Höhere Inflation gibt Weidmann Rückenwind


Am kommenden Donnerstag kommt es in der Europäischen Zentralbank (EZB) zum großen Showdown. Notenbankchef Mario Draghi, Bundesbankchef Jens Weidmann und ihre Kollegen aus dem EZB-Rat entscheiden dann über den weiteren Kurs in der Geldpolitik. Viele Analysten erwarten ein Signal für ein baldiges Auslaufen der billionenschweren Anleihekäufe der Notenbank. Weidmann hat sich bereits klar positioniert: Er sieht keinen Bedarf, die massiven Anleihekäufe der Notenbank 2018 fortzuschreiben. Doch ob am Donnerstag tatsächlich die Entscheidung fällt, die Käufe im nächsten Jahr herunterzufahren, ist längst nicht ausgemacht. Denn vielen Ratsmitgliedern bereitet vor allem der gestiegene Euro-Wechselkurs Sorgen.

Die aktuellen Inflationszahlen für den Euro-Raum verleihen jedoch Weidmann und anderen Ausstiegsbefürwortern etwas Rückenwind. Die Verbraucherpreise im Währungsraum stiegen im August um 1,5 Prozent zum Vorjahresmonat, wie das Statistikamt Eurostat in einer ersten Schätzung mitteilte. Im Juli lag das Plus bei lediglich 1,3 Prozent. Das mittelfristige Inflationsziel der EZB liegt bei etwa zwei Prozent.


Um dies zu erreichen, kauft die Notenbank seit März 2015 massiv Anleihen der Euro-Länder. Daher spielt die Preisentwicklung eine entscheidende Rolle bei der Frage über die Zukunft der billionenschweren Anleihekäufe. Die Notenbank hat eine Diskussion darüber für den Herbst angekündigt. Viele Experten gehen davon aus, dass die EZB die Käufe ab Januar 2018 schrittweise reduziert.

Allerdings hatten bereits auf der Juli-Sitzung der Notenbank einige Ratsmitglieder vor einem überschießenden Euro-Kurs gewarnt. Seit Jahresbeginn hat der Euro im Verhältnis zum Dollar schon mehr als 13 Prozent zugelegt. Ein höherer Wechselkurs wirkt sich ähnlich aus wie eine geldpolitische Straffung: Er macht Waren hiesiger Firmen auf dem Weltmarkt teurer und verschlechtert dadurch ihre Wettbewerbsfähigkeit - gleichzeitig macht er Importe billiger und drückt so die Inflation im Euro-Raum.

Noch sehen Ökonomen keinen Grund zur Panik und führen den Anstieg weitgehend auf fundamentale Gründe zurück, wie die geringere politische Unsicherheit im Euro-Raum. Wenn aber die rasante Entwicklung beim Wechselkurs so weitergeht, wird es für Unternehmen immer schwieriger, sich kurzfristig anzupassen.


Bereits ein sich andeutender geldpolitischer Kurswechsel kann zu stärkeren Bewegungen am Devisenmarkt führen, denn Wechselkurse reagieren weniger auf Ist-Zustände als vielmehr auf eine sich ändernde Geldpolitik. Steigen die Kapitalmarktzinsen im Euro-Raum, wird es für Investoren attraktiver, ihr Geld im Euro-Raum statt in anderen Währungsräumen wie den USA anzulegen – und es entsteht Aufwertungsdruck beim Euro. Der Wechselkurs reagiert daher auf geldpolitische Signale sehr schnell.

Auch wenn ein stärkerer Euro kein Grund zur Panik ist, könne er den Zeitplan der EZB beim Herunterfahren der Anleihekäufe beeinflussen, schreibt ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. Auch daher dürften die neuen Inflationszahlen bei Ausstiegsbefürwortern wie Jens Weidmann sehr willkommen sein.