Ich habe ein Jahr lang auf Alkohol verzichtet – warum ich mir jetzt wieder erlaube zu trinken (es aber nicht tun werde)

Ein Jahr lang hat Autorin Lisa Dittrich ohne Alkohol gelebt – und dadurch Geld und Zeit gespart, wie sie sagt. - Copyright: Lisa Dittrich
Ein Jahr lang hat Autorin Lisa Dittrich ohne Alkohol gelebt – und dadurch Geld und Zeit gespart, wie sie sagt. - Copyright: Lisa Dittrich

Als ich vor genau einem Jahr aufhörte, Alkohol zu trinken, hatte ich keine Ahnung, wie ich das durchhalten sollte. Ich hatte Sorge, dass ich auf Partys fortan traurig in der Ecke sitzen und den Geschmack eines guten Weins schmerzlich vermissen würde. Hatte Angst, dass ich irgendwann schwach würde und dadurch Willensschwäche beweise. Und hatte Angst, was die Leute wohl denken und sagen würden.

Heute sind all diese Ängste weg. Zuweilen kann ich sogar über sie lachen. 365 Tage ohne Alkohol haben mich mir selbst nähergebracht. Dennoch habe ich eine Entscheidung getroffen: Ich werde mir fortan wieder erlauben, Alkohol zu trinken. ABER: Ich werde ihn nicht trinken. Etwas verwirrend? Lasst es mich erklären …

„Warum trinkst du keinen Alkohol?“

„Warum trinkst du nicht?“ Jeder, der keinen Alkohol trinkt, wird diese Frage hassen – mich eingeschlossen. Erstens ist sie extrem persönlich, erst recht, wenn man sie von entfernten Bekannten gestellt bekommt, mit denen man bisher kaum drei Sätze gewechselt hat. Zum zweiten ist diese Frage nur sehr komplex zu beantworten. So gibt es für mich zig Gründe, warum ich damit aufgehört habe und je länger ich abstinent lebte, desto mehr Gründe kamen hinzu.

Meine neue Lieblingsantwort auf diese Frage lautet daher: „multifaktoriell“. Habe ich Glück, gibt sich mein Gegenüber mit dieser Antwort zufrieden. Habe ich Pech, hakt mein Gegenüber nach. Nun ist es an mir, eine für die Situation und Beziehung angemessene Antwort zu finden. Kenne ich mein Gegenüber kaum und möchte das Gespräch etwa auf einer Party schnell hinter mich bringen, erkläre ich zumeist, dass ich früher selbst gern Wein getrunken habe – ob mit Freundinnen, im Restaurant oder allein in der Badewanne. Wenn ich auch nicht jeden Abend trank, trank ich für meinen Geschmack zu viel. Und so beschloss ich, am Dry January teilzunehmen, den ich kurzerhand immer weiter ausdehnte.

Fragt mich eine mir nahestehende Person in einem ruhigen Moment nach meinem Alkoholverzicht, hole ich allerdings etwas weiter aus. Ich ergänze meine Geschichte darum, dass ich nicht länger eine Migräne in Kauf nehmen wollte, die meist auf einen Kater am Wochenende folgte. Dass ich es satthatte, mich zu fragen, ob mein Konsum noch „im Rahmen“ ist. Und dass es mir Sorgen bereitete, welch große Rolle Alkohol in meinem Leben spielte. Wie normal es für mich war, nach einem besonders anstrengenden Tag den Stress mit einem Glas Wein hinunterzuspülen oder bei fast jedem Treffen mit Freunden zu trinken.

Wie es sich anfühlt, keinen Alkohol mehr zu trinken

Ich verstand Alkohol lange Zeit als etwas, das mein Leben bereicherte. Er verschob meine Sorgen, verschaffte mir mehr Selbstbewusstsein, legendäre Nächte und Lachkrämpfe. Beinahe könnte ich wehmütig werden bei dem Gedanken, dass ich nicht mehr trinke. Aber eben nur beinahe. Denn: Alkohol dient mir nicht mehr. Um das zu verstehen, musste ich allerdings erst aufhören, ihn zu trinken. Aus der Distanz betrachtet, wurde mir klar, dass Alkohol zwar Spaß brachte – mir insgesamt aber viel mehr nahm, als zu geben.

Er nahm mir Geld.

