„Ich habe einen unkaputtbaren Optimismus“

Nur wenige Frauen haben den Mut für das, was Julia Bösch gewagt hat: Sie gründete 2012 gemeinsam mit ihrer Freundin Anna Alex ein Unternehmen. Outfittery schickt Männern nach einer Stilberatung durch einen Stylisten in Kombination mit einem Algorithmus persönlich zusammengestellte Kleiderpakete. 50 Millionen Euro hat die Berliner Firma von Investoren aus Deutschland und den USA in den vergangenen Jahren eingesammelt. Die 34-Jährige ist eine Rarität unter den überwiegend männlichen Gründern in Deutschland, das weiß sie – und vermag es für sich zu nutzen. Alle duzen sich bei Outfittery, also auch wir.

Julia, nur knapp 15 Prozent aller Start-up-Gründer in Deutschland sind Frauen. Du und Anna, ihr seid also Exoten. Wurdet ihr auch so behandelt?
Ja, und das kann auch ein absoluter Vorteil sein. Es heißt ja immer, als Frau in der Start-up-Szene hätte man es schwerer. Ich finde, man hat es in einigen Aspekten sogar leichter.

In welchen denn?
Wir sind überall aufgefallen. Jeder wollte wissen, was die zwei Mädels aus Berlin da machen – auch Investoren. Zwar gibt dir dafür noch keiner Geld, aber wenn du diesen Vorschuss an Aufmerksamkeit nutzt, um dein Geschäftsmodell zu positionieren, ist das doch eine tolle Chance. Ich würde mir wünschen, dass noch viel mehr Frauen diese Chance ergreifen, und will ihnen Mut machen. Was sich nämlich auch zeigt: Wir bekommen viele hochkarätige Bewerbungen von Frauen, weil sie lieber eine Chefin als einen Chef haben möchten. Dafür beneiden uns andere Start-ups, auch große Unternehmen.

Aber warum gründen dann nur so wenige?
Weil sie sich oft weniger zutrauen, weniger aggressiv sind. Deswegen ist es so wichtig, dass wir zeigen: Schaut her, es gibt uns! Ich gehe zu vielen Veranstaltungen und halte Vorträge, obwohl ich davor ziemlich nervös bin. Ich bin keine Rampensau. Vielleicht kommt das noch [lacht]. Und natürlich muss das Unternehmen selbst ein Vorbild sein. Bei Outfittery sind über die Hälfte Frauen.

Kein Wunder, schließlich sind rund 150 der 300 Mitarbeiter Stylisten, der typische Frauenjob.
Im Stylisten-Team gibt es viele Frauen, das ist richtig, aber auch sehr talentierte Männer. Im Tech-Bereich haben wir ein paar sehr gute Frauen, auch wenn wir gern viel mehr hätten. Im Management-Team ist das Verhältnis bei uns 50 zu 50, im Beirat sogar 60 zu 40. Das ist besonders, das gibt es bei kaum einem Unternehmen.



Hast du eigentlich Ahnung von Technologie?
Ich würde schon sagen, dass ich ein gewisses Tech-Verständnis habe. Vor allem aber sehe ich das damit verbundene Potenzial.

In der letzten Finanzierungsrunde 2016 hat Outfittery 19,6 Millionen Euro eingesammelt. Wie schnell braucht ihr wieder frisches Geld?
Aktuell brauchen wir kein Geld. Wir wollen aber natürlich weiter stark wachsen und den Technologiebereich ausbauen. Ob wir in Zukunft eine weitere Finanzierung aufnehmen, halten wir uns daher offen. Wir haben im vergangenen Jahr unsere operative Effizienz stark verbessert und sind sehr zufrieden mit den Entwicklungen in diesem Jahr.

Kritiker sagen: Klamottenboxen verschicken ist kein nachhaltiges Geschäftsmodell. Was sagt ihr?
Kritiker gab es schon immer und wird es immer geben. Wenn wir uns davon hätten verunsichern lassen, wären wir heute nicht da, wo wir sind: Marktführer im personalisierten Shopping für Männer, mit fast 600 000 Kunden in acht Ländern. Unser Geschäftsmodell ist sicherlich komplex. Personalisierung ist eine große Herausforderung, aber eben auch der größte Trend im Online-Modebereich.

