Ich habe mein Leben für eine Woche den Tarotkarten überlassen

Elizabeth Gulino
·Lesedauer: 7 Min.

Ich habe dieses Jahr meine allerersten eigenen Tarotkarten geschenkt bekommen – ein Set namens Our Tarot von Sarah Shipmen, eine Kombination aus dem Tarot selbst und einem erklärenden Buch. Die Karten zieren Bilder historisch bedeutender Frauen, von Jeanne d’Arc über Emily Dickinson bis hin zu Cleopatra. Und obwohl ich das Set wunderschön finde, muss ich gestehen: Ich war erst einmal eingeschüchtert. Sich ins Kartenlesen zu stürzen ist doch etwas aufwendiger als der Download einer Horoskop-App – und ich hatte absolut keine Ahnung, wie ich das Tarot überhaupt verwenden sollte. Trotzdem nahm ich mir vor, es zu versuchen; schließlich freue ich mich auch jedes Mal über die Tarot-Videos, die mir der TikTok-Algorithmus in meinen Feed spült.

Mein erster Ansprechpartner war Google: „Was mache ich mit einem Tarot-Deck?“, tippte ich ratlos ins Suchfenster. Ich erfuhr: Tarot ist eine Form der Wahrsagerei – dabei geht es aber weniger darum, die Zukunft hervorzusehen, als im Alltag eine Art Beistand und Führung zu schenken. (Die Karte „Tod“ zum Beispiel bedeutet nicht, dass jemand in deinem Umfeld oder du selbst dem Untergang geweiht sein könnte, sondern deutet darauf hin, dass du derzeit irgendein Ende oder eine Veränderung verarbeitest.)

Nur mit Google würde ich aber vermutlich nicht allzu weit kommen, beschloss ich, und holte mir erfahrene Hilfe zur Seite: Sarah Potter ist Tarot-Leserin, eine professionelle Hexe und praktiziert Farbmagie. Sie sieht das Tarot als eine Form der Selbstliebe. „Es regt dich einfach zum Nachdenken an; es führt dich und verrät dir tiefere Bedeutungen“, erklärt sie mir. „Egal, welche Karte du ziehst – dahinter verbirgt sich eine Lektion, die du auf viele Lebensbereiche anwenden kannst, ob im Kleinen oder Großen.“

Für jemanden wie mich, die sich schon seit Beginn der Pandemie etwas ziellos fühlt und deren übliche Routinen komplett auf den Kopf gestellt wurden, klang das erstmal verlockend: Das Tarot würde mich morgens an die Hand nehmen und quasi durch den Tag leiten. Also nahm ich mir vor, fünf Tage lang jeden Morgen eine Karte zu ziehen, mir anhand dieser Karte ein Tagesziel zu setzen und meine Erfahrungen damit aufzuschreiben, um im Nachhinein erkennen zu können, inwiefern mir das geholfen hatte. Und so lief das ab.

Tag 1: XI. Die Gerechtigkeit, Ida B. Wells

„Was für eine tolle erste Karte!“, freute sich Potter, als ich ihr das Bild von meiner ersten gezogenen Karte schickte. (Ich brauchte ihre Hilfe, um die Karten richtig zu interpretieren.) Die Gerechtigkeit ist eine der als „große Arkana“ bekannten Trumpfkarten und repräsentiert als Karte XI das Tierkreiszeichen Waage – kurz gesagt: Die Gerechtigkeit ist das Symbol des Waage-Monats. Und da ich die Karte während ebendieses Monats zog, war Potter überzeugt: Ich war mit der Energie der Waage auf einer Wellenlänge. Ein gutes Zeichen also!

Die Karte der Gerechtigkeit bedeutet übrigens Wahrheit und Verantwortlichkeit, weswegen mich Potter fragte, ob mir große Entscheidungen bevorstanden. Nicht wirklich – tatsächlich fühle ich mich schon seit Jahresbeginn irgendwie festgewachsen. Das liegt daran, dass ausgerechnet die eine große Entscheidung, die ich vor Corona getroffen hatte – dass ich aus dem Haus meiner Eltern ausziehen würde –, dank der Pandemie erstmal auf Eis liegt. Demnach habe ich jeden Tag den Eindruck, ich würde nur darauf warten, dass mein Leben endlich wirklich anfängt. Und obwohl die Verzögerung meines Umzugs größtenteils außerhalb meiner Kontrolle liegt, will mich das Tarot heute laut Potter auf etwas hinweisen: Es gibt nämlich durchaus Bereiche in meinem Leben, in denen ich sehr wohl aktiv werden kann.

Mein Tagesziel: Mir meiner Selbstverantwortung bewusst zu sein und zu meinen Entscheidungen zu stehen – egal, wie groß oder klein sie auch sein mögen. Ich fühlte mich total motiviert und habe meine To-Do-Liste schon seit Wochen nicht mehr so effizient abgearbeitet. Außerdem freute ich mich darüber, die Karte mit Ida B. Wells gezogen zu haben: Sie war gleichzeitig Investigativjournalistin, Lehrerin und Anführerin der ersten Stunden der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung – eine tolle Energie für den ersten Tag meines Experiments!

Tag 2: VII. Der Wagen, Harriet Tubman

„Der Wagen ist ebenfalls eine große Arkana – das sind jetzt schon zwei hintereinander!“, schrieb mir Potter. Es lief scheinbar gut bei mir! „Der Wagen steht für die Kraft von Erfolg und Ehrgeiz. Sieh ihn als grünes Licht für all deine Ziele – vor allem, was deine beruflichen Träume angeht“, erklärt sie weiter. Außerdem kann mich der Wagen darauf hinweisen, wenn mir etwas in meinem Leben zu schnell geht; dann sollte ich mich selbstbewusst auf meine Fähigkeiten verlassen.

