Ich habe das Banknoten-Parfum aus dem Finanzamt Karlsruhe getestet – und war vom Duft des Geldes enttäuscht

Robin Wille
·Lesedauer: 4 Min.
"Aerarium"-Flakon und Business-Insider-Redakteur
"Aerarium"-Flakon und Business-Insider-Redakteur

Die Antwort auf die Frage, wie Geld riecht, liegt in Karlsruhe, Durlacher Allee 29, Finanzamt. Ein kalter und beiger Neubau. Dort stehen links vom Haupteingang, in einer Glasvitrine, hinter einem hohen Fenster, blaue, türkis-grüne und rote Flakons. Dafür verantwortlich ist die Konzeptkünstlerin Katharina Hohmann. Sie hat im Rahmen eines Kunst-am-Bau-Wettbewerbs ein Parfum geschaffen: „Aerarium.“ Es soll nach Banknoten riechen.

Der Begriff leitet sich aus dem lateinischen Begriff für Bronze, „aes“, ab. Außerdem war das „Aerarium“ früher die antike römische Staatskasse, im Tempel des Saturns in Rom. Inspiriert habe Hohmann, dass sich auf dem Neubaugelände des Finanzamts ehemals die Parfümerie und Seifenfabrik F. Wolff und Sohn befand. „Wolff und Sohn, man riecht es schon“, sagen die alten Karlsruher noch heute.

60 Euro - das ist das teuerste Parfum, das ich jemals gekauft habe

Das Parfum zu erhalten ist gar nicht so einfach. Es ist Mittwochmorgen, ich habe es gerade online im Shop der Künstlerin gekauft. 60 Euro, das teuerste Parfum, das ich jemals gekauft habe – mit Abstand.

Für die Kosten interessiert sich jetzt auch der Bund der Steuerzahler in Baden-Württemberg. Der will prüfen, ob das Parfüm ein Kandidat für das sogenannte Schwarzbuch ist, in dem der Verein alljährlich die Verschwendung von Steuergeld anprangert. Ein Sprecher des Finanzministeriums erklärte, die Ausgaben für das Kunstwerk hätten 90.000 Euro betragen, die Investition in den Neubau insgesamt rund 27 Millionen Euro. Bei Neu-, Um- und Erweiterungsbauten des Landes Baden-Württemberg könnten "soweit Zweck und Bedeutung der Baumaßnahme dies rechtfertigen" bis zu ein Prozent der anrechenbaren Kosten für sogenannte Kunst am Bau veranschlagt werden.

Finanzamt und Parfümerie in Karlsruhe
Finanzamt und Parfümerie in Karlsruhe

Doch zurück zu meiner Odyssee des Parfüm-Ergatterns. Nach dem Bezahlen erhalte ich eine E-Mail, darin heißt es, ich könnte den Duft zu den Öffnungszeiten des Finanzamtes abholen. Zur Sicherheit rufe ich im Amt an: Nach einigen Minuten in der Warteschleife erhalte ich nicht gerade freundlich die Information, ich bräuchte einen Termin, die Künstlerin werde sich bei mir melden. Zwar ist das Finanzamt nicht Douglas, aber es ist jetzt eben auch eine Parfümerie und beim Kundenservice ist noch Luft nach oben.

Nach einigem Hin und Her bekomme ich doch kurzfristig einen Termin und halte kurz darauf mein eigenes „Aerarium“ in den Händen.

Das Geld verwandelt sich immer wieder in Duft

Ich mag meinen Flakon. Er ist schmal, wölbt sich leicht, weiße Punkte sprenkeln den dunkelblauen Bauch, ein grüner Verschluss sitzt auf. 600 Einzelstücke seien im Schwarzwald hergestellt worden. Der Preis setze sich aus den Produktionskosten zusammen, mit dem eingenommenen Geld solle eine neue Charge finanziert werden. So trage das Produkt nicht zur Kapitalvermehrung bei, das Geld verwandele sich immer wieder in Duft.

Jetzt will ich endlich wissen, wie Geld riechen soll. Ich bin etwas aufgeregt und öffne den Flakon.

Gurke. Für mich riecht Geld, das ist die unprätentiöse Erkenntnis dieses Selbstversuchs, nach Gurke. Und damit meine ich eine Moscow-Mule-Gurke, nicht diese kleinen Cornichons. Der Duft schießt mir hoch in die Nase und setzt sich fest. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das gut finden soll oder es mich wahnsinnig macht.

Eigentlich besteht die Kopfnote des Parfums aus „kostbarer Iris aus Florenz“ und einer „Tinktur aus weißer Ambra, der Duft des Geldes“. Die Herznote: „Mimosa Absolue aus Frankreich, Feigenblätter, Cannabis.“ Und die Basisnote: „Frisch gedrucktes Geld, weißer Moschus, Wildleder.“

"Geld stinkt nicht"?

Ich suche einen Vergleich, öffne meinen Geldbeutel und hoffe inständig, dass meine Nachbarin, die gegenüber am Fenster wie ich vor ihrem Laptop sitzt, nicht erkennen kann, was ich mache. „Geld stinkt nicht“, heißt es. Ich stelle fest: Geld riecht nicht. Dafür riecht mein „Aerarium“. Wenn auch nicht nach Banknoten, dafür hätte es aller Erkenntnis meines Selbstversuches nach auch Leitungswasser getan.

Zum Glück liefert mir Hohmann in ihrer Produktbeschreibung eine Erklärung: Geld wie Parfum funktionierten auf der Ebene von Beziehungen, „nämlich den Wechselwirkungen unter den Menschen“. Geld erscheine „insbesondere in der digitalen Ära als omnipräsente, materielle Abwesenheit.“. Duft sei „ätherisch, so präsent wie ungreifbar“. Ungreifbar, denke ich, das trifft es doch ganz gut.

"Geld wie Parfum funktionieren auf der Ebene von Beziehungen"

Künstlerin Hohman liefert noch einen Hintergrund zum Parfüm: „Aerarium stellt damit vielleicht auch ein bisschen die Frage nach Wert und Wertigkeit von Geld, Ware, Luxus und Kunst in einem kapitalistischen System.“ Ich muss schmunzeln, ich mag den Satz, er klingt so klug. Er lässt mich aber auch etwas ratlos und mit dem Geruch des Gurkenwassers in der Nase zurück. Das zu schreiben ist mir unangenehm, schließlich handelt es sich um Kunst. Doch wenn Kunst im Auge des Betrachters liegt, dann liegt sie in diesem Fall in der Nase des Käufers.

Das konzeptuelle Kunstwerk mache „die philosophische Assoziation von Duft und Geld erlebbar“, schreibt Hohmann. Vermutlich liegt es an mir. Ich habe mich nie sonderlich für Kunst interessiert, mochte aber die Seerosen von Monet in Paris. Für mich besteht die größte Kunst darin, auf grünem Untergrund einem Ball hinterherzujagen und dabei möglichst elegant auszusehen. Ich mag Geld, mache mir aber auch nicht viel daraus, sonst wäre ich nicht Journalist geworden. Insofern passt es, denke ich, ganz gut, wenn ich beim Duft von Geld eine Gurke rieche.

Mit Material von dpa