„Ich hätte mir gewünscht, noch zu Lebzeiten meines Vaters Geschäftsführerin zu werden“: Wie diese Frau mit 26 Jahren über Nacht einen Familienbetrieb mit 40 Mitarbeitern übernahm

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Denise Schurzmann, Geschäftsführerin der Krause Industrieschaltanlagen GmbH
Denise Schurzmann, Geschäftsführerin der Krause Industrieschaltanlagen GmbH

Dieser Artikel ist Teil des Zukunftsmacherinnnen-Rankings von Business Insider. Das komplette Ranking findet ihr hier.

Als am 11. September 2001 die Türme des World Trade Centers in New York einstürzten, war Denise Schurzmann zwölf Jahre alt. Heute sagt sie: „Alle Katastrophen passieren am 11. September – auch meine.“ Am 11. September 2015, einem Freitag, starb ihr Vater an Leberkrebs. Er hinterließ nicht nur eine Lücke im Leben seiner Tochter, sondern auch an der Spitze des Familienbetriebs, einem Unternehmen für Industrieschaltanlagen. Schurzmann hatte bereits während ihres Studiums im Unternehmen mitgearbeitet. Aber plötzlich war die damals 26-Jährige verantwortlich für 40 Mitarbeiter und mehrere Millionen Euro Umsatz.

Am Montag nach dem Tod ihres Vaters ging Schurzmann in den Betrieb, trat vor die Mitarbeiter, die sich in der Produktionshalle versammelt hatten, und teilte ihnen mit, dass der Chef gestorben sei. „Dass ich das niemand anderen habe machen lassen, wurde mir hoch angerechnet“, sagt sie. Auch, wenn es sehr emotional und mit Tränen verbunden gewesen sei. Aber es sei ihr wichtig gewesen, der Belegschaft Sicherheit zu vermitteln und zu sagen: „Ich übernehme das Unternehmen.“

Die Geschichte Denise Schurzmanns zeigt, wie sich eine junge Frau in einer männerdominierten Branche behaupten musste und durchsetzte. Sie zeigt aber auch, wie wichtig es für Familienunternehmen ist, die Nachfolge rechtzeitig zu regeln und die kommende Generation frühzeitig einzubinden und ihr Verantwortung zu übertragen.

"Elektrische Gehirne von Maschinen"

Das graue Firmengebäude der Krause Industrieschaltanlagen GmbH liegt am Rande eines kleinen Industriegebiets in Raubling, Oberbayern, keine zehn Kilometer südlich von Rosenheim. Es ist Mitte Oktober, Schurzmann trägt einen blauen Anzug, ein weißes T-Shirt und Sneakers, als sie durch die Produktionshallen führt. Im Herzen der Halle stehen die Schaltschränke, die „elektrischen Gehirne von Maschinen“, wie Schurzmann sie nennt. An den Schränken werkeln die Elektroniker, an den Wänden hängen verblichene Poster ehemaliger FC-Bayern-Fußballer.

Wer glaubt, Schurzmann sei nur wegen ihres Vaters auf ihrem Posten gelandet, der irrt sich. Schurzmann hat sich hochgearbeitet. Nach ihrem Realschulabschluss machte sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau. Zunächst in einem Industriebetrieb und dann, nachdem die Niederlassung geschlossen wurde, in der Baubranche. Schurzmann muss lachen, wenn sie an die Zeit zurückdenkt, in der sie noch handschriftlich verfasste Faxe verschicken musste.

"Das kann es noch nicht gewesen sein"

Nach der Ausbildung arbeitete sie für zwei Firmen im Büro als Assistentin. „Dann habe ich aber gedacht: Das kann es noch nicht gewesen sein.“ Sie begann ein Bachelor-Studium in Wirtschaftsingenieurswesen in Rosenheim, zunächst in Vollzeit. Als die Krebserkrankung ihres Vaters begann, kehrte sie in den Familienbetrieb zurück und studierte in Teilzeit weiter. Im vergangenen Jahr schloss Schurzmann ihren Master in „Executive Management“ ab.

