Ich habe bei meiner Arbeit als TikTok-Moderator weniger als sieben Dollar pro Stunde verdient und sah meine Kollegen jeden Tag weinen

 - Copyright: Thomas Trutschel/Photothek via Getty Images
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Dieser Aufsatz basiert auf einem Gespräch mit einem ehemaligen TikTok-Moderator. Er hat anonym mit uns gesprochen, da er vor der Ausbildung eine strenge Vertraulichkeitsvereinbarung unterzeichnet hatte. Business Insider hat seine Identität und seinen Lohn anhand von Unterlagen überprüft. Der folgende Text wurde aus Gründen der Länge und Klarheit bearbeitet. Warnung: Er enthält die Schilderung eines Suizids.

Wir durften nicht "TikTok" sagen. Es hieß immer "der Kunde". Unter uns Kolleginnen und Kollegen nannten wir es zwar immer TikTok, aber offiziell mussten wir immer von "dem Kunden" sprechen.

Ich arbeitete für Majorel. Das ist nur eines der zahlreichen Unternehmen, die TikTok benutzt, um die Content-Moderation zu delegieren. Ich war mehr als zwei Jahre für die Moderation der spanischen und südamerikanischen Regionen von TikTok zuständig.

Ich fand es anfangs ganz toll. Es war interessant, die ganzen Videos zu gucken. Aber nach ein paar Monaten war jeder Tag einfach gleich, immer nur dasselbe. Nach einem Jahr hatte ich schon die ersten Anzeichen eines Burnouts.

Das Unternehmen hatte extrem hohe Moderationsziele, die lagen bei circa 1000 Videos pro Tag. Selbst, nachdem TikTok angefangen hatte, Videos mit einer Länge von über fünf Minuten einzuführen, änderten sich die Ziele nicht. Ich wollte einfach nicht mehr arbeiten, ich war depressiv. Ich war sogar bei dem Psychologen des Unternehmens, die Teil des sogenannten BeWell-Programms war.

Vor knapp vier Monaten habe ich meinen Job bei Majorel gekündigt, allein eins bis zwei Monate habe ich gebraucht, um mich von dieser Erfahrung zu erholen. Inzwischen geht es mir viel besser. Dennoch habe ich den ganzen Stress und die Depressionen auch nach der Kündigung mit mir getragen. Dann ging es mit der Angst los, dass ich aus irgendeinem banalen Grund meinen neuen Job verlieren könnte. Denn bei TikTok kann man gefeuert werden wegen eines einzigen Videos.

Wir sind keine Roboter. Als Mensch kann es nun mal vorkommen, dass man die Konzentration verliert. Wenn es vorkam, dass wir als Moderatoren Videos nicht mit den richtigen Tags etikettierten, und plötzlich deshalb ein Video mit pornografischem Inhalt oder Tod durchkam, wurden wir gefeuert. Jetzt erst merke ich, dass mein neuer Arbeitgeber das alles ganz anders handhabt.

Als ich kündigte, war kaum noch jemand übrig. Die meisten haben nach nur einem Jahr den Job geschmissen, länger hielt es kaum jemand aus. Da war nur noch ein Kollege außer mir, der es so lange geschafft hat.

Die Arbeitszeiten waren eine weitere Belastung

Manchmal mussten wir sieben Tage die Woche durcharbeiten, unsere Schichten wurden vom Unternehmen geregelt. Ich sah keinen Grund dafür, wir waren schließlich ein großes Team, es waren also genügend Leute da. Bei diesem Job ist es sehr wichtig, sich auszuruhen. Bei jeder Schicht habe ich mindestens fünf bis zehn abartige Videos gesehen, die kein Mensch sehen möchte. Das geht nicht spurlos an einem vorbei. Wenn man sich regelmäßig solche Videos anguckt, macht es was mit einem.

Was ganz verrückt ist: Selbst die Psychologen sagten, dass sie manchmal sieben bis acht Tage am Stück arbeiten mussten. Als ich das von meinem Psychologen hörte, dachte ich mir nur "Was zur Hölle?" Wie sollen die uns denn helfen, wenn sie selbst komplett überarbeitet sind? Es war für mich alles so sinnlos.


(Anm. d. Red.: Majorel äußerte sich zu den Aussagen und betonte, dass die Angestellten ihre Schichten im Voraus bereits bestätigten und es nur maximal sechs aufeinanderfolgende Arbeitstage geben könne.)

Das Schlimmste, was ich bei meinem Job gesehen habe, war ein Repost, eines Facebook-Live-Videos, bei dem ein Mann Suizid mit einer Pistole beging. Es war sehr blutig und wir mussten uns das gesamte Video ohne Zensur oder Verpixelung ansehen.

