„Ich habe keinerlei Sorge, dass das Krypto-Ökosystem in Gefahr ist“


„Es ist erstaunlich zivilisiert“, sagt Emmet Ryan. Der irische Tech-Reporter ist nicht das erste Mal auf der „MoneyConf“, aber noch nie hat er das Klassentreffen der Kryptobranche als so erwachsen erlebt wie in diesem Jahr. „Früher wurde ich alle drei Meter angesprochen, ob ich nicht dort oder dort investieren will. Das ist vorbei, die Branche konsolidiert sich“, urteilt er.

Schon der Konferenzort strahlt Solidität aus. Man trifft sich in der „Royal Dublin Society“ hinter einer steinernen Tempelfassade, die Ausstellungshalle überspannen historische Eisenträger. Gekommen ist das Who is Who der Branche: Rund 5.000 Teilnehmer aus 80 Ländern sind angemeldet, darunter Vertreter der großen Bitcoin-Börsen, Blockchain-Start-ups und Finanztechnologie-Unternehmen. Von einer Krise will an den Ständen niemand etwas wissen.

Dabei hat die Kryptobranche harte Monate hinter sich: Einbrüche bei Bitcoin-Börsen, Betrugsfälle bei virtuellen Börsengängen (ICOs), kritisch agierende Aufseher – zahlreiche Hiobsbotschaften haben Anleger und Geschäftspartner verunsichert. Allein in den Tagen der „MoneyConf“ hat der Kurs der wichtigsten Kryptowährung Bitcoin über 1.000 Dollar verloren auf rund 6.500 Dollar.


In Dublin sollen derlei Probleme nicht irritieren. „Ich weiß ja, ihr Journalisten schreibt lieber über negative Sachen“, sagt etwa Ethereum-Mitgründer Joseph Lubin. „Aber ich habe keinerlei Sorge, dass das Krypto-Ökosystem in Gefahr ist. Dafür ist die Blockchain-Technologie viel zu spannend.“

Sarah Friar, Finanzvorstand bei Square, dem schnell wachsenden US-Zahlungsnetzwerk, stellt klar, dass man nicht zurückschauen wolle. Zu viel Potenzial liege in der kommenden Disruption. „Ob im Handel, in der Medienbranche, überall ist die Digitalisierung schon angekommen. Nur die Finanzbranche wurde noch nicht umgewälzt.“

Stattdessen säßen die Banken träge auf dem größten Schatz des digitalen Zeitalters: Daten. „Wir könnten so viel damit machen. Mein Zahlungsdienstleister könnte wissen, dass ich jeden Morgen zwischen sieben und acht Uhr einen extraheißen Kaffee bestelle. Warum nutzt er das nicht?“, fragt Friar unter Applaus. Datenschutzbedenken spielen auf dem großen Podium keine Rolle.

Viele Neuankündigungen gibt es in Dublin nicht; die Branche setzt auf geschäftige Normalität. Reale Geschäftsmodelle sollen vergangene Skandale wettmachen, so der Tenor bei vielen Diskussionsrunden. In den kommenden zehn Jahren stehe nichts weniger als der baldige Siegeszug von Blockchain und Co. bevor, analog zum Internet, das schließlich auch 20 Jahre gebraucht habe, um erwachsen zu werden, argumentiert Joseph Lubin.


Nun müssten die richtigen Weichen gestellt werden. Gerade Europa habe einen riesigen Nachholbedarf, sagt Reetika Grewal von der Silicon Valley Bank (SVB), die vor kurzem eine Dependance in Frankfurt eröffnet hat. Der europäische Markt sei aufgrund der gemeinsamen Währung riesig, international hoch vernetzt. Vor allem in Deutschland gebe es viele vielversprechende Gründer.

Angesichts des kommenden Brexits rückt die Frage des richtigen EU-Standorts für viele Start-ups ins Zentrum. Dublin rechnet sich gute Chancen aus, London als europäischen Fintech-Hub zu beerben. So will Ethereum-Mitgründer Lubin seine Firma Consensys in der irischen Hauptstadt aufbauen und hier 60 Leute einstellen.

Die größte japanische Kryptobörse, Bitflyer, setzt unterdessen auf Luxemburg, um Europa zu erobern, wie Europa-Chef Andy Bryant sagt. Die Schweiz, wo sich besonders der Kanton Zug zuletzt als Kryptostandort hervorgetan hat, sei aufgrund der fehlenden EU-Mitgliedschaft weniger attraktiv.

Die klassische Finanzindustrie hält sich in Dublin auffallend zurück. Mit Ausnahme der Silicon Valley Bank erkennt man ihre Vertreter nur am Namensschild. Auf große Stände haben Institute wie Deutsche Bank, Société Générale und ING verzichtet, dafür ihre Fintech-Experten geschickt.

Viele „Money Conf“-Teilnehmer hoffen, genau von ihnen entdeckt zu werden – trotz aller demonstrativer Kritik am klassischen Finanzsystem. Die Start-ups kommen aus der ganzen Welt: Trading View aus Moskau will Bloomberg- und Reuters-Terminals überflüssig machen, Investoren direkt und günstig mit Kursdaten der Weltbörsen versorgen. Token aus London will Banken mit einer einfach zu bedienenden Software-Oberfläche versorgen, um die Vorgabe der EU-Richtlinie PSD II zu erfüllen, die Bank-Systeme für Drittanbieter zu öffnen.



Selbstkritik ist in Dublin selten - und wird wenn dann abseits der Stände geäußert. „Viele Anleger haben seit dem Herbst Millionen verloren. Man ist vorsichtig geworden“, sagt etwa Kryptoinvestor Luis Antonio aus Lissabon.

Austin Alexander von der großen US-Börse Kraken glaubt nicht, dass die jüngsten Skandale den Ruf der Branche nachhaltig beschädigt haben. „Die klügsten Köpfe bewerben sich längst bei uns. An der Wall Street regieren die grauen Haare.“ Und Joseph Lubin sieht positive Signale der US-Aufsicht SEC, von ihrem allzu harschen Kurs abzurücken – etwa bei der Frage, ob alle digitalen Assets Wertpapieren ähneln.

Nur David Schwartz, Chefkryptograph bei Ripple, dem Netzwerk, das gezielt mit der klassischen Finanzindustrie zusammenarbeitet, gibt sich selbstkritisch. Bei ICOs rechnet er mit massenhaften Verlusten für Investoren. Und auch sonst mangele es in Dublin an Realismus. „Die Branche ist immer noch unreif. Der massenhafte Einsatz der versprochenen Innovationen steht aus.“