Die guten Seiten des Ölpreis-Anstiegs

Der Ölpreis klettert seit Wochen und erreicht ein Zwei-Jahres-Hoch. Darüber können sich Produzenten und das Ölkartell Opec freuen. Doch auch für Verbraucher hat der Preisanstieg etwas Gutes – zumindest mittelfristig.


Der aktuelle Höhenflug beim Ölpreis kennt kein Ende. Am Mittwoche verteuert sich ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zeitweise um mehr als 50 Cent auf 61,50 Dollar und kostet damit so viel wie seit zwei Jahren nicht mehr. Es scheint, als kann die Industrie dem Abschwung der vergangenen Jahre endgültig entkommen.

Den jüngsten Schub lieferten Zahlen aus den USA. Laut dem Öl-Branchenverband API haben sich die Öllager in der vergangenen Woche um fünf Millionen Barrel entleert. Die offizielle Schätzung der Energiestatistikbehörde EIA rechnet zwar nur mit knapp der Hälfte – der positiven Grundstimmung am Markt konnte dies aber nur einen kurzen Dämpfer verpassen.


Seit Wochen steigt der Preis für Öl. Allein im Oktober ging es um knapp sieben Prozent nach oben. Zugeschrieben wird das nicht zuletzt der Förderkürzung der Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) gemeinsam mit zehn Nicht-Opec-Staaten wie Russland. Bei dem seit Beginn des Jahres laufenden Abkommen haben sich die Produzenten abgesprochen, dem Markt täglich 1,8 Millionen Barrel Öl weniger zu liefern als im Oktober 2016.

Gelang es dem Kartell in der Vergangenheit kaum, derartige Vereinbarungen umzusetzen, funktioniert es heute gut. Laut einer Reuters-Umfrage stieg die Umsetzungsquote im Oktober auf 92 Prozent. Vor allem der Irak, der drittgrößte Opec-Produzent und bis dato bedeutendste Nachzügler, was die Umsetzung angeht, konnte deutlich zulegen. Die Analysten der Commerzbank schreiben dies jedoch den Lieferunterbrechungen aufgrund des Kurdenkonflikts im Norden des Landes zu. „Dies dürfte aber kaum von Dauer sein“, schreiben die Commerzbank-Experten in einem Kommentar.


Trotzdem glauben auch sie: „Die selektive Wahrnehmung der Marktteilnehmer dürfte die Ölpreise zunächst weiter steigen lassen.“ Zuletzt gab es eine schiere Flut an ölpreistreibenden Nachrichten: Neben den zuletzt wöchentlich fallenden Lagerbeständen in den USA sind das immer wieder Erfolgsbotschaften der Förderkürzung. Vor wenigen Tagen betonte Opec-Generalsekretär Mohammed Barkindo, dass die Nicht-Opec-Staaten ihren Zusagen gänzlich nachkämen.

Nun steht offenbar einer Verlängerung der im März 2018 auslaufenden Förderkürzung kaum noch etwas im Wege. Nach Russland zeigte sich nun auch Saudi-Arabien offen dafür. Den zwei größten Ölproduzenten der Welt, die gemeinsam für etwa ein Fünftel der Förderung stehen, geben ihren Allianzpartnern damit einen klaren Weg vor. Am 30. November treffen sie sich in Wien, um das weitere Vorgehen zu beschließen.


Investitionen in Volumen von einer Billion Dollar gestrichen


Werden Öl und die daraus verarbeiteten Produkte wie Heizöl, Benzin oder Diesel damit teurer und teurer? Einen unaufhaltsamen Ausbruch nach oben müssen Verbraucher offenbar nicht befürchten. Analysten wie Jan Edelmann von der HSH Nordbank glauben, dass eine Verlängerung der Förderkürzungen bereits eingepreist sind. Mit seiner Einschätzung steht er nicht allein da.

Das Gros der von Bloomberg erfassten Analysten rechnet für Ende dieses Jahres mit einem Preis von 54 Dollar je Barrel – also deutlich weniger als heute. Im kommenden Jahr droht aufgrund neu an den Markt kommender Großprojekte und Schieferölquellen erneut ein Überangebot, das den Preisauftrieb im Zaum halten sollte.

Statt sich über die zuletzt gestiegenen Ölpreise zu sehr zu ärgern, können sich Verbraucher mit einem Ausblick trösten: Möglicherweise entgehen sie so einem Preisschock nach 2020. Denn auf absehbare Zeit wird die Nachfrage weiter steigen. Nach dem Preiseinbruch nach 2014 haben Ölkonzerne aber kaum noch in neue Projekte investiert.

Laut einer Analyse der Energieberatungsfirma Wood Mackenzie haben sie Investitionen in Höhe von einer Billion Dollar gestrichen. Schon seit längerem mahnt Internationale Energieagentur deshalb vor einer Ölknappheit in Zukunft.


Nötig sind nicht nur neue Felder. Auch ein Teil der aktuellen Förderung muss ständig erneuert werden. Je leerer ein großes Ölfeld wird, desto geringer wird auch der Druck. Und mit ihm fällt die Produktion. Diese sogenannte „Decline Rate“ – also die Rückgangsrate – liegt bei rund fünf Prozent. Jährlich müssen bei der derzeitigen Produktion von knapp 97 Millionen Barrel also allein vier bis fünf Millionen Barrel ersetzt werden.

Der Ölpreisanstieg hat insofern auch sein Gutes für Verbraucher: In diesem Jahr rechnen die Experten erstmals seit dem Preiseinbruch nach 2014 wieder mit einem steigenden Investitionen in neue Ölförderprojekte. Ein Preisschock in den kommenden Jahren lässt sich noch vermeiden.