Meine Abstinenz-App auf dem Smartphone verrät mir, dass ich in den vergangenen 365 Tagen über 520 Euro gespart habe, weil ich keinen Alkohol getrunken habe. Diese Rechnung bezieht sich auf das Geld, welches ich für Wein aus dem Supermarkt ausgegeben hätte. Überteuerte Drinks aus Bars sind hier nicht mitgerechnet.

Er nahm mir Zeit.

Sonntage verbrachte ich früher in der Regel vor einer Serie im Bett – oft verkatert. Heute stehe ich Sonntagmorgen auf, kann zum Sport gehen, putzen, Freunde treffen, kreativ werden oder einen Ausflug mit meinem Partner unternehmen. Zwar hätte ich all das auch früher machen können – habe ich aber nie, weil es mir schlicht an Energie und Motivation dafür mangelte.

Er nahm mir Schlaf.

Der Mythos, dass ein Gläschen Wein am Abend besser einschlafen lässt, hält sich hartnäckig. Auch ich saß ihm lange auf. Und tatsächlich: Etwas Alkohol ließ mich schneller einschlafen. Aber mein Schlaf danach war nicht gesund. Denn Alkohol sorgt vor allem in der zweiten Nachthälfte dafür, dass man häufiger aufwacht – ein Umstand, der die Schlafqualität beeinflusst. Zudem sagen Experten, dass der Anteil der sogenannten REM-Schlafphasen bereits durch mäßigen Alkoholkonsum verringert wird.

Diese REM-Schlafphasen sind Tiefschlafphasen, die wesentlich für Gesundheit und Stimmung sind. Fehlen sie, kann das beispielsweise zu Gereiztheit und innerlicher Unruhe führen. Selbst Depressionen können dadurch begünstigt werden. Als ich noch Alkohol trank, schlief ich kaum eine Nacht durch. Seitdem ich abstinent lebe, wache ich morgens deutlich erholter auf.

Er nahm mir Gelassenheit.

Lange lag ich dem Irrglauben auf, Alkohol würde Stress lindern. Deswegen lag ich nach einem harten Tag nur zu gern mit einem Glas meines Lieblingsweins in der Badewanne. Heute weiß ich: Alkohol begünstigt Stress sogar. Zwar entspannt er für einen kurzen Moment, aber nur, um danach umso härter zurückzuschlagen. So reduziert Alkohol die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol und lässt Endorphine sprühen. Einfach gesagt betäubt Alkohol negative Emotionen und lässt uns glücklich wie leicht fühlen.

Dieser Zustand hält jedoch nur maximal zwei Stunden an. Im Anschluss schüttet der Körper vermehrt Cortisol und Adrenalin aus. Die Folge? Wir fühlen uns angespannt und gereizt. Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber seitdem ich auf Alkohol verzichte, reagiere ich viel gelassener in Situationen, die mich früher in die Luft gehen ließen.

Er nahm mir Gesundheit.

Ich habe Migräne, seitdem ich klein bin. Anfälle werden durch verschiedene Trigger begünstigt – etwa Stress, zu viele Reize oder Alkohol. Obwohl ich das wusste, trank ich Alkohol. Und riskierte damit höllische Kopfschmerzen, inklusive Tage über der Kloschüssel. Zwar habe ich noch immer Migräne, doch zumindest über dem Klo hing ich deshalb während meiner Abstinenz nicht mehr. Davon abgesehen begünstigt Alkohol über 200 weitere Krankheiten, auf die ich absolut nicht scharf bin – ganz weit vorn: Krebs. Laut dem zentralem Alkoholatlas 2022 verursacht Alkohol schätzungsweise pro Jahr mehr als 20.000 neue Krebserkrankungen und 8000 Krebstodesfälle.

Gibt es so etwas wie gesunden Alkoholkonsum?

Ehrlicherweise waren meine ersten Tage und Wochen ohne Alkohol hart. Nicht, weil ich in Versuchung gekommen wäre. Vielmehr wusste ich nicht, wohin mit mir sowie meinen Gedanken, die einst durch ein Glas Wein gestoppt werden konnten. Ich musste sämtliche meiner Gewohnheiten ändern: Beispielsweise musste ich neue Methoden zum Herunterkommen finden und lernen, dass es okay ist, eine Party vor null Uhr zu verlassen. Doch je länger ich ohne Alkohol durchhielt, desto einfacher wurde es. Desto stolzer wurde ich. Und desto bewusster spürte ich all die Vorteile, die der Verzicht mit sich brachte.

