

Via Zoom sprach ich mit Gabor Maté. Der kanadische Mediziner und Bestseller-Autor gehört zu den weltweit anerkanntesten Experten der Suchtpsychologie. Er selbst arbeitete jahrzehntelang als Arzt in der Drogenszene Vancouvers. Was er dort erlebte, veränderte seine Sicht auf menschliche Entwicklung, Trauma und Entwurzelung. Er meint, dass ich das Ausbleiben meiner Periode als Warnung begreifen sollte: "Der Körper schickt uns Nachrichten. Wir sollten auf ihn hören", sagt er. Der erste Schritt zur Besserung sei es, das Problem zu erkennen. Zu sagen: „Ja, ich bin süchtig“ – das sei das Schwerste.

Auch ich war dazu lange nicht imstande. Anders als Drogen ist hart zu arbeiten schließlich nichts Verwerfliches. Wer will nicht erfolgreich sein? Dazu kommt, dass ich das, was ich tue, auch gerne mache. Und wo verläuft überhaupt die Grenze zwischen Leidenschaft und Sucht?

Maté sagt, man müsse sich die Frage stellen: „Hat das, was ich mache, negative Auswirkungen auf mein Leben?“ Er selbst sei ein großer Fan klassischer Musik: Beethoven, Mozart, Schostakowitsch. Diese Leidenschaft sei etwas, das sein Leben reicher mache. Und doch habe er eine Sucht entwickelt: Nicht das Hören von Klassik sei das Problem – sondern der Kauf: „Mal drei, mal fünf, mal zehn CDs an einem Tag“ habe er sich früher zugelegt. Nach kurzer Zeit war er tausende von Dollar los.

Ähnlich ist es bei der Arbeit. Und das ist nicht besser, seit ich selbstständig wurde: Ich beriet Firmen wie Google und Facebook. Ich hatte nicht nur einen Podcast, sondern gleich zwei. Ich war ständig auf Social Media, um alles zu dokumentieren. PR, Sales, Akquise: drei Menschen in einem. Der zwar alles schaffte, aber dafür ein anderes Problem bekam: Einmal saß ich bei meiner Kolumne Stunden lang vor einem leeren Word-Dokument – mir fiel einfach nichts ein! Meine Kreativität, die mir so heilig war, schien völlig verschüttet.

„Die Sucht füllt eine innere Leere, die viele von uns spüren“

Der zweite Schritt zur Heilung: Nach der Diagnose folgt die Analyse. Wie konnte es also so weit kommen? Maté widerlegt die Annahme, Suchtverhalten sei ein Phänomen willensschwacher Menschen oder eine genetische Disposition. Im Gegenteil: Es durchziehe unsere gesamte Gesellschaft und lasse sich nur als komplexes Zusammenspiel von persönlicher Geschichte, emotionaler Entwicklung und neurochemischen Prozessen verstehen. Laut Maté boomen in unserer Gesellschaft die Süchte: Nicht nur Alkohol und Drogen, auch Pornografie, Social Media, Extremsport oder Shopping. Wir müssten also auf die Strukturen blicken, um die Mechanismen dahinter zu verstehen. Geistige Gesundheit sei keine individuelle, sondern gesellschaftliche Angelegenheit: „Die Sucht füllt eine innere Leere, die viele von uns spüren“ sagt Maté.

Woher kommt diese Leere? Der Forscher erklärt das folgendermaßen: All das, was den Menschen früher Halt gab – die Familie, die Dorfgemeinschaft, die Religion – all das verschwindet zusehends aus unserem Leben. Wir müssen uns ständig selbst versichern, dass unsere Existenz Bedeutung hat. Deshalb sind wir süchtig nach Dingen, die uns fühlen lassen: Wir sind lebendig. Das, was Maté sagt, trifft sicher auch auf mich zu: Ich glaube, mich ständig beweisen zu müssen. Nach Feierabend blicke ich trotzdem alle paar Minuten auf mein E-Mail-Programm. Was es mir bringt? Wahrscheinlich Selbstwertgefühl und Aufmerksamkeit. Ich bin dann wichtig.

Maté sagt, es sei eines der großen Probleme unserer Gesellschaft, dass wir unseren Wert dadurch definieren, was wir machen – und nicht, dass wir einfach sind. Womit wir bei Schritt drei wären: Mit welchen Strategien kann ich meine Sucht überwinden? Matés Methoden, aus diesem toxischen Kreislauf auszubrechen: Radfahren, Yoga, Meditation. Das soll den Geist umlenken, die Perspektive verändern. So kann Arbeit auch wieder zur Leidenschaft werden. Manchmal geht es bei einer Sucht aber auch darum, sich nicht verführen zu lassen. Wir brauchen unsere inneren Stoppschilder.

Ich habe meine definiert: Neben Yoga, Meditation und viel Natur, habe ich (in der Regel) kein Social Media mehr auf dem Handy. Auf der Arbeit gilt Fokus und Nein sagen, auch wenn der Reiz da ist. Der beste Hack, den ich für mich entdeckt habe, ist aber ein anderer: Zeit ohne Produktivität nicht als Freizeit empfinden, sondern als das wertvollste Geschenk an mich selbst.

Besser, gesünder, nachhaltiger, produktiver und zugleich entspannter. Wir leben in der Ära der Selbstoptimierung. Aber was bringt uns wirklich weiter — und was können wir uns sparen? In ihrer Kolumne „Selbst optimiert“ schreibt Laura Lewandowski regelmäßig darüber, was dabei rauskommt, wenn sie (kluge) Ratschläge umsetzt oder aus eigenen Erfahrungen lernt. Im Leben, bei der Arbeit und überall dort, wo es zählt. Hauptsache selbst optimiert.

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