„Das hätte sich nicht einmal George Orwell vorstellen können“


Es ist schon zu einem Davoser Ritual geworden: Am vorletzten Abend des alljährlichen Weltwirtschaftsforums lädt Starinvestor George Soros zum Dinner ins Hotel Seehof, um zum politischen und wirtschaftlichen Rundumschlag auszuholen. Normalerweise kriegen dabei vor allem Autokraten und populistische Politiker ihr Fett weg – von Wladimir Putin bis hin zu Donald Trump. Doch an diesem Donnerstagabend hat sich der Milliardär einen neuen Gegner ausgesucht: Die großen US-Tech-Konzerne wie Google und Facebook.

„Soziale-Medienunternehmen täuschen ihre Nutzer, indem sie ihre Aufmerksamkeit manipulieren und diese auf ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen lenken“, sagte der 87 Jahre alte Investor in Davos. In ihren Anfängen hätten Firmen wie Facebook und Google innovativ und befreiend gewirkt. Doch seitdem sich diese Konzerne zu mächtigen Monopolen entwickelt hätten, würden sie Innovationen eher behindern.

Der Philanthrop schleuderte noch einen viel schlimmeren Vorwurf hinterher: Die sozialen Medien würden Einfluss darauf nehmen, wie die Menschen denken und sich verhalten, ohne dass sich letztere dessen überhaupt bewusst seien. „Das hat gravierende negative Auswirkungen auf Demokratien, vor allem aber auf die Integrität von Wahlen“, so Soros, der mit seiner Open Society Foundations dafür kämpft, die freiheitliche Grundordnung weltweit zu verteidigen.


Facebook war wegen der Verbreitung von Falschmeldungen in den vergangenen Jahren immer mehr in die Kritik geraten. So war Russland verdächtigt worden, den US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 durch gezielt über die Internetplattform verbreitete „Fake News“ zu beeinflussen. Das amerikanische Unternehmen hatte vor einigen Monaten eingeräumt, dass während des Wahlkampfs rund 80.000 verdächtige Beiträge 126 Millionen Amerikaner erreicht hätten.

Auch in Davos wurden die US-Techkonzerne in diesem Jahr mit deutlich kritischerem Blick betrachtet als in den Vorjahren. So nutzte die britische Premierministerin Theresa May ihren Auftritt in den Graubündner Bergen am Donnerstag nicht etwa, um die Folgen des Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union darzustellen. Sondern sie stänkerte unter anderem gegen die Social-Media-Plattformen. Es gebe einen großen Vertrauensverlust, beklagte sie. Die Konzerne müssten alles dafür tun, um die Sicherheit ihrer Kunden wieder zu garantieren.

Soros verglich die sozialen Medien mit Casinos, die ihre Spieler bewusst in die Abhängigkeit trieben. Das sei insbesondere für Jugendliche sehr schädlich. „Etwas sehr Schädliches und vielleicht Unumkehrbares passiert mit der menschlichen Aufmerksamkeit in unserem digitalen Zeitalter“, sagte der Investor. Es gehe nicht nur um Ablenkung und Abhängigkeit. „Soziale Medienunternehmen verleiten die Menschen dazu, ihre Autonomie aufzugeben. Die Macht, die Aufmerksamkeit der Leute zu formen, ist immer mehr in den Händen einiger weniger Unternehmen konzentriert.“

Menschen, die im digitalen Zeitalter aufwachsen, drohten die geistige Freiheit zu verlieren und könnten daher leicht manipuliert werden, sagte Soros, um danach noch ein düsteres Zukunftsszenario aufzumalen: eine Allianz zwischen autoritären Staaten und den großen, datenreichen Monopolunternehmen. Diese würde die neuentstandenen Systeme der privatwirtschaftlichen Überwachung mit einer bereits ausgereiften staatlichen Überwachungsstruktur zusammenbringen. „Das könnte in einem Netz totalitärer Kontrolle enden, welches sich in dieser Form noch nicht einmal Aldous Huxley und George Orwell haben vorstellen können.“

Allerdings sagte Soros den Tech-Konzernen schwerere Zeiten voraus. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis deren Dominanz gebrochen werde. „Davos ist ein guter Ort um zu verkünden, dass ihre Tage gezählt sind.“ Ein Mix aus Regulierung, höheren Steuern und den Taten der EU-Wettbewerbskommissarin Margarethe Vestager werde sie in Zukunft schwer belasten. Vestager wurde in den US-Medien als „die Frau, die das Silicon Valley fürchtet“ bezeichnet, seitdem sie unter anderem wettbewerbsrechtlich mit einer Milliardenstrafe gegen Google vorgegangen war.


Soros war allerdings lange selbst großer Aktionär bei Tech-Konzernen. Soros Fund Management war zuletzt unter anderem in Aktien von Facebook investiert.

Soros hat sich immer wieder durch markante Sprüche und unkonventionelle Ansichten hervorgetan. Berühmt geworden ist der in Ungarn geborene und bei der dortigen populistischen Regierung Viktor Orbáns in Ungnade gefallene Kämpfer für eine liberale Welt durch seine erfolgreiche Spekulation gegen das britische Pfund in den 1990er-Jahren.

Nicht so erfolgreich waren allerdings zuletzt seine Vorhersagen. Der auch als Orakel der Finanzmärkte geltende Investor hatte direkt nach dem Wahlsieg Donald Trumps zunächst viel Geld auf einen Börsenabschwung gewettet – und verloren. In Davos sagte er vor einem Jahr ein baldiges Ende der durch Trump angetriebenen Börsenhausse voraus. Seither sind die amerikanischen Aktienindizes von einem Rekordstand zum nächsten geeilt.