Mein Tagesziel: Ich rief mir immer wieder selbst ins Gedächtnis: Ich kann das. Meine Karriere ist mir zwar sehr wichtig, aber manchmal bringt diese Leidenschaft eben auch echte Unsicherheit mit sich: Ich will alles richtig machen, habe aber gleichzeitig Angst davor, zu scheitern. Dabei weiß ich natürlich genau, dass die Unsicherheit der Tod jeder Motivation sein kann – und indem ich mich immer wieder daran erinnerte, wie talentiert ich bin, wusste ich, dass ich mir die Zeit nehmen konnte, um an ein paar Ideen für eine Brainstorming-Session am Freitag zu arbeiten. Die lief dann übrigens super. Danke, lieber Wagen.

Tag 3: Der König der Stäbe, Cleopatra

Der König der Stäbe steht gleichzeitig für Kreativität und den Ehrgeiz, einen Traum zur Realität werden zu lassen, erklärt mir Potter. Außerdem schwingt da ein Bedürfnis nach Gemeinsamkeit mit: „Hol dir andere zur Seite, um deine Vision zum Leben zu erwecken.“

Mein Tagesziel: Meine Träume selbst in die Hand zu nehmen. Wichtiges direkt anzusprechen. Wie gesagt: Ich habe mich bisher während der Pandemie sehr passiv gefühlt, weil so vieles außerhalb meiner Kontrolle liegt. Und trotzdem wollte mir diese Karte hier gerade mitteilen, dass ich eben doch einiges unternehmen konnte – und selbst, wenn es dabei nur darum ging, Freund:innen um klitzekleine Alltagshilfen zu bitten. Ich habe sonst keine Probleme damit, andere um Hilfe zu fragen; trotzdem war es schön, daran erinnert zu werden, dass mich die Hilfe anderer meinen Zielen viel näher bringen kann.

Tag 4: III. Die Hohepriesterin, Nefertari

„Die Hohepriesterin ist die Karte der Fürsorge. Kümmere dich heute gut um dich selbst“, sagte mir Potter und wurde dann ganz konkret: der perfekte Tag für Gesichtsmasken, Schaumbäder und Co.! „Wir ziehen diese Karte, wenn wir dabei sind, etwas Großes anzugehen. Anhand deiner Karten diese Woche würde ich sagen, dass sie dich zur Kreativität bewegen wollen, um deine Träume wahr werden zu lassen.“

Mein Tagesziel: Self-care. Denn Potter hatte ja Recht: Es war eine stressige Woche für mich gewesen. Nachdem ich also Feierabend gemacht hatte, tat ich mir selbst für den restlichen Abend etwas Gutes: Ich lackierte mir die Nägel, schaute mir einen Film auf Netflix an, verwöhnte mein Gesicht mit einer Maske, fing ein neues Buch an und gönnte mir Eiscreme. Das volle Programm also – und das war eine echte Seltenheit: Während der Pandemie hatte ich bisher Probleme damit gehabt, meinen Stress produktiv zu verarbeiten (ich mache sonst einfach ein Nickerchen), und hatte wohl vergessen, wie wichtig es ist, mir auch Zeit für mich selbst zu nehmen. Ich bin dankbar dafür, dass mir das Tarot die Gelegenheit dazu schenkte.

Tag 5: Die Sechs der Münzen, Ada Lovelace

Die Woche endete mit einem großzügigen Vibe – denn laut Potter steht die Sechs der Münzen dafür, anderen etwas zurückzugeben, und mit offenem Herzen Neues entgegenzunehmen.

Mein Tagesziel: Großzügig zu geben und bescheiden zu nehmen. Ich gab mein Bestes, anderen bei der Arbeit zu helfen, und legte für meinen Hund auf dem Sofa eine besonders bequeme Decke aus. Meinem Freund hörte ich geduldig dabei zu, wie er sich über seine Kurse und Arbeit aufregte, ohne ihm zwischendurch meine eigenen Sorgen aufzudrücken. Diese Karte rückte die gestrige in ein neues Licht: Ich konnte heute anderen etwas zurückgeben, weil ich mir gestern genug für mich selbst genommen hatte.

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Mein Fazit

Ich habe mich selbst nie als spiritueller Mensch gesehen – aber die Pandemie hat mich dazu gebracht, alles mehr zu schätzen, das meinem Alltag ein wenig mehr Struktur schenkt. Ich mochte die Routine des Ganzen: Aufstehen, eine Karte ziehen, Potters Analyse durchlesen und meine eigenen Schlüsse daraus ziehen. Irgendwie erinnerte mich das Tarot daher auch an ein Tageshoroskop. Es stellte mich darauf ein, in welchen Lebensbereichen mich womöglich Herausforderungen erwarteten, und auf welche Stärken ich mich daher besonders verlassen sollte.

Ich glaube aber nicht, dass das Tarot für mich zu einem täglichen Hobby werden könnte. Dafür verlangt es mir ein bisschen zu viel Nachdenken am frühen Morgen ab, wenn ich ehrlich bin. Ich habe aber definitiv vor, auf die Karten zurückzugreifen, wenn ich mich gestresst fühle und ein wenig Führung brauche – denn manchmal braucht man eben ein bisschen Klarheit von außen.

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