Jeden Tag gab es Menschen im Büro, die geweint haben. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass es nicht einfach ist, solche Videos zu gucken, und das jeden Tag. Einige waren noch härter davon betroffen, mindestens die Hälfte des Teams.

Als wir im Homeoffice gearbeitet haben, haben wir diese brutalen Videos mit in unsere Wohnungen genommen. Dann ging es auch mit dem BeWell-Programm los. Je nach Person haben wir dann wöchentliche beziehungsweise monatliche Einzelgespräche mit einem Psychologen gehabt. Die Idee war super, mein Psychologe hat mir echt geholfen. Einige im Team hatten kein Bedürfnis oder wollten keinen Psychologen. Ich fand es toll, dass ich meinen hatte.

Es wurden immer wieder neue Regelungen bei TikTok angekündigt. Sie haben an einem Tag eine Sache beschlossen, am nächsten Tag wurde das dann rückgängig gemacht. Ich glaube nicht einmal, dass sie wirklich wissen, was sie tun.

Unser Lohn war für diese mentale Belastung einfach nicht genug

Ich verdiente etwa 1100 Euro im Monat, abhängig von der Steuer und davon, ob wir an Feiertagen gearbeitet haben. Das war echt sehr wenig. Es ist nicht der Mindestlohn, aber es ist auch kein sehr gutes Gehalt, wenn man hier in Barcelona lebt. Wenn man überlegt, mit welchen mentalen Schwierigkeiten wir zu kämpfen hatten, ist dieser Lohn einfach nicht genug. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir deutlich mehr verdient haben.

Die Arbeit im Büro war ganz anders. Es war toll diesen Ausgleich zu haben und mit den Kolleginnen und Kollegen zu reden, ein bisschen Spaß und Quatsch zu machen. Das hat sich aber leider geändert, als wir von zuhause aus arbeiten mussten. Klar gab es dann auch Meetings und wir haben miteinander gesprochen, es war aber einfach nicht dasselbe. Durch unsere WhatsApp-Gruppe konnten wir selbst an unseren freien Tagen die Arbeit nie wirklich hinter uns lassen und abschalten.

Das Unternehmen war zwar die Hölle, aber die Mehrheit meiner Kolleginnen und Kollegen waren tolle Menschen. Wir hatten auch nie Probleme mit unseren Teamchefs, sie waren nett und haben uns unterstützt, wo es auch nur ging.

Wenn ich es in diesem Unternehmen so lange ausgehalten habe, dann nur, weil ich Freunde im Büro hatte, mit denen ich über alles reden konnte. Das haben wir alle gebraucht, wenn wir acht Stunden am Tag uns diese Videos angucken mussten. Keiner von uns hätte es ohne diesen Ausgleich geschafft, wir haben uns alle gegenseitig unter die Arme gegriffen. Denn für das Unternehmen waren wir Roboter, wir waren keine Personen für sie. Nur eine Zahl.

Eine Sprecherin von TikTok sagte uns: "Unser Vertrauens- und Sicherheitsteam arbeitet mit Drittfirmen zusammen, um die Plattform und die Community von TikTok zu schützen, und wir bemühen uns, ein fürsorgliches Arbeitsumfeld für unsere Mitarbeiter und Auftragnehmer zu schaffen. Wir entwickeln weiterhin Wege, um Moderatoren zu helfen, sich mental und emotional unterstützt zu fühlen."

Karsten König, EVP Global Clients und Practice Lead bei Majorel, sagte: "Die Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Content-Moderatoren in Barcelona haben für uns oberste Priorität. Wir stellen dies jeden Tag unter Beweis, indem wir rund um die Uhr professionelle psychologische Unterstützung sowie ein umfassendes Angebot an Gesundheits- und Wohlfühlinitiativen bereitstellen. Diese werden von unseren Mitarbeitern sehr geschätzt. Wir wissen, dass die Bereitstellung eines sicheren und unterstützenden Arbeitsumfelds für unsere Content-Moderatoren der Schlüssel zur Erbringung hervorragender Dienstleistungen für unsere Kunden und deren Kunden ist."

Wenn ihr oder jemand, den ihr kennt, unter Depressionen leidet oder mit dem Gedanken spielt, sich selbst zu verletzen oder sich das Leben zu nehmen, solltet ihr euch Hilfe holen. Die Telefon-Seelsorge ist kostenlos und rund um die Uhr unter der Nummer: 0800 1110111 zu erreichen. Ihr könnt euch auch auf der Webseite: https://www.telefonseelsorge.de informieren.

Dieser Artikel wurde von Meltem Sertatas aus dem Englischen übersetzt. Den Originaltext findet ihr hier.

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