Die Gefahr ist doch, dass ein Kunde einmal bei Outfittery einkauft und dann wieder weg ist.
Im Schnitt bestellt ein Kunde bei uns zwischen zwei- und viermal im Jahr. Der Weg zum perfekten Outfit ist letztlich eine gemeinsame Reise zwischen Kunde und Stylist – mit jeder Bestellung lernen sich beide besser kennen; der Stylist – und der Algorithmus – lernt, was dem Kunden gefällt und was nicht, welche Passform die richtige ist und welche nicht.

Wann wusstest du, dass du gründen willst?
Früh. Ich habe ein Schülerpraktikum in einer Werbeagentur gemacht. Es ging darum, Onlineanzeigen anhand von Schlüsselworten zu schalten, bevor es Google Adwords gab. Ich war 14, aber ich hatte das Gefühl, die Chefs trauen mir was zu, ich kann den Erfolg dieser Firma mitbestimmen. Das hat mich wahnsinnig begeistert.

Gibt es Unternehmer in deiner Familie?
Mein Opa war selbstständig. Meine Familie kommt aus Österreich. Er hat Skier und Stöcke produziert und in seinem Laden verkauft. Ich fände es spannend, mit ihm über mein Geschäft zu sprechen, aber leider ist er schon vor längerer Zeit gestorben.

Du bist am Bodensee aufgewachsen, in einem idyllischen Dorf. Weit weg vom hektischen und ruppigen Leben als Gründerin in Berlin ...
Eine Welt ohne Probleme, in der wir in der Schulpause ins Wasser gesprungen sind. Ich glaube, diese fast schon traumhafte Kindheit hat mir ein gewisses Grundvertrauen gegeben. Ich hatte immer das Gefühl, dass alles irgendwie funktioniert. Ich habe einen unkaputtbaren Optimismus.

Schon mal eine gute Voraussetzung für das eigene Unternehmen und das Risiko.
Ja, es hilft bei der Achterbahnfahrt. Wenn du gründest, geht es bergauf und bergab.



Warum bist du dann nach der Uni bei Zalando gelandet – und nicht in deinem Start-up?
Zwei Freunde, mit denen ich in New York studiert habe, haben danach direkt entschieden: Wir gründen. Wir stellen jetzt die Industrie auf den Kopf. Ich dachte mir: „Geil, das will ich auch machen.“ Aber ich habe mich noch nicht bereit gefühlt. Ich wollte erst in einem Start-up schauen, wie es geht.

Und, was hast du dir abgeguckt?
Eine Menge, aber das Wichtigste: Ich habe meine Angst vor Geschwindigkeit verloren. Als ich dort startete, war Zalando gerade mal ein Jahr alt und keiner kannte die Marke. Innerhalb der darauffolgenden zwei Jahre ist die Firma extrem gewachsen. Das Tempo war irre. Ich habe die Internationalisierung geleitet und dachte, ich hätte viel Verantwortung. Das war nichts im Gegensatz zu Outfittery. Im ersten Jahr hatte ich das Gefühl, ich hätte eine tonnenschwere Last auf den Schultern.

Wegen der Millionen der Investoren?
Das auch, aber vor allem wegen der Menschen. Es gab welche, die zu uns kamen und gesagt haben: „Ich glaube an euch und kündige morgen meinen Job.“ Dann denkst du: Ja, schon cool – aber wie krass? Da legt einer seine Zukunft in deine Hände.

Als berichtet wurde, Zalando entlasse bis zu 250 Marketingmitarbeiter, hast du sie per Twitter aufgerufen, zu Outfittery zu kommen. Ziemlich frech.
Das kann man mit einem Augenzwinkern auch mal sein, finde ich. Es haben sich einige darauf gemeldet.

Was wolltest du anders machen als Zalando?
Es war uns von Anfang an wichtig, eine starke Kultur aufzubauen. Dazu gehört für uns vor allem offenes Feedback, auch wenn es negativ ist. Kritik ist ja auch Wertschätzung jemandem gegenüber.

„Kritik ist Liebe“, pflegte der langjährige Leiter unserer Holtzbrinck-Journalistenschule zu sagen.
Genau. Ich könnte mir die Konfrontation ja auch sparen. Wenn mich keiner mehr kritisieren würde, würde ich mir ernsthaft Gedanken machen. Denn das würde heißen, ich sei allen bei Outfittery egal ...

... oder dass alle Angst vor dir hätten.
Noch schlimmer. Jeder muss das Gefühl haben, dass er aussprechen kann, was er will, ohne dass es auf ihn zurückfällt. So ein Vertrauensklima aufzubauen ist harte Arbeit. Vor allem für den Chef.