„Mein Papa war sehr patriarchisch und hat das Unternehmen sehr stark selbst geführt“, sagt Schurzmann. Der Vater habe kaum etwas aus der Hand gegeben. Schurzmann durfte kein einziges Kundengespräch, geschweige eine Verhandlung, führen. „Er hat bis zum Schluss sehr viel selbst gemacht“, sagt Schurzmann. Von einem geregelten Übergang kann nicht die Rede sein. „Ich hätte mir gewünscht, noch zu Lebzeiten meines Vaters Geschäftsführerin zu werden“, sagt sie. Sie appelliere an die ältere Generation, rechtzeitig vorzusorgen, es könne so schnell gehen. „Ich habe quasi von heute auf morgen den Berater an meiner Seite verloren.“

"Ich arbeite hier in einer kompletten Männerbranche"

Als sie dann Geschäftsführerin wurde, hätten sie die Kunden nervös angerufen und Termine verlangt. „Ich war 26, hatte nur 50 Kilo und war auch damals schon blond“, sagt Schurzmann. Die Kunden hätten sie von oben bis unten gemustert und gefragt, was sie denn vorher so gemacht hätte. „Ich arbeite hier in einer kompletten Männerbranche. In den vergangenen Jahren hatte ich genau eine Frau als Ansprechpartnerin bei unseren Kunden.“ Schurzmann musste sich also beweisen. Den Kunden sagte sie zu, dass die Vereinbarungen mit dem Vater Bestand hätten und alles so laufe wie bisher.

Seit Schurzmann Geschäftsführerin ist, ist immer was los. Die Übernahme der Geschäftsführung, die Corona-Krise und jetzt die Probleme beim Material und den Lieferketten. „Jeder Tag ist eine Herausforderung“, sagt Schurzmann. Aktuell komme das Material oft nicht wie geplant, entsprechend verlängere sich die eigene Lieferzeit und die halbfertigen Produkte in der Halle häuften sich. „Wir haben hier Schränke für 250.000 Euro, die wir nicht ausliefern können, weil eine SD-Karte fehlt.“

Ein Thema, das Schurzmann derzeit auch beschäftigt, ist die Frage, wie sie Frauen für die technische Ausbildung zur Elektronikerin für Betriebstechnik gewinnen kann. Das sei kein leichtes Unterfangen. „Ich glaube, dass sich Frauen, ganz egal in welcher Sparte, häufig nicht so viel zutrauen.“ Schurzmann ist davon überzeugt, dass Eltern ihre „Kinder nicht in Geschlechter-Schubladen pressen“ und sie dabei unterstützen sollten, wofür sie sich wirklich interessieren. Helfen sollen dabei auch mehr Praktiken während der Schulzeit, um „in verschiedene Berufe reinschnuppern zu können“.

„Ich bin niemand, der daheim im Keller hockt und schimpft“

Dafür kann sich Schurzmann künftig auf Bundesebene politisch einsetzen. Sie wurde zur Bundesvorsitzenden der Wirtschaftsjunioren Deutschland gewählt, dem größten Verband für junge Unternehmerinnen, Unternehmer und Führungskräfte unter 40 Jahren. Bereits ihre Eltern hatten sich in dem Verband engagiert, Schurzmann ist mit ihm groß geworden, seit 2011 ist sie selbst Mitglied. „Ich bin niemand, der daheim im Keller hockt und schimpft“, sagt sie. Stattdessen wollte sie ihren Anliegen Gehör verschaffen. „Warum also nicht an der Spitze des Bundesverbandes der jungen Wirtschaft?“

Dabei hätte Schurzmanns Karriere auch ganz anders verlaufen können. Nicht weit entfernt von ihrem Unternehmen hat ihre Mutter einen großen Stall und eine Reitanlage mit Schulbetrieb. Schurzmann selbst war leidenschaftliche Springreiterin, war sogar im bayerischen Landeskader, erzählt sie. „Mit 16 habe ich schon mit dem Gedanken gespielt, das zum Beruf zu machen“, sagt sie. Letztlich entschied sie sich aber, auch auf den Rat ihrer Mutter hin, dagegen.

Heute reitet sie immer noch fast täglich. „Das ist mein Ausgleich zur Arbeit und zum Ehrenamt“, sagt sie. Und auch während der Arbeit ist eines ihrer Pferde immer bei ihr. Hinter ihrem großen Schreibtisch im lichtdurchfluteten Büro mit der breiten Fensterfront ragt „Cid“ auf einem rot-gelben Gemälde hervor, der gerade zum großen Sprung ansetzt.

Schurzmann jedenfalls hat den Sprung zur Geschäftsführerin erfolgreich gemeistert.

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