Nichtsdestotrotz fragte ich mich während der vergangenen 365 Tage oft, ob ich jemals wieder Alkohol trinken werde. Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass ich nicht in alte Muster verfallen und meine Gesundheit riskieren möchte. Die Frage lautet also: Gibt es so etwas wie gesunden Alkoholkonsum überhaupt? Genau diese Frage habe ich Rolf Hüllinghorst gestellt. Er ist Suchtexperte und lebt selbst alkoholfrei. Der Experte sagt: „Je mehr Alkohol man trinkt, desto gefährlicher wird es.“

Genau aus diesem Grund gibt es Empfehlungen von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für risikoarmen Konsum. Hiernach sollten Frauen nicht mehr als ein Glas pro Tag (zwölf Gramm Alkohol) und Männer nicht mehr als zwei Gläser trinken – bei zwei Tagen ohne Alkohol in der Woche. Dies sei die letzte wissenschaftliche Erkenntnis, welcher auch Sucht- und Krebsverbände folgen. Je weniger Alkohol man trinke, desto geringer sei das Risiko, an Krebs zu erkranken. Hüllinghorst sagt aber deutlich: „Es gibt kein gesundes Maß an Alkoholkonsum.“

Auch die Nüchternheit-Aktivistin Nathalie Stüben rät zur Abstinenz. Sie sagt: "Schon geringe Mengen Alkohol schaden dem Hirn, sorgen für Stress und können zu Krankheiten wie Brustkrebs, Darmkrebs und Bluthochdruck führen." Auch für sie steht fest: Ein gesundes Maß an Alkohol gibt es nicht. Und trotzdem glaubt sie, dass es Menschen gibt, die unproblematisch trinken.

„Mein Mann zum Beispiel. Der trinkt ungefähr zwei Whiskey pro Jahr. Da käme selbst ich mir bescheuert vor, zu sagen: ‚Achtung Schnucki, auch das kann schon Krebs auslösen.‘ Aber wir reden hier eben auch von zwei Gläsern pro Jahr und nicht von zwei Gläsern pro Woche.“ Im Kontext unserer „Saufkultur“ mögen zwei Gläser pro Jahr wenig erscheinen, sagt Stüben. „Aber da erscheinen ja sogar ein Bier pro Tag oder vier, fünf Gläser Wein pro Woche unproblematisch. Und da sind wir eben schon lange im gesundheitsschädlichen Bereich.“

Warum zur Hölle erlaube ich mir, wieder zu trinken?

Sowohl Stüben als auch Hüllinghorst bestätigten mir, was ich bereits am eigenen Leib spürte: Ein Leben ohne Alkohol fühlt sich nicht nur gut an, es ist auch eindeutig die gesündere Wahl. Und doch erlaube ich mir nun, nach einem Jahr ohne Alkohol, ihn wieder zu trinken. Bevor die abstinenten Menschen dieser Welt jetzt mit dem Kopf schütteln und die Alkoholliebhaber dieser Welt sich bestätigt fühlen, lasst mich jedoch klarstellen: Nur weil ich es mir erlaube, heißt das nicht, dass ich wieder trinken werde.

Ich habe mir ein Jahr lang verboten, Alkohol zu trinken. Ich bin so hart mit mir ins Gericht gegangen, dass ich kein Risotto gegessen habe, welches mit Weißwein zubereitet wurde – auch wenn dieser verkocht war. Ich habe keine alkoholfreien Aperitifs in Bars bestellt, aus Angst, Kellner würden Bestellungen durcheinanderbringen und mir aus Versehen einen alkoholischen Drink servieren. Ich habe jede Flasche Malzbier minutiös darauf geprüft, dass tatsächlich kein Alkohol enthalten ist. Kurzum: Mein Verbot sorgte dafür, dass ich regelrecht Angst davor hatte, aus Versehen zu trinken.

Indem ich mir nun wieder erlaube, zu trinken, hoffe ich, mir diese Angst zu nehmen. Dass ich dennoch nicht trinke, ist eine freie Entscheidung. Ich entscheide mich in diesem Sinne nicht gegen etwas, indem ich mir das Trinken verbiete. Ich entscheide mich für etwas – und zwar für ein abstinentes, gesundes und glückliches Leben.

Alkohol Kollegen
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