Kannst du deiner Mitgründerin Anna alles sagen? Schließlich seid ihr beste Freundinnen, da fühlt man sich ja doch schnell mal persönlich verletzt.
Wir werfen uns alles an den Kopf, wirklich. Wir saßen uns lange Zeit direkt gegenüber in einem Zehn-Quadratmeter-Büro. Das hat geholfen [lacht].

Anna wechselt nach sechs Jahren aus der Geschäftsleitung in den Beirat. Das klingt nach Unstimmigkeiten, wenn nicht Streit.
Nein, gar nicht. Anna hat irgendwann festgestellt, dass ihre Leidenschaft größer ist, Unternehmen zu gründen und in den ersten Jahren aufzubauen. Wir haben uns bei Zalando kennen gelernt. Es war relativ schnell klar, das wir was zusammen machen wollen. Anna war allerdings sehr viel schneller darin, das auch konsequent zu verfolgen. Ich bin erst nach zwei Jahren bereit gewesen zu springen.

Und ihr ist Outfittery jetzt schon zu erwachsen?
Am Anfang waren Anna und ich selbst die Stylistinnen, haben Kleiderboxen gepackt. Wir haben unsere eigenen Ideen umgesetzt. Jetzt, nach sechs Jahren, geht es in der Führung von Outfittery darum zu skalieren, gutes Personal zu finden, Prozesse zu schaffen, die Strategie weiterzuentwickeln. Annas Leidenschaft liegt wie gesagt eher in der früheren Phase. Ich habe großen Respekt vor ihrer Entscheidung.



Wie bist du mit Outfittery gewachsen?
Das Thema Führung war für mich die größte Herausforderung. Ich musste lernen, ganz klar meine Erwartungen zu äußern – ohne mir ständig darüber Gedanken zu machen, wie das ankommt.

Wäre der Beirat auch eine Option für dich?
Als Kopf eines schnell wachsenden Unternehmens musst du dich jeden Tag fragen: Bist immer noch du es, die die Firma am weitesten bringt? Das habe ich bis jetzt für mich mit „Ja“ beantwortet – auch wenn ich jeden Tag Fehler mache.

Ein Mann würde das nie sagen.
Was? Dass er Fehler macht? Ich finde das Eingeständnis nicht unangenehm. So traut sich jeder im Team, Dinge zu tun, von denen sie oder er nicht weiß, ob sie gut gehen oder schieflaufen. Mir ist wichtig, dass unser Team mutig ist und weiß, dass wir hinter ihm stehen. Wir nennen das: Create Champagne Moments. Es geht darum, neue Produkte und Lösungen zu kreieren, die es wert sind, gefeiert zu werden.

Deswegen also steht dein Computer auf einer leeren Champagnerkiste?
Das ist wirklich Zufall! Wir leeren nicht jedes Mal eine Flasche.

Wann gerätst du mit Mitarbeitern aneinander?
Wenn jemand etwas nicht tut, weil er unsicher ist. Wir können es uns einfach nicht erlauben, zögerlich zu sein. Dann rennen die anderen an uns vorbei.

Was war der bislang größte Fehler?
Wir haben anfangs versucht, alles mit jungen Leuten und viel Energie voranzutreiben. Aber Motivation ist nicht alles. Wir hätten früher erfahrene Manager in die Firma holen sollen. Aus meiner Sicht ist die Mischung wichtig. Wir haben heute ein großartiges, sehr diverses Team, von dem ich jeden Tag lerne.

Wie schaltest du bei all dem Druck ab?
Unter der Woche gar nicht, will ich aber auch nicht. Mein Freund hat letztes Jahr gegründet, und wir sitzen abends immer zusammen und jeder erzählt, was bei ihm gerade passiert, was ihn fordert. Ich nutze das Wochenende, um abzuschalten. Dann fahren wir mit dem Rad raus aus Berlin. Und ich habe ein ganz großes Talent ...

... nämlich?
Ich kann immer und überall schlafen.

Du sagtest, du sprichst oft auf Konferenzen über Outfittery. Wen würdest du dort gern mal treffen?
Sheryl Sandberg von Facebook, aber nur unter vier Augen. Es würde mich wahnsinnig interessieren, wie sie wirklich ist. Sie ist zwar viel in der Öffentlichkeit, aber keiner kennt sie.

Nervt es dich eigentlich, dass du und Anna oft als „Männerversteherinnen“ tituliert werden?
Wir verstehen Männer ja auch. Stimmt also.

Julia, vielen Dank für das Interview.

Der Schreibtisch von Julia Bösch – was hier Platz hat